31.05.2021 - 08:14 Uhr
AmbergOberpfalz

Bundesweit zweitbeste Inzidenz: Amberger genießen ihre neue Freiheit

In der Altstadt muss unter freiem Himmel keine Maske mehr getragen werden. Wer will, darf ohne Termin und Test in die Läden. An den Tischen sitzen Menschen aus mehreren Haushalten. Das Leben ist wieder zurück. Die Amberger genießen das.

Einfach wieder draußen und unter Leuten sein – in Amberg ist das dank einer niedrigen Inzidenz wieder möglich. Wie hier am Samstagvormittag am Roßmarkt.
von Thomas Kosarew Kontakt Profil

Es scheint fast so, also ob das Robert-Koch-Institut am Samstag den besten Beweis dafür liefern wollte, dass die Stadt Amberg die Maskenpflicht in der Altstadt zu Recht komplett aufgehoben hat. An dem Tag, an dem die Vorschrift nur noch rund um den Bahnhof galt, lag die Sieben-Tage-Inzidenz laut RKI bei 7,1. Bundesweit bedeutete das Platz fünf unter 401 kreisfreien Städten und Landkreisen. Noch besser sah die Statistik am Sonntag aus. Die Inzidenz von 4,7 bedeutet Rang zwei - gleichauf mit Weiden. An Zahlen dachten am Wochenende aber vermutlich die wenigsten Amberger. Es sei denn, es ging ums Zahlen in den Außenbereichen der Speiselokale, in den Biergärten, Cafés und Geschäften. Denn überall dort, wo der Lockdown das öffentliche Leben über Monate hinweg zum Stillstand brachte, herrscht fast schon wieder Normalität.

"Ich bin froh, dass jetzt alles wieder läuft. Es ist eine riesige Erleichterung", sagte am Samstag Gerhard Spangler, der Wirt des Eiscafés Rossini im Englischen Garten, das seit einer Woche wieder geöffnet ist. Normalerweise sperrt der Amberger seinen Betrieb, der vom Freiluft-Geschäft lebt, Ende März auf. Jetzt wurde wegen der Corona-Pandemie Ende Mai daraus. Aus wirtschaftlicher Sicht sei das gerade noch so zu verkraften: "Ich bin da mit einem blauen Auge davongekommen." Das Finanzielle hat am Wochenende bei Spangler aber eine eher untergeordnete Rolle gespielt. Viel wichtiger sei das gewesen, was er sah und dabei fühlte: "Die Leute sind super froh, dass wieder alles offen ist. Du merkst, der Druck fällt ab. Die Leute freuen sich wie die Sau, dass sie wieder raus dürfen."

Zehn Leute an einem Tisch

Die neu gewonnenen Freiheiten seien am Wochenende sofort genutzt worden. Zehn Leute aus drei Haushalten an einem Tisch seien keine Seltenheit gewesen. Die früher bei Gästen oft unbeliebte Datenerfassung habe plötzlich überhaupt kein Problem mehr dargestellt: "Die Leute haben sich daran gewöhnt. Hauptsache, sie dürfen wieder raus." Was Spangler weiterhin optimistisch in die Zukunft blicken lässt: "Die Leute kommen jetzt auch bei schlechtem Wetter. Früher, wenn ein Lüfterl gegangen ist oder sich eine dunkle Wolke genähert hat, sind sie zu Hause geblieben. Das ist jetzt nicht mehr so." Er hofft, dass das in Zukunft so bleibt.

Bei kühlen Temperaturen im Freien ein Bierchen trinken - dafür gab es am Wochenende unzählige Belege. Ein prominentes Beispiel war Jason Dunham, einstiger Stürmerstar des ERSC Amberg und seit mittlerweile zehn Jahren sportlicher Leiter des Eishockey-Proficlubs Straubing Tigers. Der 51-Jährige saß mit Frau, Tochter, Schwägerin und Nichte am Freitagabend vor dem Café Zentral und war bei 11,5 Grad Außentemperatur in eine wärmende Decke gehüllt, weil die Jacke allein nicht ausreichte: "Es ist schon ein bissl frisch, aber angenehm", sagte der gebürtige Kanadier und erklärte in nur vier Sätzen, warum die heimische Couch keine Alternative war: "Ich glaube, es ist das Verlangen nach dem, was wir alle vermisst haben. Der Mensch ist nicht gern allein. Wir wollen alle unter Leuten sein. Wir haben das so lange nicht mehr gehabt." Vielleicht, so seine Vermutung und Hoffnung, "öffnet uns das die Augen, wie wichtig und toll es ist, Freunde zu haben."

"Das ist Wahnsinn"

Nicht nur in der Gastrobranche und bei ihren Gästen war am Wochenende wieder die Lust am Leben zu spüren. Auch in den Läden. Beispiel Intersport Lange am Marktplatz. Inhaber Armin Steger war noch Ende Januar frustriert. Im Interview mit Oberpfalz-Medien sagte er damals: "Was die Politik da macht, ist nicht mehr nachzuvollziehen. Es wird offensichtlich mit zweierlei Maß gemessen." Während der Handel schließen musste, durfte die Industrie weiterproduzieren. Steger ärgert sich darüber immer noch, aber die Freude über die Lockerungen gewinnt zweistellig: "Es ist fast wie Weihnachten. Der Trubel ist wieder da. Der Marktplatz ist voll. Die Cafés sind voll. Die Leute sitzen draußen in der Kälte. Das ist Wahnsinn. Sensationell." Die Kunden, von denen am Wochenende viele kamen und auch kauften, seien einfach nur dankbar. Und die Händler natürlich auch: "Wir haben im Moment einen leichten Aufholeffekt. Im Textilbereich gab es ja keinen Anlass, etwas zu kaufen." Das wollten die meisten Menschen nun offensichtlich nachholen: "Das Entscheidende war, dass die Testpflicht wegfällt. Das war so, als ob man einen Schalter umlegt." Einen erneuten Lockdown, der wie im Vorjahr mitten im Weihnachtsgeschäft beginnen könnte, befürchtet Steger nicht: "Ich bin deswegen so guter Hoffnung, weil wir hier in der Region eine hohe Impfquote haben."

"Längst überfällig"

Markus Frauendorfer, Chef des gleichnamigen Möbelhauses vor den Toren der Altstadt, freut sich mit seinen Kollegen: "Die Öffnungen für den Einzelhandel waren längst überfällig. Unabhängig von der Größe und der Branche." Die Regelungen, die vor den Lockerungen galten, seien dennoch "in Ordnung" gewesen: "Das mit der Terminpflicht war angemessen." Nur der vorgeschriebene Test habe dazu geführt, dass Kunden vorsichtshalber nicht in die Läden kamen, weil sie sich im Falle eines positiven Ergebnisses nicht dem Quarantäne-Risiko aussetzen wollten. Für den Handel habe das bedeutet: "Weniger Kunden, weniger Frequenz, weniger Umsatz." Doch das sei nun vorbei.

"Wie eine Aussätzige gefühlt"

Und dann gibt es da noch die Amberger, die wegen einer Vorerkrankung von der Maskenpflicht befreit sind. Auch sie atmen auf. "Ich kann jetzt wieder ganz normal durch die Stadt gehen. Ohne böse Blicke", sagte eine 52 Jahre alte Hausfrau aus dem Dreifaltigkeitsviertel, die ihren Namen nicht in der Zeitung lesen will. Aus guten Gründen, wie sie sagt, denn wann immer sie ohne Mund-Nase-Schutz unterwegs war, habe sie sich "wie eine Aussätzige gefühlt". Seit dem Wegfall der Maskenpflicht in der Altstadt könne sie sich nun zumindest dort frei bewegen: "Es fühlt sich so gut an. Ich habe mein altes Leben zurück."

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Amberg
Hintergrund:

Bei Inzidenz bundesweit mit Weiden auf Platz 2

Diese Städte und Landkreise haben bundesweit die niedrigsten Inzidenzen (Stand vom Sonntag, 30. Mai):

1. Landkreis Vorpommern 4,5

2. Weiden in der Oberpfalz 4,7

2. Stadt Amberg 4,7

4. Landkreis Flensburg 5,5

5. Landkreis Cuxhaven 6,1

5. Landkreis Ruppin 6,1

7. Landkreis Plön 7,0

8. Stadt Schwerin 7,3

9. Landkreis Uelzen 7,6

10. Landkreis Harburg 7,9

 

 

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