04.05.2020 - 16:52 Uhr
AmbergOberpfalz

Marc Bigalke steuert den Strom von Covid-19-Patienten

Marc Bigalke leitet die Notaufnahme von St. Marien. Während der Coronavirus-Pandemie hat er seinen Arbeitsplatz im ACC. Von dort steuert der Anästhesist unter anderem Patientenströme und Belegung der Kliniken mit Covid-19-Patienten.

Ein Blick in die Intensivstation des Klinikums St. Marien in Amberg. Auch hier werden Menschen, die schwer an Covid-19 erkrankt sind, behandelt.
von Kristina Sandig Kontakt Profil

Katastrophen haben viele Gesichter: Das kann Hochwasser genauso sein wie heftigster Schneefall, der Menschen von der Außenwelt abschneidet. Um schnell und effektiv handeln zu können, bilden Landkreise und kreisfreie Städte Führungsgruppen Katastrophenschutz (FüGK). Angesichts der Coronavirus-Pandemie hat das bayerische Innenministerium per Allgemeinverfügung eine weitere Stelle geschaffen: die des ärztlichen Leiters der Führungsgruppen Katastrophenschutz. Für den hiesigen Rettungsdienstbereich (Amberg, Amberg-Sulzbach und Schwandorf) ist Marc Bigalke, der die Notaufnahme von St. Marien leitet, auf diese Position gewechselt. Im Interview schildert der Anästhesist, wie wichtig ein effizientes Bettenmanagement ist, dass es Katastrophenschutz nicht zum Nulltarif gibt und wie jeder Mensch beitragen kann, die Pandemie weiter einzudämmen.

ONETZ: Worin besteht Ihre Aufgabe als ärztlicher Leiter der Führungsgruppen Katastrophenschutz?

Marc Bigalke: In erster Linie geht es darum, die Bettenkapazität zu managen und die Ströme von Covid-19-Patienten so zu steuern, dass kein Krankenhaus und keine Intensivstation in die Lage kommen, überlastet zu sein. Im Prinzip macht das - wie sonst auch - die Integrierte Leitstelle in Amberg sehr zuverlässig. Nur bei Problemen oder grundsätzlichen Absprachen unterstütze ich da steuernd.

ONETZ: Haben Sie dafür ein Beispiel?

Marc Bigalke: Wenn sich ein Altenheim wie in Hirschau zu einem Hotspot entwickelt, muss man schauen, welche Klinik welche Patienten aufnehmen kann. Es bringt nichts, alle beispielsweise nach Sulzbach-Rosenberg zu bringen und damit diese Klinik zu überlasten. Sonst könnte es sein, dass man den nächsten Notfall, der möglicherweise nachts um 3 Uhr in Auerbach auftritt, durch den dreiviertelten Rettungsdienstbezirk fahren müsste, um ihn vielleicht nach Schwandorf zu bringen. Auch Verlegungen von Covid-19-Patienten in Universitätskliniken wie Regensburg und Erlangen müssen koordiniert werden. Oder die Aufnahme von Patienten aus Weiden, wie es bei uns vor ein paar Wochen der Fall war.

ONETZ: Sind im Laufe der Zeit neue Probleme hinzugekommen?

Marc Bigalke: Ja, wenn beispielsweise Senioren aus Altenheimen, die sich zwar mit dem Coronavirus infiziert haben, aber nicht an Covid-19 erkrankt sind, trotzdem stationär in der Klinik behandelt werden mussten. Da kann es sein, dass nach deren Entlassung aus dem Krankenhaus das Heim für diese Patienten die erforderliche 14-tägige Quarantäne sicherstellen kann. Gleiches gilt übrigens generell für Senioren aus den Heimen, wenn sie die Klinik verlassen. Also auch für den Fall, dass sich jemand ein Bein gebrochen hat. Auch diesbezüglich wurde eine Lösung gefunden: Sie können in Reha-Einrichtungen wie Auerbach oder Nittenau gebracht werden und nach erfolgter Isolation später zurück ins ursprüngliche Heim.

ONETZ: Die Arbeit ist also nicht weniger geworden ...

Marc Bigalke: Es hat sich vieles eingespielt. Und man muss deutlich sagen, dass die Maßnahmen des Staates wie Kontakt- und Ausgangsbeschränkungen gewirkt haben. Die Zahlen der Infizierten sind bundesweit deutlich nach unten gegangen. Jetzt kam die nächste Lockerung mit Öffnung von Baumärkten und Schulen für die Abschlussklassen. Problematisch sind nach wie vor die Seniorenheime. Dort leben Hochrisikopatienten. Man muss unbedingt verhindern, dass dort Infektionen hineingetragen werden. Denn sonst bleibt das ein echtes Problem. Man muss aber auch die Lebensqualität im Blick haben. Ich denke da auch an die Kinder, die immer noch daheimsitzen und seit vier Wochen ihre Freunde nicht treffen dürfen.

ONETZ: Sind gewisse Lockerungen also sinnvoll?

Marc Bigalke: Man muss dosiert das Leben wieder anlaufen lassen, gleichzeitig aber darauf achten, dass das Gesundheitssystem nicht überlastet wird. Was dann nämlich passieren würde, hat man in Italien, Madrid und New York gesehen. Es geht auch nicht darum, dass nur noch Patienten mit Covid-19 behandelt werden. Auch den Herzinfarkt und den Schlaganfall muss man nach wie vor medizinisch versorgen können, Tumorpatienten müssen weiterhin operiert werden. Eine weitere Frage ist, wie geht man mit Menschen um, die chronische Schmerzen haben, eine neue Hüfte oder ein neues Knie brauchen. Da kann man nicht einfach sagen, das lassen wir mal zwei Jahre pausieren.

ONETZ: Sie erwähnten Italien, New York und Madrid. Können wir aus Fehlern der anderen lernen?

Marc Bigalke: Natürlich. Das haben wir getan. Wir haben bei uns in Deutschland relativ schnell einen Lockdown gemacht. Da gab es durchaus kritische Stimmen, die sagten, das sei völlig unnötig. Aber: Unsere Fallzahlen sind zurückgegangen. Man hat ja gesehen, wie sich in Europa Hotspots entwickelt haben: In Bergamo in Italien war es möglicherweise das Champions-League-Spiel Bergamo gegen Valencia, im österreichischen Ischgl mutmaßlich der Après-Ski.

ONETZ: Bei Katastrophen denkt man an Flugzeugabstürze, Zugunglücke, Überschwemmungen. Hatte man eine Pandemie wie jetzt überhaupt auf dem Schirm?

Marc Bigalke: Ja natürlich, das hat man an Sars und Mers gesehen. Oder man muss nur an die Ausbreitung von Influenza und Noroviren denken. So ganz abwegig war eine Pandemie aus meiner Sicht nicht. Dass wir sie jetzt in der massivsten Ausprägung haben, war vielen so aber nicht bewusst. Pandemie-Pläne, die alle Krankenhäuser haben, gibt es seit Jahrzehnten. Es geht vielmehr um eine grundsätzliche Frage beim Katastrophenschutz. Die Katastrophenvorsorge kostet einen Haufen Geld - und man sieht davon nichts.

ONETZ: Inwiefern?

Marc Bigalke: Wenn man in den Hochwasserschutz investiert, hat man kein Hochwasser mehr. Muss man erneut in Schutzmaßnahmen investieren, fragen sich alle, warum man dafür Geld ausgeben soll. Man hat ja kein Hochwasser mehr. Gleiches gilt für die Intensivbetten: Jetzt versteht jeder, dass die Anzahl erhöht wurde. Doch auch das kostet Geld. Und wer hat dann noch dafür Verständnis, wenn der Krankenkassenbeitrag steigt?!

ONETZ: Momentan heiß diskutiert wird die Pflicht, Schutzmasken zu tragen. Wie stehen Sie dazu?

Marc Bigalke: Diese Masken, die Mund und Nase bedecken, sind besser als nichts. Sehr wichtig ist die Hygiene dieser oftmals selbstgenähten Masken, durch die man vor allem andere schützt. Und natürlich ist es so, dass niemand den Umgang damit gewohnt ist.

Über die Arbeit eines Versorgungsarztes

Amberg

ONETZ: Wird es auch weiterhin auf jeden Einzelnen in der Gesellschaft ankommen?

Marc Bigalke: Auf jeden Fall. Es kommt absolut auf jeden Einzelnen und sein Verhalten an. Ich möchte generell an die Menschen appellieren, die Infektions-Etikette einzuhalten. Dazu gehört, ein Kind nicht mit Norovirus in den Kindergarten zu schicken. Nicht in die Hand zu niesen und diese danach jemanden zur Begrüßung zu reichen. Nicht mit 40 Grad Fieber in die Arbeit gehen. All das hilft auch, dass sich Noroviren und Influenza nicht ausbreiten. Problem beim Coronoavirus und der dadurch ausgelösten Lungenkrankheit Covid-19 ist, dass es dagegen weder Impfung noch Medikament gibt. Im schlimmsten Fall kommt es zu einem Multiorganversagen.

ONETZ: Wird das allgemein unterschätzt?

Marc Bigalke: Auch jemand, der nicht zur Risikogruppe gehört, kann daran schwer erkranken. Wenn ganz Amberg krank wird, sind davon definitiv auch junge Menschen betroffen. Jeder sollte bedenken: Er kann Virusträger sein, ohne Symptome zu haben. Dennoch kann er andere infizieren. Das Heimtückische am Coronavirus ist: Man kann, ohne es zu wissen, Überträger sein und ohne Ende und unwissentlich andere anstecken. Wie sich Infektionsketten unbemerkt ausbreiten, hat man gesehen: im Landkreis Tirschenreuth, in Ischgl und bei der Faschingssitzung in Heinsberg.

Anästhesist Marc Bigalke.
Hintergrund:

Über die Arbeit im Krisenstab

Als ärztlicher Leiter der Führungsgruppen Katastrophenschutz (FüGK) im hiesigen Rettungsdienstbereich hat sich Marc Bigalke einen kleinen Stab aufgebaut. Seitens der Feuerwehr unterstützen ihn Armin Daubenmerkl, der insbesondere die aktuellen Zahlen zur Situation in den Seniorenheimen zusammenträgt, und Christian Meyer, der sich um die IT kümmert und dafür sorgt, dass Telefon- und Videokonferenzen laufen. Bigalkes Stellvertreter ist Dr. Florian Niedermirtl, ärztlicher Leiter Rettungsdienst.

Neben den vier Herren nehmen an den Lagebesprechungen – entweder im ACC mit gebührendem Sicherheitsabstand zueinander und Mundschutz – oder per Telefon- und Videokonferenz noch Vertreter der Führungsgruppen Katastrophenschutz der drei Gebietskörperschaften (Amberg, Amberg-Sulzbach und Schwandorf) sowie des Zweckverbands für Rettungsdienst und Feuerwehralarmierung (ZRF) und der Integrierten Leitstelle (ILS) teil.

Marc Bigalke bereitet diese Sitzungen vor, führt darüber Protokoll, leitet dieses dann an die Kliniken weiter und pflegt es in ein bayernweit von den Katastrophenschutzstäben verwendetes webbasiertes Einsatztagebuch ein. Zudem nimmt Bigalke an den Sitzungen der einzelnen Führungsgruppen Katastrophenschutz (FüGK) teil: per Videokonferenz täglich um 11 Uhr an der Schwandorfer und abwechselnd an der Amberger und Amberg-Sulzbacher, die beide jeweils um 14 Uhr beginnen. Diese dann nachzubereiten, Telefonate zu führen und E-Mails zu schreiben und zu beantworten, komplettiert das Tagwerk. „Das Maximum in zwölf Stunden waren 32 Telefonate, drei Sitzungen, eine Telefonkonferenz und 53 E-Mails“, sagt Marc Bigalke. (san)

Marc Bigalke leitet seit 2016 die Notaufnahme von St. Marien

 

 

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