25.02.2021 - 11:05 Uhr
AmbergOberpfalz

Bürgerspital Amberg: Sauer über das Etikett "Bohemiens"

Ein Leserbrief in der Amberger Zeitung zum Thema Bürgerspital-Areal schlägt Wellen. Die Wählervereinigung "Die Liste Amberg" und die Interessengemeinschaft menschengerechte Stadt nehmen Stellung dazu.

Um diese Brachfläche in der Innenstadt von Amberg geht es. Die Pläne für die Bebauung sind Gegenstand eines kommunalpolitischen Streits.
von Uli Piehler Kontakt Profil

Das wollen sich die Adressaten des Leserbriefes von Gerd Donderer in der Amberger Zeitung von Samstag, 20. Februar, nicht gefallen lassen: Fast zeitgleich gingen drei Tage später bei der Redaktion zwei Stellungnahmen zu dem Schreiben ein, eine vom Vorstand der Wählervereinigung „Die Liste Amberg“ (DLA) und eine von einem Vorstandsmitglied der Interessengemeinschaft (IG) menschengerechte Stadt.

"Als Bohemiens, oder gar als Traumtänzer lassen wir uns von Herrn Donderer nicht bezeichnen", schreiben DLA-Vorsitzender Albert Schindlbeck und Schatzmeister Stefan Reuther. Es zeuge von Ignoranz, Bürgerinnen und Bürger der Stadt Amberg, die sich für den Erhalt und den Wert der Stadt in ihrer kulturellen und auch umwelt- und denkmalschutzorientierten Ausrichtung bemühen, in die Ecke von „Bohemiens“ bzw. Traumtänzern zu stellen. Auch sei nicht richtig, dass die DLA, ausschließlich rein ökologische und kulturelle Aspekte zur Nutzung des Bürgerspitalgeländes im Blick habe. Die Forderung nach einem Kulturpark sei nur eine dieser Varianten, aber nicht ausschließlich. "Es kann auch über eine dem historischen Stadtbild angepasste kleinteilige Lösung zur Attraktivitätssteigerung des Bürgerspitalgeländes zusammen mit den Bürgern Ambergs diskutiert werden", erklärt Schindlbeck, der auch moniert, dass die Baugestaltungssatzung bei diesem Projekt außer Kraft gesetzt ist. "Eigentümer von denkmalgeschützten Immobilien in der Innenstadt müssen dies als Hohn empfinden, wenn sie bei privaten Renovierungen an ihren historischen Gebäuden dem Denkmalschutz Folge leisten."

In Amberg laufen die Vorbereitungen für ein Bürgerbegehren

Amberg

Das Wort "Bohemiens" stößt auch der IG menschengerechte Stadt sauer auf. "In unserem Verein sind Berufe aller Art vertreten", heißt es in einer Erwiderung, die Vorstandsmitglied Norbert Scharf unterzeichnet hat. "Uns eint der Versuch, einen überdimensionierten Brutalbau in der Amberger Altstadt zu verhindern." Er bezeichnet einen Bau dieser Größenordnung in der Altstadt als "architektonischer Supergau, auch wenn er mit einem grünen Mäntelchen (Dach und Fassade) teilweise kaschiert werden sollte".

Scharf fordert eine "altstadtgerechte Bebauung des Bürgerspitalareals, mit bezahlbaren Wohnraum, sozialen Einrichtungen, Kulturangeboten und kleinflächigen Geschäften". Und er verweist darauf, dass die IG mit ihrer Beharrlichkeit mit dazu beigetragen habe, dass auf dem Forum-Gelände keine Abrissbagger anrollten, "um die denkmalgeschützte Fassade und den schönen Innenhof unwiederbringlich zu zerstören".

Info:

Der Leserbrief, auf den sich die Stellungnahmen beziehen

Es ist keineswegs verwunderlich, dass sich die Liste Amberg bei dem Bürgerbegehren auf die Seite der Interessengemeinschaft Menschengerechte Stadt stellt, wenn man weiß, dass die Stadtratsfraktion sowie der unterstützende Verein sich hauptsächlich aus den Reihen der IG rekrutiert. Die Haltung der Fraktion und des Vereins ist konsequent und ehrlich, da sie bereits bei der Stadtratswahl klar Position zur Gestaltung des Bürgerspital-Geländes bezogen haben.

Die ideologische Ausrichtung ist doch sehr fragwürdig und wirft gerade in puncto dieses Bürgerbegehrens etliche Fragen auf. Das ausschließlich ökologische und kulturelle Denkverhalten lassen der ökonomischen Wichtigkeit keinen Platz. Wenn es aus Sicht des Professor Frey viele alternative Ideen zur Attraktivitätssteigerung gibt, frage ich mich, warum man sich dieser nicht annimmt und hauptsächlich an der angeblich überdimensionierten Kubatur nörgelt. Ich bin der Überzeugung, dass sich nach erfolgter Modifizierung und innovativer architektonischer Gestaltung, mit ansehnlicher Glasfassade, bestimmt eine gelungene Symbiose mit der Altstadtbebauung erreichen lässt.

Wenn der Wandel im Einkaufsverhalten genannt wird, ist es doch dringlich geboten, hier gegenzusteuern und auch die ökonomischen Belange nicht aus dem Blickfeld zu verlieren, soll heißen, die Geschäftswelt zu unterstützen und nicht nur Nischen für Bohemiens fordern. Die Leerstandproblematik in der Innenstadt lässt sich in Zukunft sicher nur durch pragmatischen Einsatz für mehr Attraktivität, wie zum Beispiel das Ten-Brinke-Vorhaben, lösen. Es wird sich kein Investor für die weiter zunehmenden Leerstände finden, solange der Innenstadt ohne Einkaufsmagneten ein negatives Image anhaftet wie: „langweilig, kannst vergessen, nix los, usw.“ Im Artikel angesprochene Hitzeperioden und die voranschreitende Klimakrise lassen sich auch bei Nichtverwirklichung des Ten-Brinke-Modells nicht aus der Welt schaffen.

Wenn man ehrlich für das Wohl der Stadt und deren Bürger eintritt, darf man ökonomische Aspekte nicht verdrängen. Zu einer attraktiven Innenstadtgestaltung mit einem Einkaufsmagneten im Bürgerspital-Gelände gibt es zu dem Konzept von Ten-Brinkeund der Stadtratsmehrheit keine Alternative. Andersdenkende sollten sich den Mut nehmen und doch mal über den eigenen ideologischen Tellerrand hinausblicken. Zu der Aussage im letzten Satz seines Statements in Sachen Ten Brinke vom 16. Februar sei dem Vorsitzenden der IG Menschengerechte Stadt, Herrn Hüttner, ins Stammbuch geschrieben, dass in unserem System ein Investment immer auch mit kommerziellen Überlegungen einhergeht. Wäre es nicht so, fände sich auch auf der gesamten Bandbreite kein Investor.

Einem eventuellem Bürgerentscheid sehe ich und bestimmt auch die überwiegende Mehrheit unserer Amberger Stadtbewohner gelassen und zuversichtlich entgegen, da unsere couragierten und selbstbewussten Bürger sich nicht durch traumtänzerische Wunschvorstellungen einiger Weniger blenden lassen werden.

Gerd Donderer, Amberg

 

 

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