04.02.2021 - 16:56 Uhr
AmbergOberpfalz

Drama um Corona-Bonus nimmt glückliches Ende – Pflegerin bleibt wütend auf den Staat

Neun Monate kämpft eine Pflegerin um ihren Corona-Bonus – vor Gericht und in der Presse. Der Schritt an die Öffentlichkeit kostet die alleinerziehenden Mutter Überwindung. Am Ende lohnt er sich doppelt, doch der Zorn auf den Staat bleibt.

Dass Simone Graf die 500 Euro staatlichen Corona-Bonus doch noch einmal in den Händen hält, hat die Pflegerin schon nicht mehr geglaubt. Der Schritt an die Öffentlichkeit war der Mutter unangenehm – doch er hat geholfen.
von Tobias Gräf Kontakt Profil

Ende gut, alles gut? Fast könnte man im Fall von Simone Graf (Name von der Redaktion geändert) zu diesem Schluss kommen. Doch auch, wenn die 47-jährige Pflegerin in einem Regensburger Heim am Ende ihr Geld doch noch zugesprochen bekommt – ein bitterer Nachgeschmack ist ihr geblieben. Für 500 Euro Corona-Bonus, die ihr vom Freistaat Bayern versprochen wurden, musste die alleinerziehende Mutter dreier Kinder neun Monate lang teils öffentlich kämpfen. Die Frau hat dabei viel Enttäuschung, aber auch unerwartet große Solidarität von Menschen aus Amberg und Weiden erfahren.

Bereits zwei Mal haben Oberpfalz-Medien in den vergangenen Wochen über Graf berichtet. Schon im April reichte sie gemeinsam mit ihren Kollegen der Pflegeeinrichtung einen Antrag auf Auszahlung des Corona-Bonus ein. Den hatte Ministerpräsident Markus Söder in der ersten Welle der Pandemie Mitarbeitern in sozialen Berufen versprochen. Als Anerkennung für ihren hohen persönlichen Einsatz an vorderster Corona-Front. Doch während Grafs Kollegen das finanzielle Dankeschön schnell überwiesen bekamen, ging die Mutter dreier Kinder im Alter von 15, 23 und 25 Jahren leer aus.

"Bin ich weniger wert?"

Monatelang zehrte es an ihren Nerven, nicht zu wissen, was mit ihrem Antrag geschehen ist. Im Oktober dann erreicht sie endlich eine Nachricht: Antrag abgelehnt. Graf sei nicht berechtigt, heißt es zur Begründung. "Ich war erschüttert, weil ich die gleiche Arbeit mache wie alle anderen Pfleger", sagt Graf und fragt sich: "Bin ich weniger wert? Der Staat hat damit einen Keil zwischen mich und die Kollegen getrieben. Die haben es auch nicht verstanden."

Die 47-Jährige legte vor dem Regensburger Verwaltungsgericht Widerspruch gegen die in ihren Augen ungerechte Entscheidung ein – und musste sogar noch 105 Euro Prozesskosten zahlen. Von 500 noch gar nicht ausgezahlten Euro blieben somit nur noch 395. Graf blieb wieder über Monate im Ungewissen: "An Weihnachten hatte ich fast keine Kraft mehr", gesteht sie. Der Job, die Belastungen mit Corona, die Kinder – und dann verwehrt der Staat auch noch Geld, das als Dankeschön gedacht war. "Die anderen haben den Bonus sofort bekommen, ich musste um alles kämpfen, das zehrt an den Nerven und zermürbt."

Ich bin stolz darauf, dass ich so mutig war, mich an die Zeitung zu wenden. Die Öffentlichkeit war mein Zeuge.

Simone Graf (Name von der Redaktion geändert)

Leser aus Amberg und Weiden helfen

Die enttäuschte Pflegerin wusste sich nicht anders zu helfen, als Oberpfalz-Medien von ihrer Notlage zu berichten. Der Schritt an die Öffentlichkeit kostete sie viel Überwindung, zahlte sich aber aus. Zwar ließ das Gericht weiter nichts von sich hören, doch Leser der Amberger Zeitung und des Neuen Tags wurden auf Simone Graf aufmerksam. Wolfgang Renner, ein Augenarzt aus Amberg, meldete sich im Januar und zahlte der Pflegerin aus eigener Tasche 500 Euro. "Das ist mein Beitrag, um die Ungerechtigkeit auszugleichen, die ihr widerfahren ist", begründete der Mediziner seine Entscheidung, für den Freistaat einzuspringen.

Die Zeitungslektüre über die Amberger Hilfe animiert auch Emil Karl aus Weiden. Der Rentner will ebenfalls helfen und schenkt Graf auch noch die 105 Euro Prozesskosten. "Wir haben miteinander telefoniert und nur einen Tag später war das Geld von dem netten Herrn schon auf meinem Konto", freut sich Graf ungläubig. Die Bereitschaft wildfremder Menschen, ihr privat Hilfe zukommen zu lassen, ist der Mutter noch immer spürbar unangenehm. "Die Geste der beiden Spender ist sehr großzügig. Aber mit war das auch peinlich wie Sau", gesteht sie offen und direkt. "Ich habe mich ja nie mit dem Gedanken an die Zeitung gewendet, dass sich jemand für mich erbarmt."

Ein Amberger Arzt zahlt der Pflegerin 500 Euro aus eigener Tasche

Amberg

Bayern knickt ein – und zahlt doch

Dennoch habe sich der Schritt gelohnt. Denn Ende Januar passiert etwas, mit dem Graf nicht mehr gerechnet hat. "Vor einer Woche kam ein Schreiben vom Landesamt für Pflege, dass die Ablehnung für meinen Bonus aufgehoben sei. Der Brief war so kompliziert in Beamtendeutsch geschrieben, dass ich ihn vier Mal lesen musste, bis ich durchgestiegen bin." Der Freistaat Bayern ist also eingeknickt und zahlt nun doch. "Das Geld ist schon da", bestätigt die Regensburger Pflegerin. Zur Begründung für den Kurswechsel nennt das Amt, dass Grafs Tätigkeit im Erstantrag als Betreuungskraft angegeben war, jedoch nur Pflegekräfte Bonus-berechtigt seien. "Damit wollen sie sich jetzt nur rausreden. Die Anträge aller Kollegen waren exakt identisch", erklärt die 47-Jährige.

Für die Frau, die ihren richtigen Namen nicht in der Zeitung lesen will, hat sich im Rückblick nun doch alles zum Guten gewendet. Der Vertrauensverlust in den bayerischen Staat aber ist geblieben. "Ich bin stolz darauf, dass ich so mutig war, mich an die Zeitung zu wenden. Die Öffentlichkeit war mein Zeuge dafür, dass Bayern Pflegern und Krankenpersonal Versprechungen macht und sich dann nicht daran hält." Auch, wenn die 500 Euro inzwischen ausgezahlt wurden – "ich bin schon noch verärgert, dass Leute, denen der Bonus zusteht, so lange dafür kämpfen müssen. Andere sitzen hinter dem Schreibtisch und haben das Geld sofort bekommen, diese Ungleichbehandlung geht gar nicht."

Doppelter Corona-Bonus

Gemeinsam mit dem Geld der Spender hat Graf nun quasi einen doppelten Corona-Bonus bekommen. Die großzügigen Helfer wollen das Geld aber nicht zurück, sondern sehen das als Ausgleich für die nervlichen Belastungen. "Doktor Renner aus Amberg habe ich einen Brief geschrieben und mich bei ihm bedankt. Auch Herrn Karl aus Weiden bin ich überaus dankbar. Ich habe nicht erwartet, dass es so gute Leute gibt, die sich für Gerechtigkeit einsetzen. Sie sind für den Staat eingesprungen, der seine Verantwortung versäumt hat."

Auch wenn Simone Graf dem Freistaat (noch) nicht verziehen hat, ihre Stimmung hat sich deutlich gebessert. Mit dem Geld will sie mit ihrer Tochter zum Wellness gehen, und: "Vielleicht machen wir mal eine kleine Reise, wenn es Corona wieder zulässt."

Wer sich gegen staatliches Unrecht wehrt, braucht Mut. Ein Kommentar.

Regensburg

Was ist zuvor passiert? Hier geht´s zur ursprünglichen Berichterstattung.

Regensburg

Ich habe nicht erwartet, dass es so gute Leute gibt, die sich für Gerechtigkeit einsetzen.

Simone Graf (Name von der Redaktion geändert)

 

 

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