14.02.2021 - 15:11 Uhr
AmbergOberpfalz

Amberger Musiker schlagen Alarm: Selbst erlaubte Konzerte ein Draufzahlgeschäft

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Welche wirtschaftlichen Folgen hat die Corona-Krise für Berufsmusiker, Konzertagenturen und Veranstaltungstechniker? Drei von ihnen reden ganz offen über ihre Probleme. Dabei geht es nicht nur ums Geld. Auch um die Psyche.

Auftritte vor Tausenden von Besuchern wird es so schnell nicht geben. Das trifft nicht nur die Berufsmusiker, sondern auch Konzertagenturen und Veranstaltungstechniker.
von Thomas Kosarew Kontakt Profil

Toby Mayerl kennt in der Musikszene jeden. Und jeder kennt ihn. Deswegen ist der Pianist von so bekannten Bands wie Grand Slam oder Tanquoray relativ unbeschadet durch das Corona-Jahr 2020 gekommen. Obwohl die meisten der eingeplanten 125 Auftritte wegen der Pandemie ausfallen mussten, stand der Amberger dank seiner Kontakte und Beziehungen immerhin 48 Mal auf einer Bühne. So oft wie kaum ein anderer Berufsmusiker aus der Region: "Weil ich wirklich alles angenommen habe. Private Feste, Feiern, Beerdigungen. Wirklich alles."Doch dann kam der November und mit ihm der zweite Lockdown, der seitdem auch Mayerls zweites finanzielles Standbein auf Null sinken lässt. Der 54-Jährige lebt seit mehr als 30 Jahren nicht nur von der Musik, die er macht, sondern auch von Konzerten, die er veranstaltet, darunter das beliebte "Sommer in der Stadt"-Festival und das Altstadtfest-Programm im Innenhof des Landratsamts.

„Da gehst du mit 2000 Euro Minus raus, obwohl was stattfindet."

Toby Mayerl, Berufsmusiker und Chef einer Konzertagentur

Toby Mayerl, Berufsmusiker und Chef einer Konzertagentur

60 Prozent seiner Einnahmen generiert Mayerl eigenen Aussagen zufolge bei Auftritten, 40 Prozent seines Geldes verdient er mit Veranstaltungen. Beide Quellen sind längst versiegt. Der Kontostand sinkt von Woche zu Woche, Mayerl muss mittlerweile die Rücklagen anpacken, die eigentlich für seinen Ruhestand gedacht waren: "Wir waren nie die, die mit unserer Musik superreich geworden sind. Wir machen das, weil es Spaß macht." Der Applaus des Publikums ist die Motivation. Jetzt ist aber wegen Corona alles anders und ein Ende nicht in Sicht. Natürlich kann er als selbstständiger Unternehmer Staatshilfen beantragen, aber: "Es kann doch nicht mein Lebensinhalt sein, nur noch Hilfsanträge auszufüllen." Das Schlimmste: "Ich will arbeiten und nicht Hilfsanträge ausfüllen."

Angst vor Ansteckung

Auf Dauer wirke sich das auch auf die Psyche aus: "Arbeiten wollen, aber nicht dürfen. Da geht irgendwann die Motivation verloren." Die Spuren, die das hinterlasse, könne sich niemand vorstellen. Politik und Öffentlichkeit gingen davon aus, "dass schon alles passt", sobald wieder Konzerte stattfinden dürfen. Doch das sei ein Trugschluss. Der 54-Jährige nennt ein Beispiel. Als er mit Tanquoray im September auf der Bühne des Casino-Saals das erste Album des Trios vorstellte, waren nur 80 Leute da, weil viele laut Mayerl Angst hatten, sich anzustecken. Der Auftritt sei zum Draufzahlgeschäft geworden. Und das sei beileibe keine Ausnahme. Ein Konzert von Anja Killermann wurde wegen Corona zweimal verschoben und soll nun am 30. April dieses Jahres im Ring-Theater stattfinden. Für alle drei Termine ging Mayerl in Vorleistung und platzierte kostspielige Werbung: "Wir haben das alles dreimal gemacht. Ich brauche 80 Gäste, um da kostendeckend zu sein." In das ehemalige Kino dürfen aber aufgrund der zuletzt gültigen Auflagen vermutlich nur höchstens 35 Leute: "Da gehst du mit 2000 Euro Minus raus, obwohl was stattfindet." Das könne es nicht sein.

"Soll ich weitermachen?"

Der Unternehmer und Berufsmusiker stellt sich deswegen mit Blick auf das am 26. Dezember abgesagte Konzert der Ramona Fink Gospel Group, das nun am Ostermontag, 5. April, in der Paulanerkirche und vier Tage später auch im Sulzbach-Rosenberger Kaffeeladen nachgeholt werden soll, diese Fragen: "Soll ich weitermachen? Soll ich jetzt wirklich das erste Plakat aufhängen und die erste Anzeige schalten oder lasse ich es lieber gleich sein?" Denn noch steht nicht fest, ob die Konzerte überhaupt stattfinden können. Falls doch, seien aufgrund der Räumlichkeiten in der Kirche zum Beispiel nur maximal 65 Besucher erlaubt. Mayerl droht das nächste Draufzahlgeschäft. Seine offene Meinung dazu: "Dass unser Berufszweig von Inzidenz-Zahlen abhängig ist, ist schon bedenklich." Selbst wenn die Politik im März ihr Okay für die Veranstaltung geben sollte, sei die Welt damit noch lange nicht in Ordnung: "Wir bekommen die Karten ja nicht über Nacht verkauft."

Mayerl will keinen Berufsstand gegen einen anderen ausspielen, aber im Gegensatz zu den Frisören wüssten die Musiker nicht, dass ihnen die Leute "schon am ersten Tag die Bude einrennen". Der Amberger, der in seiner Agentur drei Festangestellte und vier Nebenberufler beschäftigt, sieht selbst nach dem Lockdown-Ende schwere Zeiten auf die gesamte Branche zukommen, denn es werde immer schwieriger, Verträge auszuhandeln. Der 54-Jährige ist davon überzeugt, dass sich der Trend zu einer ganz bestimmten Klausel immer mehr durchsetzen werde: "Wir haben Bookings bis Juni 2022, aber alle ohne Verträge, weil die Veranstalter auf eine Corona-Rücktrittsklausel bestehen. Das ist das Papier nicht wert, auf dem das steht."

Statt 80 Auftritten 15

Ein Eindruck, den Michael Dandorfer bestätigt: "Die Veranstalter sind sehr zurückhaltend." Trotz sinkender Inzidenzwerte. Der 44-Jährige ist Gitarrist und Profimusiker, der wie Mayerl ein zweites Standbein hat. Zusammen mit seinem Musikerkollegen Harry Zawrel betreibt er an der Fleurystraße eine Musikschule, die zwangsläufig auf Online-Unterricht umgestellt hat. Dandorfer, der in Zeiten vor Corona als Künstler solo und in sechs Bands auftrat, darunter an der Seite von Toby Mayerl bei Grand Slam, steht eigenen Aussagen zufolge pro Jahr etwa 80 Mal auf der Bühne. 2020 waren es bis März 15 Auftritte. Danach? Fehlanzeige!

„Der Online-Unterricht hält mich über Wasser. Ein bisschen kann ich es noch aushalten.“

Michael Dandorfer, Berufsmusiker und Mitinhaber einer Musikschule

Michael Dandorfer, Berufsmusiker und Mitinhaber einer Musikschule

"Ich habe zwei Livestreams gemacht, um zu zeigen, dass man noch da ist." Aber nicht, um Geld zu verdienen. Der 44-Jährige bringt es auf den Punkt: "Der Online-Unterricht hält mich über Wasser." Doch auch der sei nur ein Schatten seiner selbst: "Im Normalfall kommen immer mehr neue Leute dazu, als kündigen." Seit Monaten sei das völlig anders. Nur etwa 70 Prozent der Musikschüler buchen derzeit Unterrichtsstunden. Tendenz sinkend. Michael Dandorfer will sich nicht beklagen, sagt aber mit Blick auf seine Finanzen: "Ein bisschen kann ich es noch aushalten." Aber eben nur ein bisschen.

Leben von den Rücklagen

Während Mayerl und Dandorfer noch von ihren Rücklagen zehren können, musste Horst Enderer bereits handeln. Der 54 Jahre alte Schnaittenbacher ist Inhaber einer Firma für Veranstaltungstechnik und war vor dem Ausbruch der Pandemie bayernweit ein gefragter Mann. So sicherte sich unter anderem die Band Inner Circle zum Auftakt ihrer Welttournee die Dienste des Schnaittenbachers. Zu Enderers Kunden gehörten auch schon die CSU und Ministerpräsident Markus Söder, die ihn für öffentlich wirksame Auftritte buchten: "Jetzt bin ich bei den Aufträgen auf Null und bei einer anderen Firma angestellt, um zu überleben. Was soll ich machen? Ich habe eine Familie und ein Haus." Wie schwer es war, selbst zwischen den Lockdowns Geschäfte zu machen, erklärt Horst Enderer mit einem Beispiel aus dem September. Bei einem Konzert im Sulzbach-Rosenberger Capitol waren 50 Gäste zugelassen. Aus Angst vor einer Infizierung kamen aber nur 37: "Das Problem ist, dass die Politik denkt, wir dürfen arbeiten, aber in Wirklichkeit rentiert sich das nicht. Das war ein Draufzahlgeschäft."

„Jetzt bin ich (...) bei einer anderen Firma angestellt, um zu überleben.“

Horst Enderer aus Schnaittenbach, Inhaber einer Firma für Veranstaltungstechnik

Horst Enderer aus Schnaittenbach, Inhaber einer Firma für Veranstaltungstechnik

Trotz der Möglichkeit, im Sommer 2020 Geld verdient zu haben, spricht der Schnaittenbacher auf das gesamte Jahr gesehen von 95 Prozent weniger Umsatz. Damit sich "die Leute da draußen" vorstellen können, "was das bedeutet", nennt Enderer noch eine Zahl: Bei einem Umsatzeinbruch von 60 Prozent arbeite er kostendeckend. "Da ist dann noch kein Cent verdient." Es ist ein düsteres Bild, das Enderer zeichnet: "Selbst nach einer Öffnung ist nichts mehr so wie früher." Vorerst werde es keine Großveranstaltungen mehr geben, "sondern nur noch für 50 oder 100 Leute". Er geht deswegen fest davon aus, dass Veranstalter dann sagen werden: "Für die paar Leute brauche ich die hochwertige Technik und die Techniker nicht unbedingt. Das mache selber." Für den Schnaittenbacher steht fest: "Das wird die Branche verändern. Das sehen die Leute nur nicht." Und das sei das Schlimmste.

Benefizkonzert für Amberger Musiker in der Erlöserkirche

Amberg
Kommentar:

Jetzt sind neue Ideen gefragt

Die Pandemie geht an keiner Branche spurlos vorüber. Vor allem Einzelhändler, Solo-Selbstständige und Gastronomen können ein Lied davon singen. Und das schon seit fast einem Jahr. Besonders hart trifft es aber nicht nur Berufsmusiker und Veranstaltungstechniker, sondern die gesamte Kunst- und Kulturszene. Weil ein Leben ohne Konzerte, Lesungen und Ausstellungen möglich ist, konzentriert sich die Politik aus ihrer Sicht offenbar zwangsläufig auf andere Bereiche des öffentlichen Lebens. Was bedeutet das für die Musiker? Sie müssen warten, bis die Regierung Auftritte vor Publikum wieder zulässt und hoffen, dass die Ersparnisse bis dahin reichen. Doch wenn es so ist, dass kleinere Konzerte zum Draufzahlgeschäft werden, braucht es andere Lösungen. Spontan fällt mir diese ein: Einkaufsmärkte, die in diesen Tagen sehr wohl auf ihre gewohnten Umsätze kommen, könnten sich solidarisch zeigen und, wenn es wieder erlaubt ist, Musiker in einem abgesperrten Bereich ihres Parkplatzes spielen lassen. Auf Abstand zu den Kunden. Und gegen Bezahlung, versteht sich. Es müsste nur einer den Anfang machen.

Thomas Kosarew

 

 

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