09.06.2021 - 16:57 Uhr
AmbergOberpfalz

Britisches Unternehmen kauft Amberger Jobst Net

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Im Jahr 1998 hat Markus Jobst sein IT-Unternehmen gegründet. 2008 erweiterte er das Spektrum auf den Netzausbau in schlecht erschlossenen Regionen und stellte eine zweite Firma auf die Beine: Jobst Net. Die ist seit 1. April ein Engländer.

Die Firma Jobst in der Bayreuther Straße. Eigentümer Markus Jobst hat mittlerweile seine beiden Unternehmen verkauft. Jobst IT ging an Grassenhiller, Jobst Net gehört inzwischen der britischen John-Laing-Gruppe.
von Andreas Ascherl Kontakt Profil

Schnelles Internet bis in den hintersten Winkel des Freistaats, das verspricht die Bayerische Staatsregierung schon lange. Doch die Realität sieht immer noch anders aus. Gerade in vielen ländlichen Regionen ist der Anschluss an das World Wide Web immer noch stark verbesserungswürdig. Hier tritt bis jetzt im Raum Amberg-Sulzbach sehr oft Markus Jobst mit seiner Firma Jobst Net auf den Plan. Der Amberger Unternehmer schließt die Lücken, die für die großen Fische im Internet-Teich nicht lukrativ genug sind. Sein Wirkungskreis beschränkt sich allerdings bis jetzt vor allem auf Amberg, Amberg-Sulzbach sowie kleine Teile der Nachbarlandkreise.

John Laing hat Jobst Net übernommen

Das könnte sich jetzt ändern, denn seit dem 1. April gehört Jobst Net zu einem großen "Player" in Sachen Infrastruktur. John Laing mit Sitz in London hat das Unternehmen eigenen Angaben zufolge von Markus Jobst übernommen. Mit der ebenfalls zum 1. April von John Laing übernommenen Firma EFN eifel-net Internet-Provider GmbH aus Nordrhein-Westfalen bildet Jobst Net künftig die "Plattform". Eine Organisation, deren Aufgabe es sein wird, bundesweit die Anzahl der sogenannten FTTP-Anschlüsse (Glasfaser-zu-Haus) in bisher schlecht versorgten Regionen zu verbessern. John Laing lässt sich diese beiden Übernahmen samt Erstinvestition in Glasfaser-Ausbauprogramme in den nächsten zwölf Monaten laut London Stock-Exchange rund 30 Millionen Euro kosten.

Angesichts des potenziellen Wachstums der Einführungsstrategie stelle diese Plattform im Laufe der Zeit eine wesentliche Gelegenheit für weitere Investitionen von John Laing dar, die in den nächsten drei Jahren eine Gesamtkapitalinvestition von über 100 Millionen Euro darstellen könnten, heißt es weiter in der Veröffentlichung der London Stock-Exchange. Für Branchen-Kenner bedeutet die Übernahme von Jobst Net und EFN den Versuch des britischen Infrastruktur-Investors, einen ersten Fuß in den deutschen Internet-Markt zu bekommen. Deutschland ist nach Ansicht der London Stock Exchange derzeit gerade im stetig wachsenden Glasfasermarkt ein lohnendes Investitionsziel. So liege die Abdeckung im Sektor Glasfaser-zu-Haus-Anschlüsse hier gerade einmal bei rund zehn Prozent. Zum Vergleich: Spanien, Portugal oder Norwegen weisen hier bereits eine Quote von rund 40 Prozent auf.

Unternehmen rund 2,3 Milliarden Euro wert

Die 1848 gegründete John-Laing-Gruppe, deren geschätzter Wert bei rund zwei Milliarden Britischen Pfund (2,3 Milliarden Euro) liegt, hat sich vor allem auf den Bau von öffentlichen Infrastrukturprojekten spezialisiert, die mit privatem Kapital vorfinanziert werden (Public Private Partnership). Bisher sind das vor allem Gebäude wie die British Library oder das bekannte Millennium Stadium in Cardiff. John Laing baute aber auch diverse Brücken, die Autobahn A1 in Polen oder einen großen Recycling-Komplex in Manchester. Zeitweise besaß das Unternehmen auch eine eigene Eisenbahnsparte in England. Die wurde allerdings 2008 an die Deutsche Bahn verkauft. Verstärkt strebt das britische Unternehmen in den vergangenen Jahren auch in den Sektor "Internet-Infrastruktur".

Markus Jobst bestätigt auf Nachfrage von Oberpfalz-Medien die Übernahme seines Unternehmens durch John Laing. Zum jetzigen Zeitpunkt könne er allerdings noch nichts über die künftige Firmenstrategie sagen, es sei einfach noch zu früh. Wichtig ist Markus Jobst, dass sich für seine Kunden und auch die Mitarbeiter nichts Gravierendes ändern wird.

KKR streckt Fühler nach John Laing aus

Nur wenige Wochen nach der Übernahme von Jobst Net durch die John-Laing-Gruppe ist auch diese zum Übernahmekandidaten geworden. Vor wenigen Tagen gab die Private-Equity-Gesellschaft KKR mit Sitz in New York bekannt, dass sie den Aktionären von John Laing ein Übernahmeangebot machen wird. John Laing plant, den Aktionären einstimmig zu empfehlen, den Deal zu unterstützen, dessen Bedingungen als fair und angemessen angesehen werden, hieß es. KKR ist den Menschen in unserer Region übrigens seit vielen Jahren bekannt. Von 2004 bis 2013 war die Gesellschaft Eigentümer der Werkstattkette A.T.U. mit Sitz in Weiden. Dem Unternehmen gehört in Deutschland heute unter anderem der Axel-Springer-Verlag, in dem die Bild-Zeitung erscheint. Zeitweise war KKR sogar am Fußballverein Hertha BSC beteiligt.

Mehr zum Verkauf von Jobst IT an Grassenhiller

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Hintergrund:

Wer ist John Laing?

  • Gegründet 1848 von John Laing 1848 als Bauunternehmen mit Sitz in Carlisle im Nordwesten Englands.
  • Heute Sitz in London und seit 1953 an der Londoner Börse notiert.
  • Die Hauptinvestitionsaktivitäten von John Laing umfassen heute Infrastrukturprojekten auf der grünen Wiese, typischerweise als Teil eines Konsortiums für PPP-Projekte (Public Private Partnership).
  • Das Unternehmen tätigte seine erste Infrastrukturinvestition im Jahr 1969 in eine Mautstraße in Spanien (das 65 Kilometer lange Europistas-Projekt) und seine erste PPP-Investition im Jahr 1990 in eine Schrägseilbrücke zwischen England und Wales (das zweite Severn River Crossing-Projekt).
  • Seit 2002 ist John Laing nicht mehr direkt im Bauwesen vertreten, 2008 erfolgte der Verkauf der Bahnsparte an die Deutsche Bahn.
  • Börsenwert von John Laing ist rund zwei Milliarden Britische Pfund (2,3 Milliarden Euro).
  • Im Mai 2021 gab die Private-Equity-Gesellschaft KKR (Kohlberg Kravis Roberts) bekannt, das britische Unternehmen vollständig kaufen zu wollen.
Kommentar:

Gestern noch kleines StartUp – heute heiß umworben

Noch vor wenigen Wochen waren die beiden Firmen von Markus Jobst,Jobst IT und Jobst Net, nur Insidern bekannt. Oder den Menschen, die dank Jobst Net endlich einen funktionierenden Breitbandanschluss bekommen haben. Markus Jobst hat es früh verstanden, dorthin zu gehen, wo die Großen der Branche wie die Telekom oder Vodafone keine Geschäfte machen wollen. Einfach, weil es sich für die Branchen-Riesen finanziell nicht lohnt. Diese Marktlücke hat Markus Jobst für sich entdeckt und in weiten Teilen unseres Landkreises inzwischen die digitalen Empfangslücken geschlossen.

Der Amberger Unternehmer ist dadurch auch nicht reich geworden, doch zumindest ist es ihm gelungen, eine durchaus florierende Firma mit sechs Mitarbeitern aufzubauen. Und er hat sich einen Namen gemacht in der Branche. Einen Namen, der letztendlich auch im fernen London gehört worden ist. John Laing, ein Spezialist für Infrastruktur-Maßnahmen jeder Art, hat nach dem Bau von Autobahnen und Brücken inzwischen auch die digitalen Straßen als lohnendes Invest für sich entdeckt.

Jobst Net mit heute rund 10 000 Kunden sowie Eifelnet mit etwa 13 000 Nutzern sind für die Engländer der Einstieg in einen lukrativen Markt. Denn Deutschland gilt gerade auf den letzten digitalen Metern als Entwicklungsland. Die Abdeckung liegt hier bei geschätzten zehn Prozent. Hier lässt sich noch richtig Geld verdienen. Das hat offenbar auch der amerikanische Investor KKR gemerkt, ehemaliger Eigentümer von A.T.U., der John Laing jetzt kaufen will.

Andreas Ascherl

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