22.07.2020 - 10:04 Uhr
AmbergOberpfalz

Amberger Chorgemeinschaft probt im Corona-Modus

Mehrere Proben im Corona-Modus liegen bereits hinter der Amberger Chorgemeinschaft. Die enorme Freude, endlich wieder gemeinsam singen zu dürfen, wird auch von den zahlreichen Herausforderungen der neuen Hygiene-Spielregeln nicht getrübt.

Dirigent Dieter Müller richtet derzeit jede einzelne Probe individuell aus. Das Singen macht aber trotz Corona-Auflagen den Chormitgliedern viel Spaß.
von Anke SchäferProfil

Um einen sicheren Neustart zu ermöglichen, scheut Dirigent Dieter Müller keine Mühen. Jede einzelne Probe richtet er individuell aus und auch das Programm der geplanten Konzerte trägt den veränderten Bedingungen Rechnung. Die intensive Auseinandersetzung mit neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen hat dem Musiker, Dozenten und Komponisten obendrein fundiertes Wissen in Sachen Singen und Aerosole beschert. Was jetzt also geht und was nicht, berichtet Dieter Müller im schriftlich geführten Interview:

ONETZ: Herr Müller, wie groß war der Stein, der Ihnen vom Herzen gefallen ist, als die Probenerlaubnis für Laien-Chöre kam?

Dieter Müller: Es war eine unglaubliche Freude und eine große Erleichterung, als ich aus den Medien erfuhr, dass nun wieder geprobt werden kann. Immerhin sind seit dem Lockdown über drei Monate vergangen, in denen nichts ging.

ONETZ: Den Neustart gibt es allerdings nur zu Corona-Bedingungen. Wie sieht Ihr Hygienekonzept aus?

Dieter Müller: Die Abstandsregel steht an erster Stelle und daraus ergeben sich all die anderen Gepflogenheiten, die nun anders vonstattengehen müssen als wir es bisher praktizierten. Das beginnt schon mit dem üblichen Begrüßungsritual. Mir ist es wichtig eine persönliche Beziehung zu Sängern und Musikern aufzubauen, somit begrüße ich gerne mit Handschlag, oder wenn eine freundschaftliche Beziehung vorhanden ist, dann auch mit einer Umarmung. Das geht natürlich zur jetzigen Zeit noch nicht, hier müssen wir uns noch in Geduld üben.

ONETZ: Und wie ist es mit Noten und zahlenmäßiger Begrenzung?

Dieter Müller: Da jeder sein eigenes Notenmaterial hat und dieses dementsprechend immer mitbringt, müssen wir hier keine zusätzlichen Schutzvorkehrungen treffen. Anders sieht es mit der Personenzahl aus: In diesem Punkt sind wir, bedingt durch die Raumgröße, an die Vorgabe von 20 Personen gebunden. Selbstverständlich ist auch das regelmäßige Lüften ein wichtiger Faktor. Jetzt in der warmen Jahreszeit ist das kein Problem, hier können wir zum Teil mit geöffneten Fenstern und Türen proben – die nächsten Nachbarn sind weit genug entfernt, um nicht durch unseren Gesang in ihrer Feierabendruhe gestört zu sein. Trotzdem unterbrechen wir unsere Arbeit immer wieder, um ordentlich durchzulüften. Selbstverständlich hat sich auch in der Art des Singens, dem Hygienekonzept beugend, etwas verändert.

ONETZ: Wie lange haben Sie im Vorfeld gefeilt und getüftelt, um allen Vorgaben gerecht zu werden?

Dieter Müller: In allen Bereichen meiner dirigentischen Tätigkeiten habe ich die wichtigsten Vorgaben zu den Hygieneregeln bereits vorgefunden, so musste ich mich lediglich mit der Besetzungsgröße, sowie der Aufstellung auseinandersetzen. Die organisatorischen Aufgaben sind allerdings mehr geworden. So galt es erst ein spezielles Hygienekonzept auszuarbeiten und an die entsprechenden Stellen zu senden. Des Weiteren galt und gilt es im Vorfeld der anstehenden Probe zu wissen, wie viele Personen zu erwarten sind. Die meisten sind da unglaublich hilfreich und melden sich rechtzeitig an bzw. ab. So weiß ich, mit wie viel Sängern ich rechnen kann und daraus ergibt sich dann die Planung: Tutti oder einzelne Stimmproben. Im Nachhinein einer Probe muss selbstverständlich die Anwesenheit dokumentiert werden und der Raum, gemäß den derzeitigen Bestimmungen, wieder entsprechend hergerichtet werden.

ONETZ: Haben Sie sich durch die diversen Studien gearbeitet, die sich mit der problematischen Trias Singen-Aerosole-Corona auseinandersetzen?

Dieter Müller: Wenn man so will, dann waren die verschiedenen Studien Pflichtlektüre. Interessant sind in diesem Zusammenhang auch die verschiedenen Forschungsergebnisse, die natürlich den jeweilig aktuellen Stand der Forschung präsentieren, das heißt was sich heute so darstellt, kann morgen schon wieder überholt und dadurch etwas anders sein. Das Robert Koch-Institut schreibt zum Beispiel: „Eine Übertragung über Aerosole im normalen gesellschaftlichen Umgang sei bisherigen Untersuchungen zufolge nicht wahrscheinlich.“ Eine weitere interessante Studie der Bundeswehr Universität München kam zu folgendem Ergebnis, dass "die Luft beim Singen nur im Bereich bis zu einem halben Meter vor dem Mund in Bewegung versetzt wird, unabhängig davon wie laut der Ton war und welche Tonhöhe gesungen wurde.“ Die Forschungsergebnisse von Christian J. Kähler und Rainer Hain vom Institut für Strömungsmechanik und Aerodynamik bestätigten diese Aussage: „Eine Virusausbreitung über die beim Singen erzeugte Luftströmung ist daher über einen halben Meter hinaus äußerst unwahrscheinlich.“ Messungen und Untersuchungen anderer Wissenschaftler bestätigen dies ebenfalls, trotzdem sei laut Experten "ein Sicherheitsabstand von 1,5 Metern ratsam und eine versetzte Aufstellung der Sänger empfehlenswert.“

ONETZ: Da gibt es aber auch andere Ansichten, oder?

Dieter Müller: Das Freiberger Institut für Musikermedizin empfiehlt in seinem Update vom 6. Mai einen Mindestabstand von 2 Metern, und daran halten wir uns auch. Erneute Ergebnisse vom 3. Juli empfehlen: Mindestens 2 bis 2,5 Meter Abstand nach vorn (deshalb auch die versetzte Sitzordnung), wenigstens 1,5 Meter Abstand zur Seite, eine entsprechende Raumgröße (gemäß der Anzahl der singenden Personen) und regelmäßiges Lüften. Untersucht wurde auch, bei welchen Sprech- oder Gesangspassagen die größte Menge an Tröpfchen (Aerosole) gebildet wird. Das Fazit: „Bei den Vokalen haben wir kaum Tröpfchen sehen können, die da wirklich gebildet werden und herausgeschleudert werden, vereinzelt schon, aber in einer deutlich geringeren Anzahl im Gegensatz zu den Konsonanten.“

ONETZ: Den notwendigen Rahmen zu schaffen ist das eine, die Chorsänger von der Sicherheit zu überzeugen das andere. Wie sind die Reaktionen der Amberger Chorgemeinschaft ausgefallen?

Dieter Müller: Natürlich freuten sich alle wieder auf das regelmäßige Singen und so waren die Reaktionen entsprechend positiv. Mir war und ist es ein wichtiges Anliegen, mit den Sängern die aktuellen Informationen zu kommunizieren. Jeder soll frei entscheiden, ob er wieder zum Singen kommen will oder lieber noch abwarten möchte. Wenn Einzelne noch nicht so weit sind und Bedenken haben, so kann ich das verstehen. Zum Teil führte ich mit den Betroffenen ausführliche Telefonate oder wir tauschten uns per Mail aus. Für beide Seiten war und ist es wichtig, die jeweiligen Beweggründe darzulegen und umgekehrt auch, diese zu respektieren. Die meisten, die sich jetzt noch im Wartemodus befinden, wollen aber im September wieder dazukommen.

ONETZ: Zukünftig reicht es für Sie ja nicht mehr, nur auf Stimmen, Noten und Klang zu achten. Werden Ihnen all die Corona-Nebengeräusche wie Abstand, Lüften und dergleichen die Arbeit vorne am Pult deutlich schwerer machen?

Dieter Müller: Deutlich schwerer machen? Nein! Natürlich läuft manches anders als vorher. Die Abstandsregeln sehen wir gar nicht so negativ, da dadurch eine größere Räumlichkeit gewonnen wird, die sich in angenehmer Weise auf den Chorklang auswirkt. Da die meisten Sänger weitgehend stimmsicher sind, wird dies auch vonseiten des Chores so empfunden. Ich selbst muss jetzt regelmäßiger auf die Uhr schauen, um die Lüftungspausen nicht zu übergehen und wenn die Nebengeräusche von außen (zum Beispiel in klingender Form eines Abendgeläuts) zu stark sind, dann legen wir eine kleine Pause ein. Ich meine: Ändere, was du ändern kannst, aber akzeptiere und agiere danach, was sich gerade nicht ändern lässt.

ONETZ: Was bedeutet die Wiederaufnahme der Proben jetzt im Weiteren für den Konzertkalender der Amberger Chorgemeinschaft?

Dieter Müller: Wir bereiten uns derzeit auf die folgenden beiden Konzerte vor. Coronabedingte Programmänderungen hat es hier in Amberg (beim Sinfonieorchester der Stadt Weiden musste ich schon ein neues Programm auf die Beine stellen) bisher nicht gegeben. Am 29. November 2020 gestaltet die Amberger Chorgemeinschaft in der Kirche St. Michael in Poppenricht ein Adventskonzert. Das Thema „Magnificat“ steht dabei im Zentrum der Werkauswahl. Mit Chor, Solisten und einem Kammerorchester wollen wir Magnificat-Vertonungen aus verschiedenen europäischen Ländern und Stilepochen zur Aufführung bringen. Für den Konzertabend „Mondbeglänzte Zaubernacht“ am 21. März 2021 im Amberger Stadttheater, habe ich u.a. einen Chorzyklus geschrieben (der ist allerdings noch nicht ganz fertig), zum Teil für unbegleiteten Chor und zum Teil mit Instrumentalbegleitung. Da die A-Cappella-Werke sehr von der Idee der „Klangfläche“ aus konzipiert sind, kann ich diese Vokal- und Klangarbeit jetzt gut in die derzeitige Übungssituation mit einbeziehen.

ONETZ: Und das bedeutet?

Dieter Müller: Konkret heißt das: Mehr Arbeit an den Vokalen und weniger Arbeit an den strömungsaktiveren Konsonanten. Aus der Not eine Tugend machen. Pragmatismus war schon immer ein Thema in meiner langjährigen Arbeit als Dirigent. Auch wenn wir derzeit weniger Sänger bei den wöchentlichen Proben haben, so macht sich das – die entsprechend angepasste Literatur vorausgesetzt – nicht negativ bemerkbar. Ansonsten hoffen wir natürlich alle – und da möchte ich ganz bewusst alle künstlerisch aktiven Ensembles und Einzelpersonen mit einbeziehen – dass sich die Situation schrittweise weiter verbessert und wir hoffentlich keine zweite Pandemie im Herbst serviert bekommen.

Solistin meistert gesangliche Höchstschwierigkeit

Amberg
Klicken Sie hier für mehr Artikel zum Thema:

 

 

Kommentare

Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich anmelden.

Bitte beachten Sie unsere Nutzungsregeln.