17.06.2020 - 13:09 Uhr
AmbergOberpfalz

Zur Elektrifizierung: Bahn plant Stromleitung bei Amberg

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Kommt sie schon oder doch noch nicht? Seit Jahren steht eine Elektrifizierung des Bahnverkehrs in Nordostbayern im Raum. Nun schlägt die Deutsche Bahn erste Pflöcke ein. Und Amberg zählt vorerst nicht zu den Gewinnern.

Ausschnitt aus den Planungen der Bahn: So soll die Stromleitung im Bereich von Amberg verlaufen.
von Florian Bindl Kontakt Profil

Hochmodern, klimafreundlich samt internationaler Dimension. Die DB Netz AG, zuständig für die Optimierung und Entwicklung des Bahnnetzes, überschlägt sich fast in ihren Ausführungen. Eine Chance sei sie, diese Elektrifizierung, gut für den Klimaschutz, die Menschen und die Bahn. Tatsächlich: Die Region Nordostbayern, zu der auch die Stadt Amberg und der Landkreis Amberg-Sulzbach zählen, ist nicht eben ein Paradies für Bahnreisende. Das liegt zwar auch an vielerorts veralteten Bahnhöfen, fehlender Barrierefreiheit und weiten Wegen. In erster Linie krankt die Oberpfälzer Schiene jedoch an etwas anderem: Es fehlt die Stromversorgung. Während in urbanen Zentren, etwa Nürnberg oder Regensburg, Züge des Nah- und Fernverkehrs elektrisch betrieben werden, sind im größten Teil der Oberpfalz nach wie vor Dieselloks unterwegs. Das macht eine direkte Anbindung der Strecken an das Fernverkehrsnetz oder gar die S-Bahn Nürnberg unmöglich und schadet wegen erheblich höheren Schadstoffausstoßes dem Klima. Von der Effizienzsteigerung gar nicht erst zu sprechen. Diese Versorgungslücke ist der Bahn natürlich bekannt. Seit Jahren schwebt das magische Wort Elektrifizierung über der Oberpfalz, auch über Amberg. Ist es jetzt so weit?

Mammutprojekt mit Haken

Drei sogenannte Korridore in Nordostbayern hat die Bahn zusammen mit dem Bund im Bundesverkehrswegeplan mit vordringlichem Bedarf gekennzeichnet und für den Ausbau priorisiert. Das bedeutet: Bis 2030 könnten hier Engpässe wegen hohen Verkehrsaufkommens entstehen, das ergaben Berechnungen des Verkehrsministeriums. Es besteht Handlungsbedarf. Konkret geht es um den Ostkorridor (Marktredwitz–Regensburg), die Franken-Sachsen-Magistrale (Nürnberg–Schirnding) und, hier kommt Amberg ins Spiel, die Metropolenbahn von Nürnberg nach Prag. Um elektrisch betriebene Loks und mithin S-Bahnen oder Fernverkehrszüge auf diese Strecken zu bringen, braucht es vor allem eines: Strom. Nur gut, dass die DB über ein eigenes Netz verfügt, den Bahnstrom. Wer an größeren Bahnhöfen steht, dem sind sicher schon die wirren Kabelstränge über den Gleisen aufgefallen, die Oberleitungen. Hieraus speisen Elektroloks ihren Strom. Über Unterwerke, die über die Strecke verteilt sind, kommt der Strom auf die Oberleitungen und treibt so den Zug an. Diese Unterwerke, auch Einspeisepunkte genannt, funktionieren wie Transformatoren. Sie nehmen den Strom aus dem Netz auf und senken dessen Spannung (110 Kilovolt) auf 15 Kilovolt für den Bahnbetrieb. Woher der Strom ursprünglich stammt, ist eine ganz andere Frage (siehe Hintergrund). Das Problem: Auf den von der Bahn priorisierten Stecken existieren derzeit weder Bahnstromtrassen noch Unterwerke. All das muss und soll nun neu gebaut werden – ein Mammutprojekt. Noch aber ist nichts entschieden. Und die Idee, die so verführerisch, so zukunftsweisend klingt, hat einige Haken.

Die Bahn will sich den Fragen der Bürger stellen.

Wiesau

200 Meter breite Trasse

Während nämlich etwa die Strecke Nürnberg–Schirnding bei den Planungen schon recht weit fortgeschritten ist, hinkt der Abschnitt Nürnberg–Schwandorf allen anderen hinterher. Einen Planungsauftrag, sozusagen den Startschuss des Projekts, gibt es noch nicht. Wann die Elektrifizierung der Strecke kommt, steht nicht fest. Klar ist aber: Die Bahn drängt schon jetzt auf eine Stromtrasse, die durch den Landkreis Amberg-Sulzbach führt und über eine "Abzweigung" die Bahnstrecke in etwa auf der Luitpoldhöhe erreichen soll (siehe Grafik). Die angedachte Trasse, circa 200 Meter breit, verliefe von Westen kommend an Ammerthal vorbei Richtung Amberg und würde am Flugplatz Rammertshof nach Süden abknicken. Hier ist auch die Abzweigung zum Einspeisepunkt geplant. Zwar betont die Bahn, dass die neuen Stromleitungen an möglichst vielen Stellen mit bestehender Infrastruktur gebündelt werden sollen, so dass keine völlig neue Trasse nötig wäre. Ob und wo das auch für den Amberger Raum möglich ist, steht aufgrund des frühen Planungsstandes aber keineswegs fest. Dass der Bahnstrom grundsätzlich aus den vorhandenen Oberspannungsleitungen bezogen wird, ist dagegen ausgeschlossen. Zum Betrieb von Zügen benötigt die Bahn eine Frequenz von 16,7 Hertz, während das öffentliche Stromnetz mit 50 Hertz betrieben wird.

Wenn die Bahnstromleitung über ein Grundstück verlaufen sollte, führen wir mit dem Eigentümer persönliche Gespräche.

Auskunft der DB Netz AG

Pikant ist außerdem, dass die Trasse – so die vorläufige Streckenführung – den Amberger Ortsteil Gailoh durchschnitte. Geradewegs in einem Neubaugebiet. Die Bahn beteuert zwar, man wolle mit der Trasse "möglichst geringe Auswirkungen auf Mensch und Umwelt erzeugen" und orientiere sich stark an bestehender Infrastruktur. Nach Möglichkeit wolle man "Ortschaften und Schutzgebiete umgehen". Bei Gailoh ist das aber definitiv nicht der Fall. In den meisten anderen Abschnitten der Leitungsentwurfs schlängelt sich die Trasse durch Wälder und Wiesen. Hier kreuzt sie ein Wohngebiet. Was bedeutet das nun für Anwohner? "Wenn die Bahnstromleitung über ein Grundstück verlaufen soll, führen wir mit dem Eigentümer persönliche Gespräche", so der lapidare Kommentar der DB. In der Regel gehe es dabei ja "nur" um die Mitbenutzung einer geringen Quadratmeterzahl zum Bau der Mastfundamente. Die Strommasten stünden in einem Abstand von 300 Metern. Gailoh wäre also regelrecht eingekeilt.

In der Warteschleife

Das ist noch nicht alles. Käme eine solche Bahnstrom-Trasse überhaupt den Amberger Zugfahrern zugute? Zunächst nicht, das gibt die DB unumwunden zu. Denn: Elektrifiziert werden zunächst andere Strecken. Nürnberg–Schwandorf hängt in der Warteschleife. Der eingespeiste Strom, der durch den Raum Amberg flösse, diene erstmal nur der Versorgungssicherheit auf anderen Strecken. Zwar beteuert die Bahn die hohe Priorität der Strecke, man habe die Elektrifizierung fest im Blick – der Zeitpunkt der Realisierung liegt aber ebenso im Dunkeln wie deren Planungsstart. Es droht eine Hängepartie samt Verlängerung. Natürlich versucht die Bahn den Bürgern die Trasse dennoch schmackhaft zu machen. Man könne damit die Voraussetzungen für eine spätere Elektrifizierung "sogar noch verbessern". Schließlich wäre die notwendige Infrastruktur damit schon vor Ort. Ob die Bahn wirklich ernst macht? Die Amberger, gerade die Gailoher, dürften hier ein Wörtchen mitsprechen wollen. "Niemand kennt die Gegebenheiten vor Ort so gut wie die Menschen, die hier leben", weiß auch die DB Netz. Man wolle deshalb früh den Austausch mit den Menschen suchen. Die erste Gelegenheit bietet sich am kommenden Dienstag (siehe Info). Im Zusammenspiel mit der Bevölkerung will die Bahn den Trassenverlauf optimieren, bevor dann ab 2021 ein Raumordnungsverfahren alle notwendigen ökologischen, ökonomischen und sozialen Aspekte in einem Gutachten zusammenfasst. Erst dann ist ein Beginn der Bauarbeiten überhaupt möglich. Bis grüne, leise und effiziente Loks durch die Oberpfalz rollen, dürfte es noch bis etwa 2030 dauern. Wann auch der Raum Amberg davon profitiert, ist ungewiss.

Auch in Schwandorf steht das Projekt Elektrifizierung im Fokus.

Schwandorf
Kommentar:

Ja, aber nicht um jeden Preis

Die Elektrifizierung der Bahn ist eine gute Sache, gar keine Frage. Sie kommt gerade auf lange Sicht zweifelsfrei dem Klimaschutz zugute und bringt Bahnreisenden mehr Komfort. Der Wunschtraum, eine S-Bahn-Anbindung Ambergs an Nürnberg, muss ja kein Traum bleiben. Um ihn zu realisieren, führt aber an einer elektrifizierten Strecke kein Weg vorbei. Dass die Bahn den Ausbau aus reiner Kundenliebe anpackt, davon sollte man auch nicht ausgehen. Sie hofft auf einen deutlich kürzeren Weg für ICEs von Nord nach Süd, die könnten dann durch die Oberpfalz rauschen statt wie bisher durch das Frankenland. Auch ein effizienterer Güterverkehr liegt im Interesse der DB. Deshalb gilt: Elektrifizierung, ja. Aber nicht um jeden Preis. Es ist das gute Recht von Anwohnern, vehement auf einen für sie erträglichen Verlauf der Stromleitungen zu pochen und den (frühen) Planungsstand zu hinterfragen. Die Bahn ist hier sehr wohl gesprächsbereit. Jetzt ist es an der Bevölkerung, dieses Angebot mit wohlüberlegten Argumenten anzunehmen. Damit am Ende niemand auf der Strecke bleibt.

Florian Bindl

Hintergrund:

60 Prozent grün

Allzu gern spricht die Deutsche Bahn von grünem Strom und preist die Elektrifizierung als Meilenstein auf dem Weg hin zu effektiverem Klimaschutz. Freilich: Elektrisch betriebene Loks sind klimafreundlicher und energieeffizienter als Dieselloks. Allerdings kommt der Strom, den die DB in ihr Netz einspeist, im Moment nur zu 60 Prozent von erneuerbaren Energiequellen wie Wasser- oder Windkraft. Bis 2030 hofft die Bahn, diesen Anteil auf 80 Prozent erhöhen zu können. Bis 2038 soll der Energiemix für den Bahnstrom ausschließlich aus grünem Strom bestehen.

Info:

Trasse erregt Widerstand und Diskussionen

Dass der Verlauf der Stromleitungen für den Betrieb elektrischer Züge für mächtig Wirbel sorgen würde, das war der Bahn schon im Vorfeld bewusst. Deshalb plant die DB Netz in den kommenden Wochen mehrere Online-Infoveranstaltungen. Für die Region ist insbesondere der Termin am Dienstag, 23. Juni, um 18 Uhr interessant. Dann stellt die Bahn ihre Überlegungen für die Strecke Ottensoos–Amberg–Irrenlohe vor und spricht auch über die notwendigen Baumaßnahmen zur Stromversorgung. Zuhörer haben die Chance, selbst Anliegen vorzubringen und mit den Verantwortlichen im Bürgerdialog ins Gespräch zu kommen. So geht es zum Bürgerdialog www.bahnausbau-nordostbayern.de/infotermine

Bereits an diesem Donnerstag soll im Rathaus Illschwang eine Debatte von Bürgermeistern, deren Ortschaften von der Stromtrasse betroffen wären, stattfinden. Es formiert sich erster Protest.

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