06.12.2021 - 15:24 Uhr
AmbergOberpfalz

Beleidigungen in Amberger Test-Station: "Irgendwann keine Lust mehr"

Als Intensivpflegerin in einer Psychiatrie hat Andrea Jütterbock zwangsläufig schon viel erlebt. Was sie aber im Test-Center in Amberg beim Kaufland erlebt, macht sie oft fassungslos: "Die Leute halten uns teilweise für blöd."

Dezember, kurz nach 9 Uhr am Test-Center vor dem Kaufland: Die Warteschlange reicht vom Media Markt bis zum Supermarkt-Eingang.
von Thomas Kosarew Kontakt Profil

Während aktuell fast ganz Deutschland über eine von der neuen Bundesregierung für das Frühjahr 2022 anvisierte Impflicht diskutiert, rückt eine andere Vorgabe in der öffentlichen Wahrnehmung etwas in den Hintergrund: die Testpflicht. Wer zum Beispiel ins Fitness-Studio, ins Stadttheater oder ins Kurfürstenbad will, muss sich auf das Coronavirus testen lassen. Selbst dann, wenn man vollständig geimpft oder genesen ist.

Stichwort 2G-plus. Auch für die Einhaltung der 3G-Regel, wie sie unter anderem am Arbeitsplatz oder im öffentlichen Personennahverkehr gilt, ist ein Nachweis erforderlich. Das lässt die Warteschlangen vor den Test-Centern im Stadtgebiet wachsen. Auch an den Franzosenäckern im Stadtteil Bergsteig, wo die Rosenapotheke vor dem Kaufland eine Einrichtung betreibt. Werktags von 9 bis 13 und 14 bis 18 Uhr sowie samstags von 9 bis 14 Uhr.

Eine Frau, die regelmäßig als Teil eines vierköpfigen Teams in dem kleinen Container sitzt, ist Andrea Jütterbock. Sie ist 58 Jahre alt und im normalen Leben Intensivpflegerin in einer Psychiatrie in Regensburg. Über sich selbst sagt sie: "Ich glaube, ich bin schon einigermaßen stressresistent." Was sie aber in Amberg vor dem Supermarkt erlebe, schlage dem Fass häufig den Boden aus: "Was ganz oft auffällt, ist, dass Leute, die zum Testen kommen, unwahrscheinlich schnell massiv persönlich werden."

Häufig kämen Fragen wie diese: "Ob wir berechtigt sind, das zu machen. Ob wir dafür ausgebildet sind." Andrea Jütterbock versuche stets, cool zu bleiben. Nicht immer mit Erfolg, wie sie sagt, denn: "Wenn ich das in Ruhe erkläre, werden die Leute wirklich massiv persönlich. Wie dumm wir doch alle sind. Warum wir uns diesem ganzen Scheiß stellen." Sie antworte dann immer, dass sich die Leute impfen lassen sollten, wenn sie ihre Ruhe haben wollen. Doch viele wollten genau das nicht hören: "Dann heißt es, dass mich das überhaupt nichts angeht, weil das eine private Entscheidung sei."

Vorwurf: Ausländerfeindlich

Die meisten Menschen, die sich vor dem Kaufland testen lassen, seien nicht geimpft. Einige von ihnen stammten nicht aus Deutschland, sondern seien Urlauber, auf der Durchreise, Fernfahrer oder Bauarbeiter: "Die muss ich dann fragen, ob sie aus Deutschland sind." Denn wenn nicht, kostet der Test 15 Euro. Folglich benötigt Andrea Jütterbock in diesen Fällen einen Nachweis mit Meldeadresse. Doch den bekomme sie nicht immer zu sehen, stattdessen aber einiges zu hören: "Wenn ich nachfrage, werde ich als ausländerfeindlich beschimpft." Irgendwann, sagt die 58-Jährige, "hat man einfach keine Lust mehr".

Warten gehört dazu

Einige Unverbesserliche werden laut der 58-Jährigen teilweise so angriffslustig, dass sie Angst habe, durch die kleine Luke im Container "nach draußen gezogen" zu werden. Auslöser dieser Aggressionen sei in den meisten Fällen die fehlende Geduld: "Wenn ich den Test richtig mache, müssen die Leute eben warten. 15 Minuten. Das geht nicht auf fünf Minuten." Ein weiteres Problem: Anmeldeschluss für einen Corona-Test ist 15 Minuten vor Ablauf der Öffnungszeiten. Auch daran hielten sich viele nicht. Frei nach dem Motto: "Da steht doch, dass ihr bis 18 Uhr offen habt. Und es ist erst fünf vor." Jütterbock: "Da folgen dann Grundsatzdiskussionen, warum es nicht mehr geht. Es sieht eben keiner, was da noch alles mit dranhängt. Wir müssen saubermachen, desinfizieren."

Auf die Frage, was das Schlimmste sei, was sie sich immer wieder anhören müssen, antwortet die 58-Jährige: "Dass ich dumm bin. Aber ich bin nicht dumm. Ich habe seit 35 Jahren meinen Job. Und den mache ich mit Leidenschaft. Hier auch." Es folgt ein großes Aber: "Wir kommen an Grenzen, an denen man sagt, man hat keine Lust mehr. Von zehn Leuten sind sieben so, dass man sich denkt, denen müsste man eigentlich eine reinhauen. Es wird einfach nicht verstanden, was wir hier leisten." Ans Aufhören denkt die Regensburgerin, die für ihren Job 14 Euro pro Stunde erhält, aber keineswegs: "Ich mache das gern und hier auch weiter. So lange, wie ich kann." Mittlerweile sei aber ein Punkt erreicht, "wo ich sage, ich kann das so nicht mehr hinnehmen. Ich muss das loswerden." Am vergangenen Samstag waren laut Andrea Jütterbock 180 Menschen für einen Test an den Franzosenäckern. Unter der Woche seien es in der Regel etwa 100 am Vormittag und 130 bis 140 am Nachmittag: "Wir haben pro Tag in acht Stunden 240 Leute hier. Da kann man sich ausrechnen, was wir hier zu viert leisten."

Beim nächsten Mal: Polizei holen

Von ihrer Auftraggeberin, der Rosenapotheken-Chefin Heike Übler, hat die 58-Jährige die Vorgabe erhalten, bei den nächsten Beleidigungen oder Übergriffen die Polizei zu verständigen. Übler: "Die Leute könnten sich schon zusammenreißen. Wir sind ja nicht verpflichtet, das zu machen. Klar bekommen wir Geld dafür, aber wir machen das für die Leute." Um einen reibungslosen Ablauf gewährleisten zu können, müssten sich immer vier Personen im Container befinden. Insgesamt knapp 20 Leute kann Übler einteilen: Studenten, Krankenschwestern, Arzthelferinnen und Pflegerinnen. Auch zwei Fachoberschüler, die den Gesundheitszweig belegen, befänden sich im Personalpool: "Also alles Leute mit medizinischem Hintergrund und nicht einfach irgendwelche Schüler."

Alle Bediensteten des Test-Centers am Bergsteig seien ausgebildet oder zumindest angelernt. Die 15 Minuten Wartezeit ließen sich aber von niemandem abkürzen. Und auch sonst müssten die Menschen einfach etwas Zeit, Ruhe und Geduld mitbringen. "In fünf Minuten kommt man nicht dran. Das geht nicht. Eine halbe Stunde muss man mindestens einrechnen." Zu Stoßzeiten könne es durchaus passieren, dass das Prozedere eine Stunde dauert. Heike Übler dazu: "Wir können das nicht ändern. Wir können das nicht anders organisieren. Es geht nur so. Leider."

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Hintergrund:

Öffnungszeiten der Test-Station am Bergsteig

  • Werktags: 9 bis 13 und 14 bis 18 Uhr
  • Samstags: 9 bis 14 Uhr
  • Anmeldungen: Jeweils bis 15 Minuten vor Schließung, also 12.45, 17.45 beziehungsweise 13.45 Uhr

„Von zehn Leuten sind sieben so, dass man sich denkt, denen müsste man eigentlich eine reinhauen."

Andrea Jütterbock

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