30.04.2020 - 11:33 Uhr
AmbergOberpfalz

Corona in der Reisebranche: Zwischen Trübsinn und Aufbruch

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Niemand reist. Und wer reisen wollte, der storniert schnellstmöglich. Für die Reiseveranstalter in der Region ist die Coronakrise eine existenzielle Bedrohung. Jetzt gilt es, geduldig zu bleiben und neue Wege zu beschreiten.

In den Reisebüros herrscht derzeit Flaute. Wann wir wieder Urlaub machen können, weiß niemand. Die Branche sucht fieberhaft nach Lösungen, denn vielen Unternehmen droht bereits die Insolvenz.
von Florian Bindl Kontakt Profil

Hannelore Augsberger sitzt im Wintergarten ihres Hauses in Ursensollen. Vor wenigen Tagen ist sie mit ihrem Reisebüro umgezogen, nach Hause. Das Reisebüro Augsberger, lange Jahre im Hof des Schloderer Bräu, kämpft wie die gesamte Branche mit den Folgen der Coronakrise. Niemand reist. Und wer eine Reise gebucht hatte, der storniert sie schnellstmöglich. Die meisten ihrer Kunden fordern ihr Geld zurück, Gutscheine nimmt kaum jemand an. Noch ist das den Reisenden freigestellt. Die Bundesregierung pocht jedoch auf eine Lösung, die die Reisebranche schont (siehe Hintergrund).

"Virus und wir": Die Gewissensbisse eines reiselustigen Volontärs

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Wann es regulär weitergeht, steht in den Sternen. "Wir verdienen momentan null, nichts", sagt Augsberger. Im Gegenteil: Durch die vielen Stornierungen muss sie sogar noch Provisionen zurückzahlen. Eine erhebliche finanzielle Belastung. Eine Mitarbeiterin musste sie schon entlassen, ihre Tochter erhält Kurzarbeitergeld. Doch die Einsparungen reichten nicht aus, um die Verluste wettzumachen. "Da habe ich mir gedacht: Sparst du dir die Miete. Der Umzug war nicht geplant. Aber es geht. Im Wintergarten habe ich glücklicherweise viel Platz." Kunden, die sich für eine Reise interessieren, sind derzeit trotzdem eine seltene Spezies. Augsberger versteht das: "Wer will denn schon zurzeit mit einer Maske am Strand liegen?" Seit 30 Jahren arbeitet sie in der Reisebranche, einen Komplettausfall wie in diesem Jahr habe sie noch nie erlebt. Planen könne sie derzeit überhaupt nicht. "Vermutlich entscheiden sich die Leute spontan für einen Urlaub, sobald die Hotels wieder öffnen dürfen", hofft sie. Gesichert ist das freilich nicht.

Milliardenverlust kalkuliert

Deutschland, das Land der Reiselustigen, der Vielflieger, steckt im heimischen Vorgarten fest. 1972 unternahm knapp die Hälfte der Deutschen eine mindestens fünftägige Reise. Heute sind es fast 80 Prozent, Tendenz steigend. Jahrzehntelang lauteten die Klischees: Die Amerikaner kaufen Waffen, die Russen trinken Wodka und die Deutschen, die reisen. Möglichst oft, möglichst weit, möglichst individuell lautete das Urlaubs-Mantra. Dem ein oder anderen konnte die Traum-Destination gar nicht tropisch oder polar genug sein. 2020 ist vieles anders. Bundesaußenminister Heiko Maas kündigte an, es werde ob der Coronakrise "in diesem Jahr keinen normalen Urlaub mit vollen Stränden" geben. Ein heftiger Schlag ins Gesicht der Reisebranche, die die klamme Hoffnung gehegt hatte, es könnte doch noch etwas werden mit dem klassischen Sommerurlaub. Der kalkulierte Umsatzverlust hat längst einen zehnstelligen Betrag erreicht. Es geht um Milliarden.

Bereits Anfang März war in den Reisebüros der Region Verunsicherung zu spüren.

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Umso mehr nehmen Reiseveranstalter jetzt Ziele im Inland in den Fokus - langfristig. Schließlich sind auch hierzulande Hotels und Gasthöfe noch auf unbestimmte Zeit geschlossen. Der mittlerweile überholte Plan des Reiseservice Strobl aus Amberg mutet da geradezu utopisch an. Mitte Mai: Hamburg. Mitte Juni: Salzburg. Im August: Paris und Berlin. Alles nichtig und gestrichen. "Eigentlich käme jetzt die Hauptsaison", ärgert sich Inhaber Horst Strobl, "wir hätten volle Pulle Programm." Für den Frühsommer hätten die Kunden so viel gebucht wie lange nicht mehr. "Und dann sitzt du da und das einzige, was du machst, ist absagen, absagen, absagen. Da ist der Frust natürlich da." Ganz will sich Strobl seine positive Grundeinstellung aber nicht nehmen lassen. Seine Schaufenster hat er mit humorvollen Sprüchen ausgestaltet, "damit die Leute endlich wieder auf andere Gedanken kommen. Ich freue mich jedes Mal, wenn jemand draußen stehenbleibt und schmunzelt."

Neue Reiseziele

Mit seinen Fahrgästen steht er regelmäßig in Kontakt und fragt nach, wie es ihnen in den dürren Wochen der Coronakrise geht. "Da merkt man schnell: Die Leute wollen wieder reisen, aber es ist noch viel Unsicherheit dabei." Eine Phase wie jetzt, "auf den Nullstand runterfahren", wie Strobl es nennt, ist auch für ihn völlig neu. Momentan bastelt er am Programm für die Herbst- und Wintersaison. Natürlich müsse man zunächst auf kleinere Reisen fokussieren: innerhalb Deutschlands oder nach Österreich. "Wir würden gern kleine Tagesfahrten machen, speziell für Senioren", so Strobl. "Einen Tag raus, das riskiert dann doch der ein oder andere." Viel in der Natur, Wandern, das schwebt ihm vor. "Städte sind wohl noch lange Zeit problematisch."

Eigentlich käme jetzt die Hauptsaison. Wir hätten volle Pulle Programm.

Horst Strobl, Reiseunternehmer

Strobl wagt auch einen Blick über die Corona-Zeit hinaus, auf die zukünftigen Reisepräferenzen der Deutschen. Ein Trend hin zu regionalen, heimatnäheren Urlauben käme selbstredend seinem Gewerbe zugute. "Hoffentlich lassen sich einige überzeugen, dass man nicht immer nach Taiwan oder Mallorca fliegen muss. Für den Herbst haben wir neue Reiseziele innerhalb Deutschlands ins Programm genommen, die Lausitz oder das Zittauer Gebirge in Sachsen. Das kennt bei uns kein Mensch." Reisen auf wenig betretenen Pfaden im Inland könnten plötzlich interessant werden - mangels Alternativen. Individuell wäre das auf jeden Fall. Förderlich für die Klimabilanz auch. Und für die hiesigen Reisebüros wäre es eine willkommene Abwechslung zur Stornierungsflut.

Hintergrund:

Erstattung oder Gutschein-Pflicht?

Die Bundesregierung und die Europäische Union streiten sich derzeit über die richtige Handhabung und Rückabwicklung ausgefallener Urlaubsreisen. Während Berlin auf eine Lösung pocht, die die angeschlagenen Reiseunternehmen schont und es ihnen erlauben würde, die Kunden in den meisten Fällen mit Gutscheinen zu vertrösten, legte Brüssel ein entschiedenes Veto ein. Eine Gutschein-Pflicht sei nicht mit EU-Recht vereinbar, hieß es in der vergangenen Woche. Es handle sich um eine unzulässige Einschränkung der Verbraucherrechte.

Gleichzeitig, das betont der Deutsche Reiseverband, stünden 60 Prozent der Reisebüros und -veranstalter vor der Insolvenz. Massenhafte Rückzahlungen könnten der Todesstoß für große Teile der wankenden Branche sein. Möglich erscheint derzeit eine dritte Lösung: Wie das Handelsblatt berichtete, denkt die Union derzeit über einen staatlichen Reisesicherungsfonds nach, aus dem die Rückzahlungen an Kunden zunächst abgeschöpft werden könnten. (blf)

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