24.06.2021 - 17:37 Uhr
AmbergOberpfalz

Corona-Pandemie: Intensive Belastung auf Intensivstationen

Kliniken im Dauer-Stresstest, Intensiv-Personal täglich am Limit: Marc Bigalke, ärztlicher Leiter Krankenhauskoordinierung, weiß, wie hart die drei Pandemiewellen waren. Davon berichtete er bei der Sitzung des Rettungszweckverbands Amberg.

Covid-19-Patienten müssen vielfach auf Intensivstationen behandelt werden. Die dort tätigen Ärzte und Pflegekräfte arbeiteten in den einzelnen Pandemiewellen häufig an der Grenze der Belastbarkeit. Dies verdeutlichte Marc Bigalke als ärztlicher Leiter Krankenhauskoordinierung bei der Sitzung des Rettungszweckverbandes sehr eindrücklich.
von Kristina Sandig Kontakt Profil

Marc Bigalke, Anästhesist am Klinikum St. Marien und Leiter der dortigen Notaufnahme, ist am Donnerstagvormittag in die Sitzung des Zweckverbands für Rettungsdienst Amberg gekommen, um über seine Erfahrungen in der Pandemie zu sprechen. Eindrücklich schilderte er, wie Corona vor allem die Mitarbeiter in den Kliniken, insbesondere das Pflegepersonal auf den Intensivstationen, an die Grenzen der Belastbarkeit gebracht hat – physisch wie psychisch.

Marc Bigalke hatte zu Beginn der Pandemie den Posten des Ärztlichen Leiters der Führungsgruppe Katastrophenschutz (FüGK) übernommen. Und zwar auf Zweckverbandsebene, also für die Stadt Amberg sowie die Landkreise Amberg-Sulzbach und Schwandorf. Zu seinen Aufgaben gehörte es, die Ströme der an Covid-19 erkrankten Patienten zu steuern. Seit November 2020 ist Bigalke nun Ärztlicher Leiter Krankenhauskoordinierung. Weiterhin obliegt es ihm, die Ströme an Covid-19-Patienten auf ZRF-Ebene zu steuern, sowohl für Intensiv als auch für Normalstationen.

Strukturen seit erster Welle etabliert

Bigalke blickte zurück auf den Herbst 2020, als die zweite Corona-Welle Fahrt aufnahm. Strukturen hätten sich bereits in der ersten Welle etabliert, sei es die Installation von Pandemiebeauftragten in Kliniken und Seniorenheime, seien es die Schutzausrüstungen. "Diese Strukturen mussten wir nur wiederbeleben", sagt der Facharzt für Anästhesiologie. Seine Möglichkeiten, steuernd einzugreifen, basieren auf einem Drei-Stufen-Modell. Eine davon sei gewesen, Schwerpunktkrankenhäuser zu benennen. Im ZRF-Bereich seien dies Amberg, Sulzbach-Rosenberg, Schwandorf und Burglengenfeld. Die zweite handelte konkret von der Steuerung der Patientenströme. Für Stufe drei spricht Bigalke bei der ZRF-Sitzung im Amberger Rathaus bewusst im Konjunktiv: Er hätte elektive Eingriffe in Kliniken verschieben oder gänzlich absetzen können. Er betonte aber auch: Nie habe er diesbezüglich in irgendeiner Weise Anweisungen geben müssen. "Das haben die Krankenhäuser schon selbst gemacht", lobt er deren stete Bereitschaft, Kapazitäten für die Behandlung von Covid-19 zu schaffen.

Sowohl Bigalke als auch Dr. Florian Niedermirtl, ärztlicher Leiter Rettungsdienst (ÄLRD) für den ZRF, wissen, dass es in anderen Rettungszweckverbänden ganz anders ausgeschaut habe. Da sei es durchaus vorgekommen, dass die Krankenhäuser täglich morgens ihre Dienstpläne und ihr OP-Programm vorlegen mussten. Der ÄLRD habe dann festgelegt, welche OPs gemacht werden dürfen.

Im hiesigen Rettungsdienstbereichen seien Covid-Patienten ausschließlich in den Krankenhäusern Amberg, Sulzbach-Rosenberg, Schwandorf und Burglengenfeld behandelt worden. Einige Schwerstkranke seien verlegt worden, vor allem wenn ihr schweres Lungenversagen mittels ECMO (künstliche Lunge) therapiert werden musste. Zumeist kamen diese Patienten in die Uniklinik Regensburg. Die weiteste Verlegung sei Augsburg gewesen, mitten in der Nacht per Hubschrauber.

Patienten aus anderen Regionen aufgenommen

Die Schwerpunktkrankenhäuser im Rettungsdienstbereich hätten zudem Corona-Patienten aus anderen Regionen aufgenommen: zumeist aus der Nordoberpfalz oder Regensburg, teilweise auch aus Niederbayern oder Mittelfranken. Eines aber betonte er in seinem Corona-Rückblick: Nie sei man in die Lage gekommen, Intensivpatienten nicht mehr versorgen zu können. "Wir haben auch nie bei überörtlichen Anfragen Patienten abgelehnt."

Ein großes Lob zollte der Krankenhauskoordinator dem Personal in den Kliniken, das "psychisch und physisch maximal belastet" gewesen sei. "Wir hatten Tage, da sind stündlich Covid-Patienten in die Notaufnahme gekommen, einer schlechter beieinander als der andere." Bigalkes Schilderungen führten den Verbandsräten vor Augen, wie extrem herausfordernd die Behandlung der Coronakranken auf Intensiv war. Wenn Pflegekräfte in kompletter Schutzmontur (Schutzanzug, Handschuhe, Schutzbrille und FFP2-Maske) adipöse oder ältere Menschen in Vollnarkose und mit vielen Schläuchen, von denen keiner herausgerissen werden darf, vom Rücken auf den Bauch drehen müssen. "Das haben sie aber nicht nur einmal gemacht, sondern über Monate hinweg", zollte Bigalke den dort Beschäftigten höchsten Respekt.

"Sehr leistungsfähiges System"

Ebenso berichtete der Leiter der Notaufnahme von St. Marien, dass manche Patienten aus Angst, sich mit dem Virus zu infizieren, zu spät ins Krankenhaus gingen – trotz schwerer Lungenerkrankung oder Herzinsuffizienz. "Auch sie mussten vielfach auf der Intensivstation behandelt werden." Als Fazit im bisherigen Pandemie-Verlauf sprach Bigalke von einem "sehr leistungsfähigen System hier" und beendete seinen Bericht mit einen eindringlichen Appell: "Bleiben Sie gesund, lassen Sie sich impfen, damit wir die vierte Welle gut überstehen und sie nur noch ein Nachplätschern ist."

Diesbezüglich stimmte ihm der Verbandsvorsitzende, Ambergs Oberbürgermeister Michael Cerny, zu: "Impfen ist und bleibt die wichtigste Möglichkeit, sich zu schützen." Die Pandemie bezeichnete er als "richtigen Stress- und Belastungstest für unser Gesundheitssystem." Gleichzeitig habe Corona gezeigt, "dass wir ein leistungsfähiges System haben". Für Landrat Richard Reisinger hat Bigalkes Bericht widerlegt, was ihm Corona-Leugner in Briefen immer wieder schrieben: Dass in den Krankenhäusern nix los gewesen sei.

"Bleiben Sie gesund, lassen Sie sich impfen, damit wir die vierte Welle gut überstehen und sie nur noch ein Nachplätschern ist."

Marc Bigalke, Ärztlicher Leiter Krankenhauskoordinierung

Marc Bigalke, Ärztlicher Leiter Krankenhauskoordinierung

Marc Bigalke über seine Aufgaben am Anfang der Pandemie

Amberg

 

 

Kommentare

Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich anmelden.

Bitte beachten Sie unsere Nutzungsregeln.