23.06.2020 - 10:37 Uhr
AmbergOberpfalz

Corona: Amberg besonders von Export-Rückgang betroffen

Die Wirtschaft im Raum Amberg leidet massiv unter den Folgen der Coronakrise. Das zeigt die Frühjahrs-Konjunkturumfrage der IHK. Gremiumsvorsitzender Dr. Rolf Pfeiffer erklärt, woran es hakt.

Blick ins Siemens-Elektronikwerk in Amberg. 78 Prozent der Amberger Wirtschaft ist stark vom Export abhängig. In weltweiten Krisenzeiten ist das eher ein Nachteil.
von Uli Piehler Kontakt Profil

Im Gegensatz zur Finanzkrise 2009 sind von der Coronakrise alle Branchen betroffen und der Lockdown des öffentlichen Lebens hat in einigen Branchen für einen sofortigen Zusammenbruch der Geschäftslage gesorgt. "Die Tourismusbranche stand quasi still und ist nach wie vor massiv betroffen", erläutert Dr. Rolf Pfeiffer. Der Geschäftsführer der Firma Deprag in Amberg ist Vorsitzender des IHK-Gremiums Amberg-Sulzbach. Besonders kalt erwischt habe die Pandemie auch die Werbe- und Medienbranche und vor allem die Reisebüros. "Durch die Stornierungsabwicklung bei null Einkommen voll ausgelastet, konnten die Mitarbeiter nicht in Kurzarbeit geschickt werden."

Im Einzelhandel habe es die große Diskrepanz zwischen geöffneten, „systemrelevanten“ Betrieben und geschlossenen Geschäften, also zum Beispiel der Möbelbranche, gegeben. Lediglich das Bauwesen war weniger betroffen, erläutert Pfeiffer. "Die vollen Auftragsbücher wurden und werden aktuell noch abgearbeitet. Aber auch hier gehen die Prognosen jetzt zurück."

Trotz bislang noch nie erlebter Schwierigkeiten habe die Wirtschaft schnell und kreativ reagiert. Vor allem Dienstleister, aber auch Handel und Industrie hätten angesichts der Corona-Bedingungen ihre Geschäftsmodelle oder die Vertriebswege verändert. Pfeiffer lobt in diesem Zusammenhang ausdrücklich die Arbeitnehmer: "Auch die Beschäftigten in den Betrieben haben mit großer Flexibilität und Einsatzbereitschaft diese notwendigen Anpassungen mitgetragen und unterstützt."

Jedes zweite Unternehmen musste und muss laut IHK-Frühjahrsumfrage "Personalanpassungen" vornehmen. "Das bedeutet aber in der Regel Kurzarbeit und flexible Arbeitszeitmodelle", erläutert der Gremiumsvorsitzende. Aktuell denken demnach nur zwölf Prozent der Gewerbetreibenden an betriebsbedingte Kündigungen. Vor allem die Kurzarbeiterregelungen hätten viele Mitarbeiter im Lockdown vor Kündigungen bewahrt. Gerade in der Industrie gebe es eine große Bereitschaft, qualifiziertes Personal soweit irgend möglich in Beschäftigung zu halten. Pfeiffer: "Hier zeichnet sich auch in den letzten Wochen eine gewisse Stabilisierung der Geschäftslage ab, wenn auch auf niedrigem Niveau."

Die große konjunkturelle Aufholjagd scheint sich derzeit nicht abzuzeichnen. "Die Erwartungen an den Rest des Jahres 2020 sind eher negativ. Trotz der Lockerungen fahren die Unternehmen insgesamt sehr langsam und eingeschränkt wieder an." Alles hängt laut Pfeiffer vom Verlauf der Infizierungsraten und der Erholung der Liefer- und Absatzketten ab. Gerade die Stadt Amberg mit 78 Prozent Exportquote und hohem Industrieanteil sei besonders vom Ausland abhängig und damit von der dortigen Entwicklung, insbesondere den Reisebeschränkungen und zunehmenden Antiglobalisierungstendenzen, betroffen.

Aktuell seien die Investitionspläne der Unternehmen spürbar zurückgefahren. "Es braucht ein Investitionspaket, politische Perspektiven und Planungshorizonte für Unternehmen." Unternehmen könnten zum Beispiel nachhaltig davon profitieren, wenn Staat und Kommunen den seit längerem vorhandenen Sanierungsstau angingen. "Staatliche Investitionsprogramme, bessere Abschreibungsmöglichkeiten, aber auch eine rückwirkende Senkung der Unternehmenssteuern wären gute Möglichkeiten die Wirtschaft anzukurbeln."

Die Coronakrise habe die Bedeutung der digitalen Infrastruktur erneut vor Augen geführt. Viele Firmen, die beim Thema flexible Arbeitszeitgestaltung und mobiles Arbeiten vor der Krise noch gezögert hatten, erlebetn aktuell den Nutzen und die Effektivität dieser neuen Arbeitsformen. "Davon wird einiges erhalten bleiben", zeigt sich Pfeiffer überzeugt. Allerdings würden derzeit eine Reihe von Vorhaben diskutiert, die die Unternehmen mit zusätzlicher und unnötiger Bürokratie belasteten. Pfeiffer nennt hier beispielsweise das „Recht auf Homeoffice“, zusätzliche Auflagen für Homeoffice, zu hohe Anforderungen an den Datenschutz, massive Eingriffe in die unternehmerische Freiheit bei der Vergabe staatlich abgesicherter Kredite und nicht zuletzt den Ruf nach höheren Steuern.

"Insgesamt erfüllt der immerwährende Ruf nach dem Staat als Problemlöser für alles die Wirtschaft zunehmend mit Sorge. Nicht alle Geschäftsmodelle, nicht alle entstandenen Probleme lassen sich durch immer mehr Staatsgeld dauerhaft lösen", gibt Pfeiffer zu Bedenken. Zunehmende staatliche Einflussnahme auf die unternehmerische Freiheit gefährdeten auf Dauer die internationale Wettbewerbsfähigkeit der Wirtschaft.

Dr. Rolf Pfeiffer - hier bei einem Vortrag an der OTH Amberg-Weiden - ist Vorsitzender des IHK-Gremiums Amberg-Sulzbach.

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