29.10.2021 - 18:34 Uhr
AmbergOberpfalz

Amberger IG Metall fordert faire Bedingungen für Transformation in der Industrie

Nachhaltigkeit und Digitalisierung: Themen, die vor der Metallindustrie keinen Halt machen. Die Amberger IG Metall ist überzeugt, dass der Wandel nur gelingt, wenn ihn die Beschäftigten mitgestalten und einen sicheren Arbeitsplatz haben.

Zum Aktionstag „#FairWandel“ der IG Metall haben sich Vertreter verschiedener metallverarbeitender Unternehmen im Gewerkschaftshaus in Amberg getroffen, um über ihre Forderungen und Ziele zu sprechen.
von Wolfgang Ruppert Kontakt Profil

Die IG Metall hat am Freitag deutschlandweit unter dem Motto "#FairWandel" Kundgebungen organisiert. Im Landkreis Amberg-Sulzbach und in der Stadt Amberg haben die Amberger Vertreter der Gewerkschaft solche Aktionen direkt vor den Unternehmen durchgeführt. Heißt: Es gab nicht eine große Kundgebung zum Beispiel auf dem Amberger Marktplatz, sondern viele kleine an einzelnen Industriestandorten. Wie Horst Ott, der Erste Bevollmächtigte der IG-Metall Amberg (IGM), sagt, ein sehr "ambitionierter Tag". Allerdings sei es den Gewerkschaftern wichtig gewesen, in die Betriebe zu gehen, um auch die Menschen zu erreichen, die sonst nicht zu einer Kundgebung kommen würden.

Zentrales Thema des Aktionstags war die "Transformation" der Industrie. Ott: "Das Wort klingt ziemlich sperrig. Es betrifft aber im Grunde jeden Arbeitnehmer." Der Wandel in der Industrie habe sich in den vergangenen Jahren enorm beschleunigt. "Die Betriebe werden künftig vielleicht auch andere Produkte produzieren, die Art der Produktion wird sich ebenfalls verändern", erklärte der Amberger IGM-Chef. Schließlich gehe es um Arbeitsplätze. Ott zufolge gebe es bereits Unternehmen, bei denen sich abzeichnet, dass sie als Gewinner aus dem Transformationsprozess hervorgehen werden. Aber es herrsche eben auch eine große Verunsicherung bei all jenen Menschen, die heute noch nicht wissen, wie ihr Arbeitsplatz in zehn Jahren aussehen wird. Besonders der Fokus auf die Nachhaltigkeit bei Produkten und deren Produktion erfordere es, dass sich in den metallverarbeitenden Unternehmen vieles grundlegend ändern müsse. Ott: "Ob wir diesen Schwerpunkt wollen oder nicht, das spielt erst mal überhaupt keine Rolle." Veränderung sei auch in keinem Fall etwas Negatives, allerdings sei es die Geschwindigkeit des Wandels, die vielen der Beschäftigten Sorgen bereite.

Wandel mitgestalten

Otts Credo lautet daher: "Verhindern hat noch nie etwas geholfen. Unser Ziel ist es, den Wandel mitzugestalten und es den Beschäftigten zu ermöglichen, sich daran zu beteiligen." Dabei dürfe es durch die fortschreitende Digitalisierung und Automation aber keinesfalls dazu kommen, dass Arbeitnehmer bei der Mitgestaltung der Unternehmenszukunft an ihrer eigenen Wegrationalisierung arbeiten. Grundvoraussetzung für die IGM ist es daher, dass der Arbeitsplatz nicht auf der Kippe steht. Ott: "Da sind der Arbeitgeber und der Staat gefragt, um diese Sicherheit zu gewährleisten."

Die IG Metall fordert außerdem einen Anspruch auf die Qualifizierung der Mitarbeiter. "Das ist häufig reine Gutsherrenart des Arbeitgebers, der darüber entscheidet, ob jemand eine Qualifizierung machen darf oder nicht", sagte Ott. Gleichzeitig ist sich die Gewerkschaft Ott zufolge darüber im Klaren, dass nicht alle Mitarbeiter mehr dazu in der Lage sein werden, den Wandel mitzugehen. Es brauche die Option des Ausstiegs für ältere Beschäftigte, ohne dabei in die Altersarmut zu rutschen. "Diese Punkte will die IG Metall zusammen mit den Arbeitgebern und der Politik ausformulieren."

Ziel des Aktionstags am Freitag sei es gewesen, das von der IGM geforderte Maßnahmenpaket "in die Belegschaften an den Standorten rein zu diskutieren". Im Saal des Gewerkschaftshauses meldeten sich die Vertreter von insgesamt sieben Unternehmen aus der Stadt Amberg und dem Landkreis Amberg-Sulzbach zu Wort, um ihre Sorgen und Nöte zu schildern und gleichzeitig ihre Forderungen an Arbeitgeber und Politik zu formulieren.

So brachte Reinhard Leipold von der Cherry Europe GmbH in Auerbach, die unter anderem Tastaturen und Mäuse für Computer herstellt, ein, dass beim Unternehmen im kommenden Jahr die Tarifverträge für die Mitarbeiter ausliefen und bereits Mitarbeiter ausgegliedert worden seien. "Unser Ziel ist es, alle in den Tarif zurückzuführen", sagte er. Matthias Heinl von ZF in Auerbach, einem Technologiekonzern für Antriebs- und Fahrwerktechnik, betonte, wie wichtig es dort sei, bereits heute mitzumischen, was die Beschäftigungen im Jahr 2030 sowie die Standortsicherheit der Niederlassungen in Deutschland angeht. "Das sind die Zukunftsthemen, die heute entschieden werden", sagte er.

Politik ist gefragt

Besonders vom Wandel betroffen ist die Luitpoldhütte. Ein, wie Ott sagte, "energieintensives Unternehmen". Ingo Weiß erklärte, dass der Betrieb die Transformation im Zuge des Kohleausstiegs nur schaffen könne, wenn es Hilfe vonseiten der Politik gebe. "Wir dürfen die jungen Leute, die bei uns zum Beispiel Gießer lernen, nicht im Regen stehen lassen", betonte er. Ebenfalls energieintensiv ist die Produktion im Rohrwerk in Sulzbach-Rosenberg. Der Vertreter des Betriebs, Karl Heinz König, brachte eine klare Forderung mit: "Wir wollen endlich Taten und Fakten sehen, wie es mit dem Rohrwerk weitergeht." Immerhin handle es sich bei dem Unternehmen, das rote Zahlen schreibt, um einen Betrieb mit fast 500 Mitarbeitern.

Stefanie Lengfelder von Siemens bemängelte, dass bis heute nicht alle Mitarbeiter in Amberg einen Zugang zu den digitalen Netzwerken hätten. "Es ist nur fair, wenn alle am Wandel teilnehmen können. Ich kann aber nicht erwarten, dass ein Mensch, der zwanzig Jahre am Fließband gearbeitet hat, sofort versteht, wie der Job künftig mit einem Roboter funktionieren soll." Niemand dürfe deshalb fallengelassen werden.

Rente mit 70 nicht möglich

Niklas Albrecht von "Heim und Haus" aus Auerbach, einem Fensterhersteller, brachte das Thema der sozialen Verantwortung der Unternehmen ins Spiel. Er sagte, dass die Arbeitgeber dafür verantwortlich seien, dass Angestellte, die aus dem Ausland ins Unternehmen kommen, dafür zu sorgen hätten, dass diesen ein Sprachkurs angeboten wird. "Die Mitarbeiter sollen gerne zu uns kommen, aber die Arbeitgeber sind im Rahmen der Qualifikation auch dafür zuständig, dass man sich gut verständigen kann."

Lars Roder von Grammer in Amberg und Haselmühl brachte schließlich die Rente mit 70 ins Spiel. "Jeder Politiker, der behauptet, dass das geht, hat noch nie schwer körperlich arbeiten müssen. Wer das nicht glaubt, kann gerne mal drei Monate zum üblichen Gehalt zu uns kommen, dann zeig ich ihm, wie es ist, am Montageband zu arbeiten."

Die IG-Metall Amberg über die Folgen der Coronapandemie in der Metallindustrie

Weiden in der Oberpfalz
Info:

Das sind die Forderungen der IG Metall bei „#FairWandel“

  • Die Gewerkschaft fordert vonseiten der Politik Investitionen in Zukunftsprodukte sowie in die flächendeckende Qualifizierung von Mitarbeitern.
  • Alle Beschäftigten sollen in die Wandlungsprozesse in den Unternehmen einbezogen werden.
  • Transformation kann laut der IG Metall nur dann erfolgreich sein, wenn alle Beschäftigten, die daran beteiligt sind, sich auf einen sicheren Arbeitsplatz verlassen können.
  • Transformation soll solidarisch laufen, so dass die soziale Absicherung in jedem Lebensalter gegeben ist. Der Staat sei dafür verantwortlich, die Weichen so zu stellen, dass niemand von Altersarmut bedroht wird.

 

 

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