20.11.2020 - 17:12 Uhr
AmbergOberpfalz

Alois Karls letzter Geburtstag im Bundestag

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Eine „logistische Herausforderung“ ist Alois Karls (CSU) Feier zum 70. Geburtstag am Sonntag: Der Abgeordnete empfängt Gratulanten im Viertelstundentakt einzeln und mit Maske. Ein Rückblick auf drei Jahrzehnte politisches Leben.

CSU-Bundestagsabgeordneter Alois Karl feiert an diesem Sonntag seinen 70. Geburtstag. Es wird ein Tag, der so ganz anders sein wird als gedacht.
von Jürgen Herda Kontakt Profil

Runder Geburtstag unter Corona-Bedingungen, auch Alois Karl bleibt nichts erspart: "Eine Tochter mit Familie kommt vormittags, die andere nachmittags", schildert der CSU-Abgeordnete für den Wahlkreis Amberg und Neumarkt den Plan. Anschließend stehen die Gäste im Viertelstundentakt Spalier: "So hab ich auch noch nie Geburtstag gefeiert", seufzt er, "das ist zwar etwas unhöflich, aber die Leute verstehen das."

Einen Geburtstag ganz anderer Art durfte Karl zu seinem Bundestags-Debüt 2005 feiern: Zeitgleich wurde Angela Merkel zum ersten Mal zur Kanzlerin gewählt. "Ein Auftakt nach Maß", erinnert er sich gerne an seinen 55, "das Foto mit der CDU-Vorsitzenden hab ich noch." Damals wurde aus Alois Karl, dem Oberbürgermeister an der Spitze der Stadt Neumarkt einer von 709 Abgeordneten. Es hieß, erst einmal die harten Hinterbänke drücken. Bereut hat er den Wechsel nie: "Es stimmt schon, als OB ist man in einer herausgehobenen Position", sagt der Jurist. "Ich hatte immer absolute Mehrheiten, es wurde meistens so gemacht, wie wir uns das im CSU-Team vorgestellt haben." Auf der anderen Seite würden halt die eigentlich wichtigen Entscheidungen in Berlin getroffen.

"So hab ich auch noch nie Geburtstag gefeiert, das ist zwar etwas unhöflich, aber die Leute verstehen das."

Alois Karl

Alois Karl

Corona macht Strich durch schwarze Null

"In Neumarkt haben wir bis auf einen nur positive Haushalte hinbekommen", sagt er stolz, "da wurde ich mit dem Erfolg stärker identifiziert." Ab er auch in Berlin habe er seit 2014 an neuverschuldungsfreien Haushalten mitgewirkt: "Da ist man Teil des Teams." Jetzt macht Corona einen Strich durch die schwarze Null: "Ungewöhnliche Situation erfordern außergewöhnliche Entscheidungen", begründet er die Ausnahme, "auch bei der Weltfinanzkrise 2008/9, die wir ja nicht verursacht hatten, mussten wir mit viel Geld reagieren."

In der Hauptstadt hat Karl die richtig wichtigen Leute kennengelernt: Horst Köhler, Angela Merkel, Frank-Walter Steinmeier, Joachim Gauck - die Liste der prominenten Politiker, mit denen Alois Karl schon zu tun hatte, ist lang. "Als Frank-Walter Steinmeier noch Außenminister war, bin ich gerne auf ein Bier mit ihm gegangen." Nanu, wie kam's zu dieser parteiübergreifenden Männerfreundschaft? "Im Haushaltsausschuss war ich zuständig für den Etat des Außenministers", sagt Karl süffisant. Ein guter Grund, sich mit dem CSU-Finanzer gut zu stellen.

Auszeichnung aus Litauen

Auch mit dem Bundestagspräsidenten verbindet den Oberpfälzer einiges: "Als Wolfgang Schäuble noch Innenminister war, war ich Mitglied im Innenausschuss, als er 2009 Finanzminister wurde, wechselte auch ich in den Haushaltsausschuss." Da bleiben Begegnungen nicht aus: "Wir wurden gemeinsam vom Außenminister der Republik Litauen, Linas Linkevicius, mit dem Orden ,Stern der Litauischen Diplomatie' ausgezeichnet." Als Vorsitzender der Deutsch-baltischen Parlamentariergruppe hat Karl an den guten Beziehungen zu den Litauern mitgewirkt: "Durch deren leidvolle Vergangenheit als Teil der UdSSR und die Nachbarschaft zu Russland sieht man dort ein starkes Gefährdungspotenzial." Deshalb sei man dankbar für enge westliche Kontakte: "Die Bundeswehr führt zum Beispiel das NATO-Engagement dort an."

Eine Aufgabe hat den gelernten Kommunalpolitiker besonders Spaß gemacht: Förtdermittel in den eigenen Wahlkreis lenken. "Der Markt Rieden hat mit 1,3 Millionen Euro die bisher höchste Bundesförderung aus dem Programm ,Sanierung kommunaler Einrichtungen in den Bereichen Sport, Jugend und Kultur' in unserer Region erhalten", nennt er ein Beispiel.

"Ich will mich nicht loben, aber ich denke, ich habe hier schon einiges bewegt." Etwa auch 12 Millionen Euro für die Behinderteneinrichtung der Regens-Wagner-Stiftung im Kloster Michelfeld. "Auch beim überregionalen Straßenbau, etwa dem Ausbau der B85 oder dass wir es endlich schaffen, eine elektrifizierte Strecke nach Amberg zu bekommen, war ich nicht unbeteiligt."

Gemeinde Rieden erhält Zusage für 1,3 Millionen Euro

Rieden

Gewerbesteuerausfälle kompensiert

In den vergangenen zehn Jahren habe man "unglaublich viel Geld an die Kommunen überwiesen": "Eigentlich wird die Finanzierung der Kommunen über die Ländern organisert, aber dennoch hat der Bund 200 Milliarden Euro in die unterste staatliche Ebene gepumpt - das kommt auch unserer Region zugute." Auch die Rückkehr zur finanziellen Solidität sei für die Städte und Gemeinden ein Segen. "Weil während der Pandemie ein großer Teil der Gewerbesteuer ausfällt, gleichen wir mit weiteren 6 Milliarden Euro 50 Prozent der entgangenen Einnahmen aus."

Kein Licht ohne Schatten: Gab es auch peinliche Situationen in den vergangenen 15 Jahren? Die Watsch'n etwa für eine erboste Bäuerin, die Karl in Trautmannshofen mit einer Kanne Milch überschüttete? Seine Reue hält sich in Grenzen: "Das war halt eine reflexartige Handlung, das ist halt in meiner Heimat so." Wer austeilt, muss auch einstecken können. Autsch.

Für den 2021 frei werdenden Posten in Berlin stehen die Bewerber bereits Schlange - wenn auch zum Teil noch verdeckt. In Neumarkt haben sich bereits die CSU-Kreisvorsitzende Susanne Hierlund der CSU-Kreisrat und Vorsitzender der Stadtratsfraktion Marco Gmelch aus der Deckung gewagt. In Amberg fallen fünf Namen: Michaela Frauendorfer (Kreisvorsitzende Amberg), Barbara Gerl (Bezirksvorsitzende der Frauen-Union und Kreisrätin aus Freudenberg), Patrick Fröhlich (Vorsitzender der Bundeswahlkreiskonferenz und Fraktionschef in Sulzbach-Rosenberg), Stefan Braun (Bürgermeister von Kastl und stellvertretender Landrat) und Andreas Otterbein. Hat Karl Präferenzen? "Aus der Nachfolgefrage halte ich mich heraus", sagt er diplomatisch.

Und nach der politischen Rente?

Die ganz großen Pläne für die politische Rente hat er noch nicht gefasst: "Ich habe weder Angst vor der Bedeutungslosigkeit, noch Visionen für die Zukunft." Mit anderen Worten: 15,5 Jahre als OB und ebenso so lange im Bundestag ist auch mal genug. "Fast 32 Jahre im politischen Leben, da vernachlässigt man Familiäres, das wird sich künftig verbessern."

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