03.11.2020 - 14:52 Uhr
AmbergOberpfalz

Amberger Brandstifter vor Gericht: Urteil am Mittwoch erwartet

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Als die Verfolger kommen, hat er das Feuerzeug gerade auf den Tisch gelegt und will Gitarre spielen: Ein verwirrt wirkender Mann, dessen Brandstiftungsserie in dieser Nacht ein Ende hat. Jetzt steht der 53-Jährige in Amberg vor Gericht.

Getrennt durch die Coronascheibe. Der mutmaßliche Brandstifter (links) und sein Verteidiger Jörg Jendricke. Über den Anwalt hat der Angeklagte die Taten weitgehend eingeräumt.
von Autor HOUProfil

Polizeibeamte liegen im Dachgeschoss des Amberger Gregor-Mendel-Gymnasiums auf der Lauer. Es ist kurz nach 22 Uhr an diesem 27. April 2020, ein Montag, als sie mit Ferngläsern einen Mann sehen, der aus einem Haus an der Dreifaltigkeitsstraße tritt und im Dunkel der Nacht verschwindet. Wenige Minuten später kehrt er zurück. Fast parallel dazu kommt die Meldung: "An der Moritzstraße brennt ein Papiercontainer."

Im Dreifaltigkeitsviertel, zu dieser Zeit nahezu regelmäßig von Brandstiftungen heimgesucht, haben sich mehrere Zivilstreifen postiert. Die Beamten stehen im Funkkontakt mit ihren Kollegen auf dem Dach des Gymnasiums, umstellen das ihnen genannte Haus, gelangen zur Wohnung eines 53-Jährigen. Er hat sich gerade ausgezogen, ist nur spärlich bekleidet, will Gitarre spielen. Das Instrument war vorher einer Schaufensterpuppe umgehängt, die sich ebenfalls in der Wohnung befindet.

Fahndungserfolg der Polizei

Amberg

Die Fahnder stoßen auf ein am Tisch liegendes Feuerzeug, Grillpaste und -anzünder, Töpfe mit Cannabispflanzen zur Drogengewinnung. In diesen Minuten geht eine Brandstiftungsserie zu Ende. Sie hatte Polizei und Feuerwehr im Zeitraum von vier Wochen an den Rand ihrer Belastbarkeitsgrenzen gebracht.

Nun sitzt der Täter vor der Ersten Strafkammer des Landgerichts: Weißes Hemd, graumeliertes Haar, kultiviertes Auftreten. Sein Anwalt Jörg Jendricke hat zum Prozessauftakt eine Erklärung verlesen. In ihr steht "Mein Mandant räumt nahezu alle Vorwürfe ein." Es sind sieben mit Vorsatz begangene Brandstiftungen, die sich ausschließlich im Dreifaltigkeitsviertel abspielten.

"Wird der Angeklagte Fragen beantworten?", will die Vorsitzende Richterin Roswitha Stöber wissen. Der 53-Jährige, dessen Neigung zu Alkohol und Drogen sein Verteidiger vorher geschildert hat, möchte reden. Man erfährt: Zwei Monate vor der ersten Tat den Job verloren, die Lebensgefährtin damals schwer krank und im Koma liegend, erhebliche Sorgen um die Zukunft.

Doch warum dann der permanente nächtliche Gang hinaus auf die Straße? Weshalb ununterbrochene Brandlegungen in Reichweite seiner Wohnung? Die Erklärungen dafür sind kaum greifbar. "Ich weiß nicht, was mich geritten hat", sagt der 53-Jährige. Dann folgt: "Es ist alles spontan geschehen. Immer von daheim aus." Meist unter Alkohol- und Rauschgifteinfluss. "Fast täglich eine Flasche Schnaps", hören die Richter. Zum selbst angebauten Marihuana gab es auch Drogen wie Crystal Meth, die er kaufte.

Die Brände wurden mit einem Feuerzeug gelegt, auch flüssiger Grillanzünder kam zum Einsatz. Als am 1. April ein Reifenstapel gleich gegenüber des Gregor-Mendel-Gymnasiums angezündet wurde, sei die Flamme bei seinem Abgang nur ein paar Zentimeter hoch gewesen. Er war längst weg, als das Feuer auf ein angrenzendes Autohaus übergriff. "Das", erklärt der Beschuldigte, "habe ich nicht gewollt." Doch die Entwicklung, hält ihm Richterin Stöber entgegen, habe er sich wohl irgendwie denken können. Weitere Frage dann: "Haben Sie da irgendeine Befriedigung verspürt?" Klare Antwort: "Nein." Interessant auch: Einer der jetzt vernommen Zeugen war gleich mehrfach geschädigt.

Der Prozess geht zügig voran. Dank eines Geständnisses, das Staatsanwalt Holger Bluhm als "guten Schritt" bezeichnet hat. Ein Urteil könnte bereits am Mittwoch gesprochen werden. Darin wird vermutlich neben der Haftstrafe auch eine längerfristige Therapiemaßnahme enthalten sein.

Wirtschaftliches Fiasko nach Brandstiftung

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Info:

Chronologie der Brand-Serie

Vor der Ersten Strafkammer des Landgerichts Amberg stehen jetzt sieben Brandstiftungen im Dreifaltigkeitsviertel zur Debatte. Hier die Chronologie der Ereignisse:

28. März: Unter dem Hinterreifen eines auf der Desingstraße abgestellten Pkw wird Feuer gelegt. Es entsteht nur leichter Sachschaden. Gegen 3.25 Uhr in der gleichen Nacht brennt eine an der Moritzstraße stehende Kunststofftonne. Schaden diesmal: 380 Euro. Nur wenige Minuten später lodert eine Abfalltonne an der Desingstraße. Auch hier beträgt der Schaden knapp 400 Euro.

30. März: Um 1.20 Uhr wird mit einem Taschentuch, auf das Grillanzünder verteilt wurde, unter einem auf der Raigeringer Straße stehenden Autoanhänger Feuer entfacht. Die Flammen vernichten das Fahrzeug. Es hat einen Zeitwert von 13 000 Euro.

1. April: Es kommt zum Brandereignis mit dem höchsten Schaden. An der Raigeringer Straße wird ein Stapel Reifen angezündet. Noch vor dem Eintreffen von Löschmannschaften greift das Feuer auf ein daneben stehendes Autohaus über. Das Gebäude samt darin stehender Fahrzeug wird vernichtet. Schaden: Rund 500 000 Euro.

11. April: Kurz nach 3.20 Uhr brennen an der Desingstraße zwei aus Kunststoff errichtete Hochbeete und eine Abdeckplane. Es entsteht 150 Euro Sachschaden.

27. April: Um 22.17 Uhr wird im Innenhof eines Hauses an der Desingstraße Feuer an einem Papiercontainer gelegt. Schaden: 400 Euro.

Polizisten beobachten den mutmaßlichen Brandstifter und nehmen ihn in seiner Wohnung, die nur ein paar hundert Meter entfernt liegt, fest.

Damit ist die Serie beendet.

Noch drei weitere kleinere Brandereignisse standen später in den Ermittlungsakten der Kripo. Außerdem gab es mutwillige Beschädigungen an drei geparkten Autos. Die strafrechtliche Verfolgung dieser Taten wurde bereits im Vorfeld des Prozesses von der Staatsanwaltschaft eingestellt. Ihre Aburteilung würde angesichts der zu erwartenden Gesamtstrafe nicht erheblich ins Gewicht fallen, heißt es.

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