14.10.2021 - 16:24 Uhr
AmbergOberpfalz

Amberger Bauausschuss zu Besuch in der "Nordwand"

Entsteht in Kleinraigering eine Nordwand aus Beton – oder ist diese Gefahr inzwischen gebannt? Nach den eher theoretischen Diskussionen der vergangenen Monate macht sich der Amberger Bauausschuss jetzt vor Ort ein Bild.

Menschen zwischen Lattengerüsten. Der Bauausschuss schaute sich das Grundstück in Kleinraigering an, auf dem ein Investor eine Wohnanlage mit 73 Einheiten bauen will. Architekt Georg Zunner (Mitte) erläutert.
von Andreas Ascherl Kontakt Profil

Es ist das gute alte Lattengerüst, das dem Amberger Bauausschuss am Mittwoch die Entscheidung leicht macht. Acht dieser Gerüste hat der Bauträger auf Wunsch des Gremiums (und vor allem Rudolf Maiers (CSU)) auf der Obstwiese in Kleinraigering aufgestellt, auf der er unter anderem vier mehrstöckige Wohngebäude errichten will. Damit sind die Gebäudekanten und die höchsten Punkte der Gebäude sehr plastisch dargestellt. Das Fazit – zum Beispiel von Uli Hübner (SPD) – ist einmütig: "Man sieht, dass man nichts sieht." Von unten, vom Obstviertel aus, seien die Gerüste hinter den Bäumen und Büschen, die ja stehen bleiben sollen, fast überhaupt nicht auszumachen, so die nahezu einmütige Meinung des Bauausschusses. Der im Anschluss an den Ortstermin einstimmig Zustimmung für das laufende Bebauungsplanverfahren signalisiert.

Das mit dem Nichtsehen, das würden zumindest die direkten Anwohner aus dem Obstviertel so nicht unterschreiben. Sie fürchten sich vor der schieren Wucht der bis zu fünf Stockwerke hohen Gebäude, in denen der Bauträger nach aktuellen Planungen 73 Wohneinheiten schaffen wird. Sie fürchten auch den Verlust der Herbst- und Wintersonne und dass sie vor allem in der blattlosen Jahreszeit auf vier riesige Betonriegel oberhalb des Nordhangs beim Obstviertel schauen müssen. "Dabei haben wir hier so viel verändert, wie noch in keinem Verfahren bisher", versteht Baureferent Markus Kühne ein bisschen die Welt und die Obstviertler nicht mehr.

124 unterirdische Stellplätze

Noch einmal kommen die Fakten auf den Tisch: Die Autos der Anwohner werden komplett unter die Erde verbannt in eine Tiefgarage mit 124 Plätzen, oberirdisch findet auf dem Gelände damit kein Verkehr mehr statt. Das bietet laut Architekt Georg Zunner die Möglichkeit, zusätzliche Bäume an und zwischen den Gebäuden zu pflanzen. Zum Obstviertel hin wurden die Gebäudehöhen auf E+1 (Erdgeschoss plus ein Obergeschoss) abgesenkt, auf die ursprünglich vorgesehenen Riegel zwischen den Blöcken, die dem Projekt den wenig charmanten Namen "Kleinraigeringer Nordwand" eingebracht haben, verzichtet der Investor ganz.

Einigen Anwohnern geht das aber nicht weit genug, sie wollen noch weniger bis gar nichts an dieser Stelle haben. Vor Ort wird zum Teil hitzig diskutiert. Vor allem auf Architekt Georg Zunner und Oberbürgermeister Michael Cerny prasselt die Kritik ein. Müssen überhaupt so viele Wohnungen gebaut werden – und warum an dieser Stelle? Michael Cerny erläutert, dass die Nachfrage nach Wohnungen und Bauland in Amberg ungebrochen ist. Viele Menschen suchen Wohnraum in Amberg, um hierher ziehen oder bleiben zu können. Und es sei doch wesentlich besser, auf bereits vorhandenen Flächen nachzuverdichten, als noch mehr Baugebiete auf der grünen Wiese auszuweisen. "Und wenn man in der Stadt wohnt, muss man damit rechnen, dass neben einem gebaut wird." Dabei habe man die Möglichkeiten der Bayerischen Bauordnung noch nicht einmal im Ansatz ausgenutzt, wirft Architekt Georg Zunner ein. Und letztendlich würden doch die Häuser der Menschen, die sich jetzt beschweren, auch ihren Nachbarn das Licht und die Sonne nehmen, ergänzt Baureferent Markus Kühne.

Oberbürgermeister findet es spannend

Die Anwohner bleiben also unzufrieden zurück, der Bauausschuss setzt seine Sitzung im Rathaussaal fort. Es bleiben auch hier Fragen. So zweifelt Uli Hübner (SPD) daran, dass es wirklich sinnvoll sein wird, die Tiefgarage unter dem Areal sowohl über die Äußere Raigeringer als auch die Friedlandstraße anzubinden. "Bekommen wir damit nicht noch mehr Probleme?" Doch mit dieser Meinung steht er ziemlich allein da, wie die Diskussion zeigt. Ein Anschluss über die Äußere Raigeringer Straße allein, so die Mehrheitsauffassung, würde letztlich nur Verkehrsprobleme in diesem Bereich verursachen. Überhaupt findet es der Oberbürgermeister "spannend", dass die Autos hier erstmals völlig unter die Erde verbannt werden sollen.

Generell herrscht im Bauausschuss die Meinung vor: So, wie die Planung jetzt ist, ist sie schon sehr gut. Natürlich müssten jetzt noch die notwendigen Gutachten abgewartet werden – zur Beschattung, zum Verkehr und auch die artenschutzrechtliche Prüfung (saP). Einzig Josef Witt (ÖDP) hätte gerne an einem der vier Gebäuderiegel eine noch stärkere "Abtreppung", der Stockwerke von E+1 auf maximal E+4. "Und vielleicht sollten wir die Stelle noch einmal in der vegetationslosen Zeit anschauen", so sein Vorschlag. Der Baureferent hält übrigens nichts davon, die Abstufung der Gebäudehöhen noch einmal zu überarbeiten, er sieht bereits das Optimum für die Nachbarn herausgeholt. "Wir haben ihre Belange da sehr ernst genommen", betont er noch einmal. "Aber Bauen hat eben immer Einfluss auf die Nachbarn." Damit dürfte die Geschichte um die Raigeringer Nordwand noch nicht abgeschlossen sein. Weitere Kapitel werden folgen.

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"Wir haben hier so viel verändert, wie noch in keinem Verfahren bisher."

Baureferent Markus Kühne über das Projekt an der Raigeringer Höhe

Baureferent Markus Kühne über das Projekt an der Raigeringer Höhe

Kommentar:

(K)ein Weg, der zueinander führt

Glücklich, wer heute baureifes Land in der Stadt Amberg besitzt. Für jeden Quadratmeter, der auf dem Mark ist, gibt es mindestens fünf Interessenten, die hier bauen wollen. Und das passiert dann möglichst groß und möglichst dicht, um möglichst viel Wohnraum auf möglichst wenig Grundfläche unterbringen zu können. Tatsächlich ist Wohnraum in Amberg immer noch stark nachgefragt, das Eigenheim, die eigene Wohnung sind der Wunsch vieler Familien oder Paare. Außerdem lässt sich Geld derzeit leider fast nur in Beton profitabel investieren. Wer früher Hochverzinsliches gekauft hat, leistet sich jetzt Wohnung um Wohnung, um sie anschließend zu vermieten – auch das ist Teil der Wahrheit. Wahr ist aber auch, dass der Bauträger, der zwischen Raigeringer Höhe und Kleinraigering bauen will, sein Projekt schon enorm abgespeckt hat. Er hat die Wünsche von Nachbarn und Bauverwaltung aufgegriffen, hat die Autos Erde verbannt, baut zum Obstviertel hin niedriger. Damit sinkt natürlich automatisch auch sein Profit. Trotzdem wünschen sich einige Anwohner noch weniger oder gleich gar nichts an dieser Stelle. Das aber wird nicht der Weg sein, der die Parteien zueinander führt.

Andreas Ascherl

 

 

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