30.04.2020 - 11:33 Uhr
AmbergOberpfalz

Von Schotten und Schamgefühlen

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In der Kolumne "Virus und wir" berichten die Redakteure von Oberpfalz-Medien von ihren Erfahrungen in der Coronakrise. Heute: Reiselust, grölende Schotten und die Gewissensbisse eines Volontärs im Home-Office

Ein Bild, das Fußballfans erschaudern lässt: In den nächsten Monaten dürfte es in den meisten europäischen Profiligen nur Partien vor leeren Rängen geben.
von Florian Bindl Kontakt Profil

In einem Anflug jugendlichen Leichtsinns, versetzt mit einer Prise unerschütterlichen Optimismus habe ich Anfang März einen Urlaub gebucht. Nach Schottland. Um Whiskey, Wandern und Dudelsäcke ging es mir dabei, ehrlich gestanden, nur an zweiter Stelle. Zusammen mit einem Kumpel reise ich seit ein paar Jahren durch Europa, um Stadien und Fußballspiele anzuschauen. Ob das Anfield-Stadium in Liverpool oder das De Kuip in Rotterdam: Der Fußball stand meistens im Mittelpunkt meiner Urlaube. Diesmal wollten wir nach Glasgow, Edinburgh, Newcastle oder Sunderland – was der raue britische Norden eben an Klubs mit Strahlkraft zu bieten hat. Gesucht, gebucht, bezahlt. Im September geht´s los. Dachte ich.

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Elf Tage hatten wir geplant. Jeweils fünf Nächte in Edinburgh, fünf in Glasgow. Damals, Anfang März, schien der September noch Äonen entfernt, weit genug zumindest, damit sich dieses Elends-Virus erledigt haben sollte. Aber jetzt ist erstmal Pause, die Fußballwelt steht ebenso wie das öffentliche Leben still. Ob im September wieder der Ball rollt? Gut möglich. Dann aber wohl vor leeren Zuschauerrängen. Ausgerechnet Großbritannien ist aktuell so sehr im Würgegriff der Pandemie wie kaum ein anderes Land. Von Gedanken an volle Stadien, die steilen Tribünen im Celtic Park und grölende Schotten im Siegestaumel habe ich mich innerlich schon verabschiedet. Um mich bei Otto Waalkes zu bedienen: Bereitmachen zum Ärgern!

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Halt! Bevor Sie jetzt schlecht über mich urteilen und mir ob meiner falschen Prioritäten in diesen schlimmen Zeiten eine Ohrfeige verpassen möchten, die habe ich mir schon selbst ausgehändigt. Was bilde ich mir eigentlich ein? Mein Sommer könnte vielleicht ein klein wenig weniger schön werden. Tragisch. In Kliniken ringen Menschen um Atem und ihr Leben. Zigtausende Kleinunternehmer stehen allein in Deutschland vor dem Ruin. In Afrika und Südamerika hat die Seuche erst begonnen, sich durch diejenigen Teile der Bevölkerung zu fressen, für die Social Distancing eine Utopie ist. Und ich sitze hier in meinem Home-Office und jammere wegen eines Urlaubs. Ich schäme mich.

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