31.08.2021 - 15:39 Uhr
AmbergOberpfalz

Ambergerin bei Paralympics: Svenja Mayer im Rollstuhlbasketball erfolgreich

Bei einem Unfall wird Svenja Mayer 2011 lebensgefährlich verletzt. Zehn Jahre später ist die Ambergerin als Rollstuhlbasketballerin bei den Paralympics. Im Podcast #Oberpfälzerin - starke Frauen, starke Stimmen erzählt sie von ihrem Weg.

von Miriam Wittich Kontakt Profil

Es ist der 1. Februar 2011, gegen 12 Uhr steigt die 19-jährige Svenja Mayer auf ihr Fahrrad. Wie jeden Tag will die Friseurin ihre Mittagspause mit ihrer Mama und ihrer Oma daheim in Ammersricht verbringen. Auf dem Weg aus der Amberger Innenstadt überquert sie kurz vor der Erzbergbrücke die Bayreuther Straße, die Ampel am Fuß- und Radweg zeigt Grün. Gleichzeitig biegt ein Lastwagen rechts in die Bayreuther Straße ab, auch der Speditionsfahrer hat Grün – und übersieht die vorfahrtsberechtigte Radfahrerin.

Hier geht's zum Podcast mit Svenja Mayer

alternativer_text

alternativer_text

alternativer_text

alternativer_text

"Er hat mich mit dem Führerhaus vom Fahrrad runtergeholt und ist mir dann mit dem Auflieger über das Becken gefahren", erzählt Svenja Mayer. "Ich war dem Tod mehr nahe als dem Leben." Zehn Jahre sind seit diesem Unfall vergangen. Mayer wird damals mit mehreren Knochenbrüchen, einem zertrümmerten Becken und inneren Blutungen ins Amberger Klinikum gebracht und dort notoperiert. "Ich wurde ins künstliche Koma gelegt und war mehrere Wochen in Lebensgefahr", erzählt sie. Nach elf Tagen bringt ein Helikopter sie nach Homburg in eine Klinik, die auf Beckenbrüche spezialisiert ist. Wieder acht Wochen später fliegt man sie in die Murnauer Unfallklinik weiter, wo sie weitere acht Monate bleiben muss.

Ein Jahr Krankenhaus

Während Gleichaltrige ins Berufsleben starten, feiern und reisen, verbringt die junge Frau über ein Jahr in Krankenhäusern. Sie muss mehr als 50 mal operiert werden, Schmerzen aushalten, die sie "nicht ihrem schlimmsten Feind" wünschen würde. Seither ist Svenja Mayer auf den Rollstuhl angewiesen. "Erst mal war überhaupt nicht klar, ob ich jemals wieder sitzen kann, weil mein Becken so zertrümmert war. Aber mit viel Wille und Ehrgeiz wurde es von Monat zu Monat besser. Aktuell kann ich mein linkes Bein wieder gut bewegen, aber das rechte eigentlich gar nicht, weil ich da einen Arterienriss hatte", erzählt die 30-Jährige, deren Leben auch über zehn Jahre nach dem Unfall noch immer nicht schmerzfrei ist. "Aber ich komm gut klar. So schnell haut mich nichts mehr um." Dass das nicht nur leere Worte sind, zeigt wie weit Svenja Mayer in den vergangenen zehn Jahren gekommen ist. Davon werden auch die Hörer unserer Podcast-Folge mit der starken Oberpfälzerin überzeugt sein.

Mehr Podcasts von Onetz.de gibt es hier

24. August 2021: Inmitten der anderen Sportler aus Deutschland und der ganzen Welt rollt Svenja Mayer in das Nationalstadion von Tokio. Sogar mit Mund-Nasen-Maske ist der blonden jungen Frau ihre Freude anzusehen, ihre Augen strahlen. Es ist die Eröffnungsfeier der Paralympischen Spiele in Japan. Mayer tritt als Rollstuhlbasketballerin für Deutschland an. Ein Ziel, auf das sie hart hingearbeitet hat. Dabei war Ballsport früher gar nicht ihr Ding.

Zurück aufs Pferd das Ziel

Svenja Mayer war eine leidenschaftliche Reiterin, hatte eigene Pferde und trat bei Dressur-Turnieren an. "Meine Mama ist wohl der einzige Mensch, der je mit einem Sattel ins Krankenhaus spazieren musste." Zurück in den Sattel will die junge Frau nach ihrem Unfall unbedingt zurück. Das klappt zunächst auch, doch ein gesundheitlicher Rückschlag macht das Reiten für Mayer endgültig unmöglich. "2014 brauchte ich eine OP am Sitzbein, danach hat sich das relativ schnell erledigt gehabt."

Mit dem Rollstuhlbasketball kommt sie erstmals auf der Reha in Kontakt – und ist gar nicht begeistert. Wer schon einmal ein solches Spiel gesehen hat, der weiß, mit wieviel Tempo die Spieler und Spielerinnen unterwegs sind, die Stühle werden bei voller Geschwindigkeit herumgerissen, die Gegner so abgeblockt, dass es auch mal kracht, Rollstühle werden umgeworfen. "Das war mir zu viel Kontakt, zu schmerzhaft", erinnert sich Mayer. Doch in Amberg gibt sie dem Rollstuhlbasketball eine zweite Chance und wird schnell erfolgreich. "Dann wollte ich immer mehr und mehr."

Von Amberg nach Wiesbaden

Für den Sport zieht sie aus ihrer geliebten Heimat fort, weg von der Familie und den Freunden, denen sie so dankbar ist. „Meine Familie hat nach meinem Unfall viel aushalten müssen“, sagt Mayer. „Meine beste Freundin war ständig bei mir, ich hatte so viel Unterstützung, alle haben zusammengehalten.“

Aktuell wohnt die 30-Jährige mit ihrem Freund in Wiesbaden und spielt in der 1. Bundesliga für die Rhine River Rhinos. Dort sind Frauen und Männer zusammen in einem Team, auch "Fußgänger", also Menschen, die eigentlich gar keinen Rollstuhl bräuchten, dürfen beim Rollstuhlbasketball mitmachen. Ein Punktesystem sorgt dabei für Gerechtigkeit. Diese Regeln machen Rollstuhlbasketball so inklusiv wie kaum einen anderen Sport. Das mag Svenja Mayer so: "Ich liebe es, mich im Sport aufzureiben und zu batteln." Auch gegen körperlich überlegene Männer. "Dann zeige ich eben, dass ich cleverer bin."

Rollstuhlbasketball zählt zu den populärsten paralympischen Sportarten. Es ist taktisch, technisch und athletisch anspruchsvoll. "Man braucht viel Übersicht, ein gutes Ballhandling, Koordination und viel Kraft", erklärt Mayer. Dafür trainiert sie etwa 25 Stunden in der Woche, Team- und Krafteinheiten, aber auch Physiotherapie gehören dazu. "Meine Motivation ist unermüdlich und mein Wille nicht zu brechen", sagt die gebürtige Ambergerin. "Für den Sport will ich aktuell einfach alles geben."

Bei Paralympics auf Medaillenkurs

Vor Augen hatte Svenja Mayer da in den vergangenen Jahren schon immer die Paralympics. Sie verstehe, dass die Spiele wegen der Pandemie auch kritisch gesehen werden. "Ich nehme Corona sehr ernst", sagt die Nationalspielerin. Doch sie wirbt auch um Verständnis für die Sportler, die so viel Zeit in die Vorbereitung auf dieses Event stecken. Umso glücklicher war Svenja Mayer, als klar war, dass das Sportereignis in Tokio mit einem Jahr Verspätung doch noch stattfindet. "Es wäre hart für mich gewesen, wenn es ausgefallen wäre. Man trainiert ja nicht jeden Tag für Nichts."

Und es läuft gut für Mayer und ihr Team. In der Gruppenphase gewinnen die deutschen Rollstuhlbasketballerinnen alle vier Spiele. Auch im Viertelfinale schlagen sie am Dienstag Spanien – und sind damit weiter auf Medaillenkurs. Am Donnerstag ist das Halbfinale.

Wo sie heute steht – in ihrem Leben und im Sport – hätte sich Svenja Mayer vor zehn Jahren nicht vorstellen können. Trotz all der Schmerzen, ist sie sogar irgendwie froh über die Wendung, die ihr Leben im Februar 2011 genommen hat: "Mein Leben von davor vermisse ich nicht. Weil es jetzt vielleicht sogar besser ist, nur ich sitze halt."

Ein Interview mit Svenja Mayer zu ihrer Paralympics Teilnahme

Amberg

Auch Maria Obermeier war beim Podcast "Oberpfälzerin – starke Frauen, starke Stimmen" zu Gast

Amberg
Hintergrund:

Svenja Mayer – eine starke Oberpfälzerin mit einer starken Stimme

Die 30-jährige Svenja Mayer aus Amberg ist Gast des Podcasts #Oberpfälzerin - starke Frauen, starke Stimmen der beiden Redakteurinnen Stephanie Wilcke und Miriam Wittich von Oberpfalz-Medien.

Die beiden stellen spannende und interessante Frauen aus der Oberpfalz vor, die etwas zu erzählen haben. Mal kann es ein Schicksalsschlag sein, nach dem die Frau wieder aufsteht und anderen Mut macht. Mal geht es um ein bemerkenswertes soziales Engagement. Was alle Oberpfälzerinnen gemeinsam haben? „Sie inspirieren“, sind die beiden Macherinnen des Podcasts überzeugt, „nicht nur Frauen, sondern auch Männer.“ Der Podcast soll den "starken Oberpfälzerinnen" eine starke Stimme geben und sie zumindest für eine gewisse Zeit auf ein Podest heben, damit ihre Leistung von anderen gesehen wird.

Zu hören gibt es die Episoden von #Oberpfälzerin - starke Frauen, starke Stimmen bei den Streaming-Anbietern Spotify, Apple, Google Podcasts und Deezer.

"Er hat mich mit dem Führerhaus vom Fahrrad runtergeholt und ist mir dann mit dem Auflieger über das Becken gefahren. Ich war dem Tod mehr nahe als dem Leben."

Svenja Mayer über ihren Unfall im Februar 2011

Svenja Mayer über ihren Unfall im Februar 2011

 

 

Kommentare

Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich anmelden.

Bitte beachten Sie unsere Nutzungsregeln.