28.07.2021 - 16:49 Uhr
AmbergOberpfalz

Amberger Stadtrat ringt um mobile Luftfilter

Unsere Kinder sind die eigentlichen Verlierer der Corona-Pandemie. Viele von ihnen kämpfen mit psychischen Problemen, die meisten haben während des Distanzunterrichts Lerndefizite aufgehäuft. Das weiß natürlich auch der Amberger Stadtrat.

Luftfiltergeräte wie dieses sollen einen Beitrag leisten, um einen erneuten Lockdown an den Schulen im Winter zu vermeiden.
von Andreas Ascherl Kontakt Profil

Es ist eine Diskussion ins Blaue hinein, die der Amberger Stadtrat da am Montag geführt hat. Natürlich sind sie sich alle einig darin, dass alles Erdenkliche unternommen werden muss, um im kommenden Herbst und Winter einen erneuten Lockdown an den Schulen zu vermeiden. Und sie wissen auch, dass der bei den Schülern so unbeliebte "Dreikampf", bestehend aus Lüften, Maske tragen und Testen, irgendwann einmal nicht mehr ausreichen wird, um die Schulen über den Winter offen zu halten. Dann nämlich, wenn die Inzidenzen in einer vierten, fünften oder sechsten Welle wieder nach oben schnellen werden. Was die Stadträtinnen und Stadträte aber nicht wissen, das ist, ob das die mobilen Luftreiniger oder dezentralen Lüftungsanlagen garantieren werden, die sie für viel Geld anschaffen sollen.

Voranmarschiert ist hier wieder einmal der Bayerische Ministerpräsident. Markus Söder will angesichts einer bevorstehenden Bundestagswahl sein Image als Macher in der Corona-Krise aufpolieren. Söder macht Druck auf die Kommunen, verspricht eine bis zu 50-prozentige Förderung der mobilen Luftreiniger – gedeckelt auf 1750 Euro pro Raum. Strom, Unterhalt und Reparatur bleiben jedoch zu 100 Prozent bei der Stadt hängen. Aber auch der Bund gibt reichlich Geld: Bis zu 80 Prozent für die dezentralen Lüftungsanlagen, die aber wesentlich teurer in der Anschaffung sind – bis zu 40.000 Euro pro Stück inklusive Installation rechnet das Amberger Hochbauamt vor. Weil beispielsweise die Elektroanlagen der Schulen für so etwas meist gar nicht ausgelegt sind und ebenfalls ertüchtigt werden müssten.

Ein Haufen Elektroschrott?

Außerdem hat der Stadtrat Zweifel, ob man da nicht "einen Haufen Elektroschrott" anschafft, wie es ÖDP-Fraktionsvorsitzender Klaus Mrasek im vorgeschalteten Hauptausschuss gemutmaßt hat. Mit einer eher bescheidenen Wirkung zudem. "Sie können die bisherigen Maßnahmen nur ergänzen, nicht ersetzen", dämpft Oberbürgermeister Michael Cerny allzu hohe Erwartungen an die Lüfter. Die man aber noch gar nicht hat. Viele Kommunen wollen jetzt kaufen, der Markt gibt diese Menge vielleicht gar nicht her. Und dann müssen auch noch alle Vorschriften für eine ordnungsgemäße Ausschreibung eingehalten werden.

"Wir stimmen da über viel Geld ab, wissen aber eigentlich nicht, um was es geht", fasst irgendwann Dieter Amann (SPD) die Diskussion zusammen. Der Nutzen für die Kinder ist eher überschaubar, die Beschaffung reichlich kompliziert und die städtischen Finanzen geben die gute halbe Million Euro Eigenanteil im Augenblick nur unter Mühen her. Trotzdem will sich natürlich keiner der Stadträte den Vorwurf machen lassen, nicht genug für die Gesundheit der Kinder getan zu haben. Ein klassischer Zweispalt also, in dem das Gremium feststeckt. Tut man etwas, muss man sich eventuell den Vorwurf gefallen lassen, das städtische Geld im wahrsten Sinne des Wortes zum Fenster hinaus geblasen zu haben. Tut man nichts, stehen möglicherweise die Eltern auf den Barrikaden.

Bis spätestens Ende Oktober liefern

Das Schulreferat unter Führung von Fabian Kern hat für die Sitzung einen Entwurf ausgearbeitet. In einem ersten Schritt Kauf von 145 mobilen Luftreinigern für Klassenzimmer von unter 12-Jährigen. Danach Ersatz dieser Geräte durch dezentrale Lüftungsanlagen, die Lüfter können anschließend an ältere Schüler weitergegeben werden. Gesamtkosten 1,751 Millionen Euro, von denen mehr als 500.000 nicht gefördert werden. Und Strom, Filtermaterial oder Wartung muss ja die Stadt übernehmen.

Grundsätzlich ist der Stadtrat einverstanden mit diesem Vorgehen, würde dafür auch das notwendige Geld in die Hand nehmen. Was aber, wenn die mobilen Lüfter jetzt bestellt, aber erst im Frühjahr 2022 geliefert werden? Dann ist der Stadtrat der Depp, darin ist man sich im Gremium einig. Daher steht am Ende der Beschluss, die mobilen Geräte jetzt auszuschreiben – allerdings mit der Maßgabe, dass sie bis spätestens Ende Oktober geliefert werden. Ist das nicht möglich, dann soll der Ferienausschuss im August diesen Schritt rückgängig machen und gleich die dezentralen Lüftungsanlagen in Auftrag geben.

Der Amberger Hauptausschuss hat das Thema auch schon diskutiert

Amberg
Hintergrund:

Das hat der Amberger Stadtrat beschlossen

  • Kauf von 145 mobilen Luftreinigern für Schüler unter 12 Jahre mit Lieferfrist bis Ende Oktober – Kosten rund 550.000 Euro.
  • Anschaffung und Installation von drei unterschiedlichen dezentralen Lüftungsanlage für Testzwecke in Grundschulen – Kosten rund 120.000 Euro.
  • Ausstattung von 27 Klassenräumen an Grundschulen mit dezentralen Lüftungsanlagen – Kosten rund 1.080.000 Euro.
  • Anschließend förderunschädliche Weitergabe von 27 mobilen Luftreinigern an Schüler über 12 Jahre.
  • Ausgaben insgesamt: 1.751.000 Euro
  • Förderung Land und Bund: 1.231.750 Euro
  • Eigenanteil der Stadt Amberg: 537.250 Euro
  • Jährliche Wartungskosten der Anlagen: 75.400 Euro
Kommentar:

Es hat keine Alternative gegeben

Ja, es ist teuer. Und ja, der tatsächliche Nutzen von mobilen Luftreinigern und dezentralen Lüftungsanlagen gegen Corona ist vielleicht nur gering. Aber es gibt ihn. Also bleibt dem Stadtrat gar keine Alternative: Er muss alles Mögliche tun, um einen erneuten Lockdown für die Schulen zu verhindern. Denn noch ein Schuljahr wie das vergangene können wir uns nicht mehr leisten – und vor allem können wir es unseren Kindern nicht mehr antun. Dieser Preis wäre dann wirklich viel zu hoch für die Gesellschaft.

Andreas Ascherl

 

 

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