20.08.2020 - 13:15 Uhr
AmbergOberpfalz

Wo sich Auto-Tuner nachts in Amberg treffen

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Nichts polarisiert in Amberg mehr als "die Autoszene", die ihre Runden auf dem Altstadt-Ei dreht. Aber ist das überhaupt so? Oberpfalz-Medien war einen Abend lang mit der Polizei auf Streife - und fand Gemeinsamkeiten mit den "Auto-Tunern".

"Stopp!": Den 19-jährigen Fahrer dieses aufgemotzten Ford-Mustang kontrolliert Polizeiobermeister Tobias Kiefl. Am Ende stellt der Beamte fest, dass einiges so nicht auf deutschen Straßen erlaubt ist.
von Stephanie Wilcke Kontakt Profil

Florian (20) und Kevin (21) haben es sich an diesem heißen späten Donnerstagabend mit ihren Freunden auf den mitgebrachten Campingstühlen gemütlich gemacht. Man quatscht, redet und bewundert das Auto des Bekannten, raucht Zigaretten.

Es fällt nur wenig Licht der Straßenlaternen auf den Parkplatz an der Fuggerstraße. Wie praktisch, dass sich gleich gegenüber ein Fastfood-Restaurant befindet. Dort versorgen sich die acht jungen Leute für den Abend. „Fast jeden Tag sind wir da“, sagt Florian. Außer wenn es regnet. „Dann stehen wir am Parkdeck an der Kräuterwiese.“

Florian (20) und Kevin (21) haben es sich mit den Freunden am Parkplatz an der Fuggerstraße bequem gemacht. Sie genießen den Austausch mit anderen Autoliebhabern.

Es ist nicht das einzige Grüppchen an diesem Abend. Neben dem Baumarkt stehen welche, auch am Gartenmarkt. Um die geöffnete Motorhaube eines BMW hat sich eine Traube gebildet. Bei einer anderen Gruppe tauschen die Mädels regelmäßig die Sitzplätze im Wagen.

Florian, Kevin und ihre Begleiter sind leidenschaftliche Autokenner, Aufmotzer, Autobewunderer. Was sie reizt, ist die Gemeinschaft jeden Abend. „Wir sitzen zusammen. Wie andere Leute im Café oder in der Kneipe. Wir können hier im Gewerbegebiet aber auch mal eine Ausfahrt machen.“

Nicht alle über einen Kamm scheren

Gut zwei Stunden zuvor hat Polizeiobermeister Tobias Kiefl seinen handlichen Werkzeugkoffer in der Inspektion zusammengepackt. Darin hat er unter anderem ein Dezibel-Messgerät, einen Meterstab, kleineres Werkzeug, um „auch mal ein Licht wegbauen zu können“, verrät er. Er will heute mit seinem Streifenkollegen Auto-Poser aufspüren. „Wir möchten diejenigen finden, die über die Stränge schlagen.“ Deren Auspuffanlagen lauter sind als in der Betriebserlaubnis vermerkt, die ihren Müll und Dreck an beliebten Parkplätzen hinterlassen, die Reifen in Wohngebieten durchdrehen lassen, bis sie qualmen. Kurz: „Diejenigen, die keinen Anstand haben.“

Über einen Kamm scheren will er die Autoszene in Amberg ausdrücklich nicht. Kiefl weiß, wovon er spricht. „Ein schönes Auto mit tollen Felgen.“ Er selbst hat mit 18 Jahren einen solchen Wagen gefahren. „Die Änderungen waren aber alle TÜV-geprüft“, schiebt er lachend hinterher.

Mustang so laut wie ein Rockkonzert

Seit vier Jahren kümmert sich der Polizist, der sich viel technisches Wissen über Autos angeeignet hat, unter anderem darum, dass Anwohner vor allem im Sommer wieder Schlaf finden und nicht von Rasern und Posern wachgehalten werden.

Vor kurzem ist Kiefl aber genau so einer untergekommen. Ein US-Soldat hatte die Anwohner im Drillingsfeld um den Schlaf gebracht, weil er bei seinem Auspuff die Endschalldämpfer abgeflext hatte. „Er ist auf der B 85 rauf und runter gefahren.“ In der Siedlung gingen nach und nach die Lichter an, die Nachbar schauten verdutzt aus den Fenstern. Als die Beamten die Verfolgung aufnahmen, entkam der Fahrer. Zunächst. „Den Ford Mustang haben wir noch drei Häuserblöcke entfernt gehört.“ Am Ende zeigte der Dezibel-Messer bei der Kontrolle 112 an. In etwa die Lautstärke eines Rockkonzerts.

Zu laut, um nicht gehört zu werden

Amberg

Stopp am Maxplatz

An diesem August-Abend ist wenig los auf den Amberger Straßen und Plätzen. Zwei, drei Autos parken an den Gleisen am Pfalzgrafenring, ein Ford Mustang fährt vorbildlich Tempo 50 in der Bayreuther Straße, das Parkdeck an der Kräuterwiese ist wie leer gefegt. Die Lampen strahlen nur für die geparkten Autos.

Doch dann gibt ein weißer Ford Mustang bei der auf Gelb springenden Ampel vor dem Maxplatz Gas. Ein kräftiges Blubbern hallt durch die Nacht. Kiefl und sein Streifenkollege stoppen den Fahrer an der Bus-Bucht. Sie wollen das Auto des 19-jährigen Fahrers unter die Lupe nehmen. Doch es steigt kein Mann mit bulliger Statur und kräftigen Schultern aus dem Sportwagen aus. Wie es vielleicht ein Klischee vermutet lässt. Aus dem Sportsitz schält sich ein schmächtiger junger Typ mit runder Brille auf der Nase.

Polizist Kiefl misst nicht nur die Lautstärke des rund 600 PS starken Sportwagens. Er überprüft auch, ob am Auspuff manipuliert wurde.

Kiefl legt sich auf den Boden, vermisst die Tiefe des Autos, stellt den Dezibel-Messer auf, fragt den 19-Jährigen nach den Fahrzeugpapieren. Nach wenigen Minuten stellt der Polizist fest: Im Stehen erreicht der Mustang gut 110 Dezibel, der Auspuff wurde ausgetauscht, der Turbolader im Motorraum ist kein Originalteil, die Luftansaugung ist vergrößert worden. Zudem liegt das 600 PS starke Auto zu tief auf der Straße. „Das ist nicht nur für Sie gefährlich, sondern beschädigt auch die Straße“, erklärt Kiefl dem Fahrer. Der Beamte schickt ihn sofort nach Hause. Solange die Änderungen nicht behoben sind, darf der 19-Jährige nicht mehr mit seinem Auto unterwegs sein. Der Beamte hat ihn erst einmal aus dem Verkehr gezogen.

Großkontrolle im Juni

Rückblick: Es ist Samstagabend, 27. Juni. Gut 250 Autobegeisterte treffen sich auf dem Parkplatz in der Fuggerstraße, einige sind auch beim Parkdeck an der Kräuterwiese anzutreffen. Dann kommt ein großes Aufgebot der Polizei vorbei. Die Zu- und Ausfahrten zum Gelände werden abgeriegelt. Keiner kommt mehr rein oder raus.

Polizei und Zweckverband Verkehrssicherheit kontrollieren am Dehnerparkplatz

Amberg

„Etwa 100 Autos dürften es am Parkplatz gewesen sein“, sagt Ambergs Polizeisprecher Achim Kuchenbecker. „Dort standen auch viele normale Autos. Die auffälligen Modelle wurden von den Beamten untersucht.“ Die Dienststellenleitung habe sich zu einer größeren Kontrolle mit dem Zweckverband Kommunale Verkehrssicherheit Oberpfalz entschieden. „Denn es war für diesen Abend ein großes Tunertreffen angekündigt“, erklärt Kuchenbecker. Ziel der Aktion sei es gewesen, die Verkehrssicherheit zu erhöhen. Am Ende wurde bei zehn Autos eine „unzulässige Veränderung festgestellt“, wie es im Pressebericht hieß.

Doch das war nicht alles: In der Fuggerstraße war auf Höhe der Realschule kurzfristig ein Tempo-30-Schild aufgestellt worden. In der Szene vermutet man, dass es dort extra vom Zweckverband aufgestellt wurde, um möglichst vielen Autoliebhabern, die an Tempo 50 in der Straße gewöhnt sind, ein Knöllchen zu verpassen. Im Pressebericht hieß es: „Im Zeitraum von vier Stunden gab es 350 Verstöße im Stadtgebiet, die zu 24 Fahrverboten führten.“ Kuchenbecker entgegnet, dass das Tempo-30-Schild schon am Tag zuvor auf Höhe der Baustelle aufgestellt wurde. Die Kollegen hätten es aber verrückt, weil es schlecht einsehbar war. Man habe aber als Basis Tempo 50 für Verstöße angenommen. Das heißt: „Wer 56 Kilometer pro Stunde fuhr, ist so behandelt worden, als hätte er 6 km/h zu viel gehabt.“ Das Aufstellen des Schilds sei eine Anordnung der Stadt Amberg gewesen.

Offener Brief schlägt Wellen

Einer, der zwar nicht kontrolliert wurde an jenem Abend, aber dabei war, ist Alexander Dontschenko (33). Am nächsten Tag veröffentlichte er auf Facebook einen offenen Brief auf dem offiziellen Account der Stadt Amberg. Seine Zeilen schlugen hohe Wellen – in der Szene wie auch unter den Ambergern. Er kritisiert darin unter anderem: „In Amberg wird man mittlerweile unter Generalverdacht gestellt, wenn man kein Auto von der Stange fährt.“ Das Vorgehen der Polizei an dem Abend sei letztlich unverhältnismäßig gewesen.

Auch der Blick unter die Motorhaube darf bei einer Kontrolle nicht fehlen: In diesem Fall wurde der Turbolader getauscht.

Positiv wie negativ seien die Reaktionen darauf ausgefallen, sagt er heute. „Hier gibt es keine Raserszene.“ Und die Stadtrundenfahrer, die seit mehr als 20 Jahren fast schon zum Markensymbol in Amberg geworden sind? „Die gibt es kaum noch. Man muss das differenziert betrachten. Es ist eher eine Autoszene. Treffen von Gleichgesinnten, die dasselbe Hobby teilen.“ Auch die Polizei sieht das so. „Tuner und Poser, man darf nicht auf alle draufhauen“, sagt Kiefl. Es sei in Ordnung, Freunde zu treffen. „Wer Müll verursacht oder mit seinem Gehabe Anwohner nervt, kriegt ein Problem mit der Polizei.“

Alexander Dontschenko (33) hat einen offenen Brief an die Stadt Amberg und die Polizei geschrieben. Er wirbt für Verständnis und fordert einen Platz, an dem sich die Autoszene treffen kann und an dem man "nicht ständig kontrolliert oder verscheucht wird".

Dontschenko weiß, dass es unter den Autofans auch „schwarze Schafe gibt“. „95 Prozent sind aber anständige Leute.“ Dass sich nach den Treffen außerhalb der Innenstadt Dreck und Müll ansammelt, ärgert auch ihn. „Mittlerweile weiß aber der Großteil, dass das nicht in Ordnung ist.“ Sehr viele würden ihre Sachen wieder mitnehmen. „Manche haben auch eigene Aschenbecher dabei, damit die Kippen nicht am Boden liegen.“ Mit Rasern oder Rücksichtslosen wollen er und die Szene öffentlich nicht in einen Topf geworfen werden. „Unser Hobby ist es, das eigene Auto zu verschönern. Das zeigen wir an solchen Abenden. Dort tauschen wir uns aus.“

Ein Platz für die Autoszene

Gegen Raser grundsätzlich vorzugehen, hat Dontschenko nichts. „Im Gegenteil. Ich wohne ja selbst in der Altstadt.“ Daher findet er es eigentlich gut, dass sich die Szene einen anderen Ort gesucht hat. „Wir treffen uns weit außerhalb, damit wir keinen stören.“ In seinem Brief fordert er von der Stadt: „Sorgt lieber dafür, dass der eigenen Jugend ein Platz geboten wird, wo man nicht ständig kontrolliert oder verscheucht wird, nur weil man sich treffen möchte.“ Die Liebe zum Auto sei doch nicht kriminell. Dontschenko wünscht sich außerdem „einen respektvollen Umgang mit der Polizei“.

Im Grunde wünscht sich das auch Polizist Kiefl. Denn oft reagierten die Männer, deren Auto von ihm kontrolliert werden solle, beleidigend. „Vor allem nach der Kontrollaktion gab es viel Gesprächsbedarf. Manche wollten wissen, was in der Vergangenheit falsch gelaufen ist. Ich glaube, einige haben das jetzt schon verstanden.“ Zuletzt habe Kiefl beobachtet, dass Tuner ihren Müll mitnehmen. „Ich weiß, dass manche selbst genervt sind vom Verhalten der anderen.“ Gleichzeitig gibt er zu bedenken, dass auf dem Weg zum Parkplatz an der Fuggerstraße eben auch Anwohner leben , „die nachts schlafen wollen“.

Vom Verhalten der anderen sind teilweise auch Florian, Kevin und die anderen Tuner in der Campingstuhl-Runde genervt. „Das sind schwarze Schafe, die uns auch stören“, sagt Kevin. „Wir sind doch nicht alle so.“

Nürnberger Polizei hat erneut in Tuning-Szene kontrolliert

Nürnberg
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