24.04.2020 - 11:46 Uhr
AmbergOberpfalz

Bestattung zwischen Trauer und Ansteckungsgefahr in Amberg-Sulzbach

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Keine Umarmungen, nicht mal ein Händedruck: Beerdigungen in Zeiten der Coronakrise sind noch trauriger als sonst. Dabei können sich Angehörige in Deutschland noch glücklich schätzen, meinen Bestatter aus dem Landkreis Amberg-Sulzbach.

Abschied nehmen in der Krise: Bestatter aus dem Landkreis Amberg-Sulzbach berichten von ihren Erfahrungen.
von Kathrin Moch Kontakt Profil

Es sind Bilder, die einem den Atem stocken lassen: In New York werden Leichen mit dem Gabelstapler in große, weiße Kühllaster gehievt. In Italien werden Massengräber ausgehoben. Wie ist die Lage im Landkreis Amberg-Sulzbach? Wie läuft eine würdevolle Bestattung in Corona-Zeiten ab? Zwei Bestatter aus dem Landkreis geben Einblicke in ihre Arbeit.

Keine Umarmung und kein Gottesdienst

"Wir machen das jetzt seit 19 Jahren. Aber sowas gabs noch nie." Auch für Bestatter wie Daniel Szautner vom Bestattungsinstitut Heise, mit Filialen in Amberg und Kümmersbruck, ist die Corona-Pandemie eine aufgeregte Zeit. Nur dank einer schnellen und guten Zusammenarbeit der Behörden könnten Bestatter ihrem Beruf aktuell fast problemlos nachgehen, sagt Szaunter. Tanja Rösl vom Bestattungsinstitut Haimerl-Rösl in Amberg und Süß erzählt von kleinen Unklarheiten zu Beginn der Corona-Krise: "Als die Ausgangsbeschränkung verhängt wurde, sollten zunächst alle Beisetzungen auf unbestimmte Dauer verschoben werden. Auch die bereits angesetzten." Schnell hatte man sich allerdings mit der Stadt Amberg geeinigt und die Verständigungsschwierigkeiten, wie Tanja Rösl sagt, überwunden.

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Seitdem habe sich für die Bestatter nicht allzu viel an ihrer Arbeit geändert. Lediglich die Beerdigung habe an Ritualen verloren. Die Regeln der bayerischen Staatsregierung sind eindeutig: Nicht mehr als 15 Personen dürfen an der Beisetzung teilnehmen, sie alle müssen einen Mindestabstand von 1,5 Metern halten. Tröstende Zuwendungen für die Trauernden, wie ein Händedruck oder Umarmungen, sind momentan nicht erlaubt. Auch normalerweise fest verankerte Rituale wie das Bewerfen des Sargs mit Erde oder das Benetzen mit Weihwasser sind von der Regierung verboten worden. Aufbahrungen mit offenem Sarg sind ebenfalls nicht zulässig. Ein Gottesdienst findet nicht statt. Rosenkranz ebenso wenig.

Leichter Anstieg bei Feuerbestattungen

Diese Entbehrungen führen zu einer deutlich kürzeren Trauer-Zeremonie: Nur etwa 15 Minuten dauert ein Abschied am Friedhof in Corona-Zeiten. Was erschwerend für die Angehörigen ist, würde Geistlichen und Bestattern bei einer Verschärfung der Lage in die Karten spielen. Rösl: "Wir könnten momentan wirklich viele Beisetzungen abhalten. Viel mehr als sonst. Die Pfarrer sagen: Ruft uns an, wir haben Zeit." Die Bestatterin erklärt, dass der limitierende Faktor für Beisetzungen eher bei den Grabstellen zu finden ist: "Wenn es so viele Tote auf einmal geben würde wie in Italien, hätten wir auch in Amberg nicht die entsprechenden Kapazitäten schnell so viele Gräber auszuheben." Zahlenmäßig stellen die beiden Bestatter derzeit keinen Anstieg der Sterbefälle fest.

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Daniel Szautner berichtet allerdings von mehr Feuerbestattungen: "Gefühlt sind es etwa zehn Prozent mehr. Der Grund ist weniger die Infektionsgefahr als die Möglichkeit zur Verschiebung der Beisetzung." Viele Familien könnten aktuell wegen Quarantänemaßnahmen nicht zusammenkommen oder möchten abwarten, bis sich die Lage entspannt hat. "Mit einer Feuerbestattung lässt sich die Beisetzung zwei Wochen oder länger hinauszögern. Es sind also mehr Gründe des Zeitmanagements, die dazu führen, sich aktuell für eine Feuerbestattung zu entscheiden."

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Keine Beerdigung in eigener Kleidung

Grundsätzlich ist der Umgang mit Menschen, die an Infektionskrankheiten gestorben sind, Bestattern nicht fremd, erklärt Daniel Szaunter: "Wir haben das schon jedes Jahr, zum Beispiel bei Influenza oder resistenten Krankenhauskeimen." Der Leichnam darf dann nicht wie üblich in eigener Kleidung beerdigt werden, sondern wird in ein Leinentuch gewickelt. "Anschließend muss der Leichnam in einer sogenannten 'Body Bag' verpackt werden. Zusätzlich wird der Sarg mit Tüchern versehen, die in Desinfektionsmittel getränkt wurden, um die Infektionsgefahr zu verringern."

Info:

Infektionsgefahr auch nach dem Tod?

Ob ein Mensch, der am Coronavirus gestorben ist, auch nach seinem Tod noch ansteckend ist, ist im Moment nicht klar. "Es existieren keine belastbaren Daten zur Kontagiösität von Covid-19-Verstorbenen", heißt es auf den Seiten des Robert-Koch-Instituts (RKI). In den Richtlinien des RKI zum Umgang mit an Covid-19 Verstorbenen wird deshalb empfohlen, den Leichnam sicherheitshalber als infektiös zu behandeln, wie es nun auch von Bestattern oder Krematorien in Amberg-Sulzbach umgesetzt wird.

Auch Bestatter benötigen deshalb ausreichend Schutzkleidung, wenn sie die Toten für die Beerdigung vorbereiten. Beim Bestattungsinstitut Heise sieht die Lage dahingehend noch gut aus: "Wir hatten Glück, dass wir uns Anfang des Jahres gut eingedeckt haben. Man bekommt von Kollegen aber mit, dass die schon manchmal Probleme haben, etwas zu bekommen." Bei der Materialbeschaffung habe auch die nachträgliche Einschätzung als systemrelevante Branche geholfen. Der Bestatterverband in Bayern hatte sich Mitte März massiv dafür eingesetzt, nachdem Stimmen laut wurden, die Bestatter seien schlichtweg vergessen worden.

Auch Bestatter sind systemrelevant

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Rund 20 Prozent mehr möglich

Denn: Ohne Leichensäcke und Schutzmasken können Bestatter nicht sicher arbeiten. Daniel Szaunter schätzt, dass die Bestatter einen leichten Anstieg der Sterberaten noch gut bewältigen könnten: "Wir sind es gewohnt, Tag und Nacht und an Feiertagen zu arbeiten. Da geht also immer noch ein bisschen. Rund 20 Prozent mehr Trauerfälle könnten wir stemmen." Limitierend seien auch hier wieder äußere Faktoren: "Särge, notwendige Leichensäcke oder Plätze im Krematorium zu beschaffen, wird dann allerdings immer schwieriger." Besondere Körperform-Särge, die oft in Italien gefertigt würden, seien schon jetzt, aufgrund der dortigen Lage, problematisch zu bekommen.

Mehr als nur Bestatter

Trotz der aktuellen Einschränkungen könnten sich Angehörige hier zu Lande noch mit einer vergleichsweise persönlichen Beisetzung trösten, sagt Tanja Rösl: "Wir sind sehr froh, dass es bei uns im Moment nicht so aussieht wie in den USA oder Italien. Das sind kriegsähnliche Zustände dort. Die Menschen werden in Massengräber gebracht." Die meisten Angehörigen, die einen Bestatter aufsuchen reagieren verständnisvoll auf die Maßnahmen der Regierung, erzählt Rösl weiter.

Auch für die wenigen, verärgerten hat die Bestatterin Verständnis: "Die Trauer ist eine Ausnahmesituation. Aktuell ist es eine wirklich schwierige Situation für die Angehörigen. Gerade in großen Familien kann es schwer fallen, 15 Menschen auszuwählen, die an der Beerdigung teilnehmen dürfen." Daniel Szautner berichtet von ausnahmslos verständnisvollen Kunden, denen man die "zusätzliche Traurigkeit und Mehrbelastung" aber deutlich anmerkt: "Oft müssen wir im Moment mehr sein als nur Bestatter. Noch mehr als sonst sind wir in dieser schweren Zeit ein Ansprechpartner für die Hinterbliebenen, die jetzt oft auch mit Einsamkeit kämpfen."

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