27.01.2020 - 15:06 Uhr
AmbergOberpfalz

Antisemitismus: Fokus auf Amberg stellt nicht richtig scharf

Amberg sorgt für Schlagzeilen. Vergangene Woche noch als Oberpfälzer Wohlfühl-Stadt, am Sonntagabend in der Tagesschau als Aufhänger für einen Bericht über zunehmenden Antisemitismus im Land.

Elias Dray in der Amberger Synagoge: Der Rabbiner hat sich durch seine interreligiöse Arbeit deutschlandweit einen Namen gemacht.
von Uli Piehler Kontakt Profil

"So sollte das nicht rüberkommen", sagt Rabbiner Elias Dray am Montag. Am Sonntagabend war der Amberger eine der Hauptfiguren der ersten Meldung der wichtigsten Nachrichtensendung Deutschlands. "Appelle zu Holocaust-Gedenktag: Kampf gegen Antisemitismus" war der Bericht betitelt. Und der Autor rückt sofort Amberg in den Fokus: "Amberg - Kleinstadt in der Oberpfalz", mit diesen Worten und einem Blick auf Synagoge und Basilika St. Martin beginnt der etwa zweiminütige Filmbeitrag. Rabbiner Elias Dray kommt anfangs kurz zu Wort, um über eine sich verändernde Stimmungslage zu sprechen. Er lebe gern hier, sagt der Sprecher noch über Dray "und doch habe sich etwas geändert im Klima der Stadt."

Nach Terror in Halle: Sorge auch in der jüdischen Gemeinde in Amberg

Amberg

Dann wird der Rabbiner zitiert: "Ich bin hier aufgewachsen, in die Schule gegangen in den 90er-Jahren. Ich weiß, in den 90er-Jahren war es ein absolutes Tabu, irgendetwas gegen Juden zu sagen. Das hat sich schon verändert." Sekunden später flimmern hässliche Bilder von geschändeten Gräbern und dem Polizeieinsatz beim Terroranschlag in Halle über den Bildschirm. Der Sprecher sagt dazu: "Geschändete Grabstätten, Beleidigungen und Hassbotschaften bis hin zu schweren Gewalttaten, wie kürzlich in Halle. Die Kriminalstatistik verzeichnet eine deutliche Zunahme von Angriffen auf Juden in Deutschland."

Elias Dray im Beitrag der Tagesschau.

Für Elias Dray war beim Anschauen der Tagesschau klar, dass sich seine Aussagen und die Bilder danach auf die Gesamtsituation in Deutschland beziehen. Er versteht aber auch, dass da fälschlicherweise wahrgenommen werden könnte, der Fokus liege auf Amberg. "So ist das nicht", stellt er am Montag klar. "Ich muss eher sagen, dass gerade nach dem Anschlag in Halle viele Leute aus Amberg ihre Solidarität bekundet haben." Er wisse auch, dass die Amberger Schulen hervorragende Arbeit leisten. "Hier in Amberg läuft es viel besser als in manchen Großstädten." Vieles, was er bei dem Interview mit der ARD dazu gesagt habe, sei nicht gesendet worden.

Nachdem das Fernsehteam Äußerungen von Ministerpräsident Markus Söder aufgreifen wollte, sei es auf der Suche nach einer Israelitischen Gemeinde in Bayern gewesen. Möglicherweise ist die Wahl auf Amberg und Elias Dray gefallen, weil der Rabbiner in den vergangenen Monaten bereits deutschlandweit für Aufsehen gesorgt hat - im positiven Sinn für die Stadt. Denn in Amberg soll ein bundesweit einmaliges Toleranz-Zentrum entstehen.

Einstimmig für das Toleranz-Zentrum

Amberg

Im Mai vergangenen Jahres hat sich dazu der Verein "Dem anderen begegnen" gegründet. Vorsitzende ist die ehemalige Bundestagsabgeordnete, Bürgermeisterin und Stadträtin Barbara Lanzinger. Ihr geht es darum, gegen jede Form von Hass, Missgunst und Ausgrenzung anzukämpfen, "egal gegen wen". "Wir müssen vor allem an der Sprache arbeiten", plädiert sie für ein Klima des Respekts in der Stadtgesellschaft. "Da haben auch die Medien eine große Verantwortung." Den Tagesschau-Beitrag hält sie deswegen auch nicht für gelungen. Da seien wichtige Aspekte in Bezug auf Amberg verkürzt dargestellt worden.

Auch Oberbürgermeister Michael Cerny war am Sonntagabend etwas irritiert. Er hoffe, dass wirklich jedem klar geworden sei, dass die Bilder von den geschändeten Grabsteinen nicht aus Amberg stammen, sagt er. Für seine Stadt ist Cerny recht zuversichtlich: "Wir haben viele Initiativen für ein tolerantes und spannungsfreies Miteinander und meines Erachtens auch eine sehr offene und aufgeschlossene Stadtgesellschaft."

Kommentar:

Chancen für positive Schlagzeilen

Januar 2019: Amberg im Heute-Journal wegen der Prügel-Attacke am Bahnhof. Januar 2020: Amberg in der Tagesschau im Zusammenhang mit Antisemitismus. Ist das ein Grund sich aufzuregen? Bei allem Verständnis für den Wunsch, die Stadt möge ruhig und beschaulich bleiben - die Fernsehjournalisten haben in beiden Fällen brandaktuelle Themen aufgegriffen und Aspekte eben auch mal fernab der Hauptstadt eingeholt. Oft genug war in der Vergangenheit kritisiert worden, die großen Medien ließen die Provinz links liegen.
Freilich erschrickt man, wenn man in der Hauptnachrichtensendung Bilder der Amberger Altstadt sieht und gleich darauf Hakenkreuze auf jüdischen Grabsteinen. Wer die Gelegenheit hat, den Filmbeitrag ein zweites Mal zu sehen, der erkennt, dass sich der Bericht auf die Situation im gesamten Deutschland bezieht. Und da sind so abscheuliche Taten wie die Schändung von Friedhöfen leider an der Tagesordnung.
Für Amberg gibt es noch ausreichend Gelegenheit, mit der Aufarbeitung der NS-Zeit und interreligiöser Toleranz für positive Schlagzeilen zu sorgen. Eine davon bietet die Arbeit des Vereins "Dem anderen begegnen", in dem Elias Dray und andere Persönlichkeiten aus der Stadt genau daran arbeiten, Barrieren zwischen den verschiedenen Glaubensgemeinschaften abzubauen. Nächstes Jahr laufen vielleicht schon die ersten Projekte. Ein ideales Thema für die Fernsehsender, nicht nur im Januar 2021.

Uli Piehler

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