10.05.2021 - 17:10 Uhr
AmbergOberpfalz

Corona zehrt an den Kinder-Seelen und Vereins-Finanzen

Sie ist seit April 2020 hauptamtliche Geschäftsführerin des TV 1861 Amberg. Doch eigentlich weiß Kerstin Weiß nicht, wie der größte Sportverein der Stadt zu normalen Zeiten tickt. Denn bisher kennt sie nur Corona.

Geschäftsführerin Kerstin Weiß und Thomas Bärthlein, der Vorsitzende des TV 1861 Amberg, machen sich ernsthafte Gedanken, wie es nach der Corona-Pandemie mit dem Sportverein weitergehen wird.
von Andreas Ascherl Kontakt Profil

Als sich Kerstin Weiß Anfang 2020 auf den Posten der hauptamtlichen Geschäftsführerin des TV 1861 Amberg bewarb, war Corona allenfalls ein Problem, mit dem sich China herumschlug. Als die Fürtherin aber im April 2020 ihren neuen Job in Amberg antrat, befand sich Deutschland bereits im ersten Lockdown. Seither dreht sich die Arbeit der Geschäftsführerin hauptsächlich um Covid-19. Hygienekonzepte sind ihr bis heute näher als Trainingspläne im vereinseigenen Fitnessstudio. "Trotzdem geht im Verein die Arbeit weiter", sagt sie und lässt den Blick durch das leere Stadion des FC Amberg schweifen.

Kein Fußball, kein Handball, kein Basketball, inzwischen wenigstens ein bisschen Tennis. Der TV 1861 mit seinen 18 Sparten, die vom Fußball über Faustball und Fechten bis hin zum American Football reichen, befindet sich noch immer in der Corona-Starre. Sport ist nur vereinzelt oder in Kleinstgruppen möglich, das macht es den ehrenamtlichen Übungsleitern sehr schwer, einen geordneten Trainingsbetrieb auf die Beine zu stellen. Während bei anderen Stadtvereinen die ganz kleinen Fußballer bereits wieder in das - recht bescheidene - Training eingestiegen sind, bereiten sich die einzelnen TV-Sparten gerade auf den Neustart vor.

Den Sparten fehlt der Nachwuchs

Kerstin Weiß bleibt im Augenblick keine andere Wahl, als die Situation hinzunehmen und tatkräftig mitzuhelfen, möglichst bald wieder in den Trainings- und Spielbetrieb einzusteigen. Ändern kann sie es im Augenblick nicht, Arbeit hat sie aber mehr als genug. Denn bereits im letzten Sommer war es mit bestimmten Auflagen wieder möglich, Einzel- oder Mannschaftssport zu treiben. Die Jugendfußballer, die Leichtathleten sowie die meisten anderen Sparten konnten mit einem strengen Hygienekonzept trainieren und sogar einen - eingeschränkten - Ligabetrieb aufnehmen. Kerstin Weiß konzipierte gemeinsam mit dem Vorstand des TV und den Sparten- sowie Übungsleitern ein Konzept, wie sich Sportler und Trainer möglichst nicht mit Corona infizieren.

Tatsächlich, so sagen Kerstin Weiß und TV-Vorsitzender Thomas Bärthlein, gab es im letzten Sommer keinen Corona-Fall beim Verein. Doch dieser Sommer ist längst vorbei, seit Monaten geht nichts mehr - kein Training, kein Spielbetrieb und auch keine Fortbildungen für die Übungsleiter. "Das wird gerade in der Schwimmsparte allmählich zum Problem", sagt Kerstin Weiß. Abgesehen davon, dass auch sie keine Ahnung hat, wann die TV-Schwimmer überhaupt wieder ins Wasser gehen können.

"Wir haben rund zehn Prozent unserer Mitglieder verloren."

Thomas Bärthlein, Vorsitzender des TV 1861 Amberg

Thomas Bärthlein, Vorsitzender des TV 1861 Amberg

Wenigstens die Digitalisierung schreitet voran

Natürlich hat Kerstin Weiß auch im Lockdown gut zu tun. "Die Digitalisierung geht sehr gut voran", sagt sie und lacht. Ein schwacher Trost in einer Zeit, in der gerade Kinder und Jugendliche unter dem ewigen Eingesperrtsein leiden. "Das tut mir persönlich weh, wenn die Kids nichts machen können", merkt Vorsitzender Thomas Bärthlein an. "Bei den Kindern geht doch derzeit so viel verloren", so sagt er. "Sie leiden an Geist, Körper und Seele."

Aber auch den Verein beutelt die Pandemie. "Wir haben rund zehn Prozent unserer Mitglieder verloren", sagt Thomas Bärthlein ganz offen. Und damit dürfte der TV nicht einmal in der Spitzengruppe liegen. Denn tatsächlich kündigten während der Pandemie viele Mitglieder, um sich beispielsweise den Beitrag zu sparen. Auf der anderen Seite kommt von unten nichts nach. Vor allem in den Ballsportarten fehlt dem TV jetzt bereits der zweite Jahrgang. Ob diese Kinder aber jemals in den Verein finden werden, steht in den Sternen. "Wir werden nach Corona viel Werbung machen müssen", ist sich Thomas Bärthlein sicher.

Mitgliedsbeiträge fehlen dem Verein

"Wenn auf einen Schlag 20.000 Euro an Mitgliedsbeiträgen wegfallen, dann ist das viel Geld für den Verein", rechnet Bärthlein die finanziellen Folgen von Corona vor. Die Zahlung der doppelten Vereinspauschale ist da nur ein kleiner Ausgleich. Ansonsten blieben öffentliche Hilfen für die Vereine bisher aus. Wenigstens sind die meisten der Sponsoren geblieben. Für Kerstin Weiß und Thomas Bärthlein ist das alles kein Grund, mutlos zu werden. Sie wollen möglichst bald wieder loslegen - und das breit gefächert und vielfältig. Denn hier hätte der Vielspartenverein TV 1861 tatsächlich große Vorteile mit seinem Angebot. "Wir werden wahrscheinlich eine spartenübergreifende Ballschule anbieten", sagt Kerstin Weiß. Damit könne der potenzielle Nachwuchs unverbindlich ausprobieren, ob er eher Fuß- oder Handball spielen will, beim Basketball einsteigt oder lieber Tennis oder gar American Football spielt.

Aber auch die anderen Sparten sollen sich bei einem großen Sportfest präsentieren,. Mit Musik, Verpflegung und Unterhaltung. Doch so weit sind sie noch lange nicht. Jetzt geht es erst einmal darum, wieder ganz langsam in die Normalität einzusteigen. "Die Übungsleiter und die Kinder sind sofort wieder mit dabei", sagt Thomas Bärthlein. "Weil wir sind dankbar, dass uns 90 Prozent unserer Mitglieder und unsere Ehrenamtlichen geblieben sind."

Hintergrund:

TV 1861 ist der größte Sportverein der Stadt Amberg

  • Gegründet 1861 von Carl Sedlmeyer, dem damaligen Turnwart des TSV 1860 München, der wegen seiner revolutionären Ideen München verlassen musste und in seine Heimatstadt Amberg zurückkehrte.
  • 1997 Übernahme der Jugendabteilungen des insolventen 1. FC Amberg, Neustart als FC Amberg im TV 1861.
  • 2015 - 2017 Verschmelzung mit der Sportgemeinschaft Siemens, die einen Teil ihrer Sparten in den TV 1861 einbringt.
  • Vor Ausbruch von Corona hatte der Verein rund 1800 Mitglieder in 18 Sparten - darunter auch das Fitnessstudio Balance.
  • Der TV 1861 hat seine Geschäftsstelle im Balance im Sportpark am Schanzl, wo auch die Vereinsanlagen zu finden sind.
  • Vorsitzender ist derzeit Thomas Bärthlein.

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