20.07.2021 - 15:44 Uhr
AmbergOberpfalz

Amberg: Leiter der Impfzentren sieht in Impfmüdigkeit eine Gefahr

Eine „Impfmüdigkeit“ in Sachen Corona beobachtet der Ärztliche Leiter der Impfzentren AM/AS, Dr. Michael Scherer. Angesichts steigender Inzidenzwerte rät er dringend zu Schutzimpfungen. Für Impfskeptiker hat er dagegen kein Verständnis.

Krankenschwester Gerlinde Schertl (links) spritzt im Beisein von Dr. Michael Scherer, dem Ärztlichen Leiter im Impfzentrum Sulzbach-Rosenberg, Ende Dezember 2020 zum ersten Mal den Impfstoff gegen Covid-19. Die 83-jährige Marga Weiß war die Erste, die ihn bekam.
von Externer BeitragProfil

Von Martina Beierl

ONETZ: Herr Scherer, beobachten Sie als Ärztlicher Leiter der Impfzentren AM/AS eine gewisse „Impfmüdigkeit“ bei den Menschen?

Michael Scherer: Absolut. Am 16. Juli erschienen im Impfzentrum Sulzbach-Rosenberg von 8 bis 17 Uhr lediglich 13 Personen ohne Termin und 9 Personen mit Termin zu Erst- oder Zweitimpfungen. Dafür wurden jeweils zwei Ärzte und zahlreiche medizinische Assistenzkräfte und Verwaltungskräfte vorgehalten.

ONETZ: Haben Sie Verständnis für Impfskeptiker?

Michael Scherer: Überhaupt nicht. Die zugelassenen Impfungen gegen das Coronavirus SARS Cov-2 sind wirksam und sicher. Sie sind die am besten überwachten Impfungen in der Geschichte der Impfungen; die Geschichte der Impfungen ist eine Erfolgsstory im Kampf gegen tödliche Erkrankungen und reicht zurück bis 1000 Jahre vor Christus, wo in Indien erste Impfungen gegen das Pockenvirus vorgenommen wurden. Nebenwirkungen, auch ernsthafte wie zum Beispiel Blutgerinnsel in Hirnvenen, können – wie bei jeder anderen Impfung auch – auftreten, sind aber auch erfolgreich zu therapieren, sofern sie rechtzeitig erkannt werden.

ONETZ: Warum scheinen sich die Menschen weniger Sorgen angesichts einer möglichen Coronainfektion zu machen als noch vor einigen Wochen?

Michael Scherer: Es liegt an der Sorglosigkeit des Sommers, den niedrigen Inzidenzwerten und an der Sehnsucht der Bürger nach Normalität und Freiheit. Leider aber auch an den unreflektierten Äußerungen zahlreicher Politiker und meist selbst ernannten Experten – darunter bedauerlicherweise auch Ärzte und Professoren, welche die nach wie vor bedrohliche pandemische Lage nicht erkennen (wollen) und möglicherweise auch einfachste statistische und mathematische Funktionen nicht interpretieren können.

ONETZ: Das Robert-Koch-Institut hält eine Impfquote von rund 85 Prozent für unerlässlich, um eine vierte Welle im Herbst zu verhindern. Schaffen wir das noch?

Michael Scherer: Ja, wir schaffen das, falls die derzeitige Impfmüdigkeit überwunden werden kann. Die Angebote sind da. Bei Hausärzten, Fachärzten, Betriebsärzten und in den Impfzentren. In den Impfzentren kann man ohne Termin erscheinen und sich eine Impfung jederzeit „abholen“.

ONETZ: Wer wären die Leidtragenden im Fall einer vierten Welle?

Michael Scherer: Alle nicht geimpften Personen, unabhängig vom Alter. Auch junge Menschen haben ein Risiko für einen gefährlichen Verlauf, wenngleich natürlich ein höheres Lebensalter häufiger mit schwerer Erkrankung, Krankenhauseinweisung oder Tod einhergeht.

ONETZ: Die Deltavariante ist auch im Landkreis Amberg-Sulzbach angekommen. Für wie gefährlich halten Sie dieses Virus?

Michael Scherer: Die Deltavariante ist wesentlich ansteckender als die Alphavariante des Coronavirus. Verfügbare Studien aus Kanada und Schottland beobachteten eine höhere Anzahl an schweren Verläufen bei der Deltavariante. Hingegen zeigen Daten aus England – wo die Deltavariante vorherrscht – erfreulicherweise eine geringere Sterblichkeit.

ONETZ: Was wissen Sie über Post-Covid bzw. Long-Covid bei der Delta-Variante?

Michael Scherer: Hierzu stehen noch keine aussagekräftigen wissenschaftlichen Daten zur Verfügung.

ONETZ: Wie gut sind Geimpfte bzw. vollständig Genesene gegenüber der Delta-Variante geschützt?

Michael Scherer: Zweifach mit den in Deutschland zugelassenen Impfstoffen geimpfte Personen sind nach der wissenschaftlichen Datenlage zu über 90 Prozent vor schweren Verläufen einer Coronaerkrankung geschützt. Genesene benötigen unbedingt eine einzige „Boosterimpfung“, die nun bereits vier Wochen nach Genesung verabreicht werden kann.

ONETZ: Welche Personengruppen sind besonders gefährdet?

Michael Scherer: Menschen mit ernsthaften Vorerkrankungen wie Diabetes mellitus, Bluthochdruck, Herzschwäche, Niereninsuffizienz, Krebserkrankungen und Immunschwäche. Weiterhin sind besonders gefährdet Personen mit erheblichem Übergewicht und auch Männer und Frauen in höherem Lebensalter. All diese Risikogruppen müssen unbedingt zweimal geimpft sein.

ONETZ: Seit dem 7. Juni können sich in Deutschland Kinder und Jugendliche ab 12 Jahren gegen das Coronavirus impfen lassen. Die Ständige Impfkommission empfiehlt den Impfstoff aber nur bestimmten Risikogruppen mit Vorerkrankungen. Welchen Rat geben Sie besorgten Eltern?

Michael Scherer: Die betroffenen Kinder und Jugendlichen sowie ihre Eltern sollten sich beim behandelnden Kinder- und Jugendarzt beraten lassen. Falls Vorerkrankungen oder Risikofaktoren bestehen, rate ich persönlich zur Impfung. Für gesunde Kinder und Jugendliche unter 16 Jahren kann auch ich keine generelle Impfempfehlung geben. Es sind noch nicht genügend wissenschaftliche Daten verfügbar.

ONETZ: Wird es für Schüler von Abschlussklassen und Vorabschlussklassen ein besonderes Impfangebot geben?

Michael Scherer: Im September könnte es nach meiner Auffassung für Abschlussklassen in Mittel- und Realschulen sowie für Oberstufenklassen der Gymnasien und für die Fachoberschulen ein spezielles Impfangebot in ihrer jeweiligen Schule geben. Sinnvoll ist ein solches Angebot nur, falls Schüler ab dem Alter von 16 Jahren ausdrücklich einbezogen sind. Hier warten wir auf eindeutige Aussagen der STIKO und der bayerischen Staatsregierung. Voraussetzung ist weiterhin, dass die mobilen Teams der Impfzentren dann noch einsatzbereit sind.

ONETZ: Die Sommerreisezeit steht vor der Tür und damit lauert die Gefahr, dass sich eine weitere Coronamutation, die Lambda-Variante aus Südamerika, in Deutschland verbreitet. Was weiß man über diese Mutante?

Michael Scherer: Bisher – Stand 14. Juli – wurden in Deutschland etwa 100 Fälle der aus Lateinamerika stammenden Lambda-Variante diagnostiziert. Der Anteil an der Gesamtzahl der Infektionen liegt derzeit bei nur 0,1 Prozent. Die wenigen vorliegenden Daten sprechen dafür, dass die Variante noch etwas ansteckender sein könnte. Die zur Verfügung stehenden Impfstoffe scheinen auch gegen die Lambda-Variante einen ausreichenden Schutz zu bieten. Es besteht somit kein Grund zur Panik. Unabhängig davon sollte jeder Bürger vorsichtig bleiben und die sinnvollen Schutzmaßnehmen weiter beherzigen (Abstand, Hygiene, Maske).

ONETZ: Was halten Sie von sogenannten „niederschwelligen Impfangeboten“ und wo in der Region können Sie sich diese vorstellen?

Michael Scherer: Das niederschwelligste sinnvolle Impfangebot ist in unserer ländlichen und klein- und mittelstädtischen Region die Impfung beim Hausarzt. Ich halte persönlich überhaupt nichts davon, ein Bierzelt in der Fußgängerzone, in der „Systemgastronomie“ oder vor dem Supermarkt aufzustellen, damit man seine Impfung „mitnehmen“ kann, wenn man einkaufen oder zum Kaffeetrinken geht. Die Impfzentren sind täglich ohne Terminanmeldung offen. Dennoch werden auf ausdrücklichen Wunsch der zuständigen Ministerien weitere Impfangebote an den genannten Orten kommen. Es bleibt abzuwarten, inwieweit diese Angebote angenommen werden.

Zur Coronalage in Amberg und Amberg-Sulzbach am 19. Juli

Amberg
Dr. Michael Scherer ist der Ärztliche Leiter der Impfzentren in Amberg und Sulzbach-Rosenberg.

 

 

Kommentare

Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich anmelden.

Bitte beachten Sie unsere Nutzungsregeln.