10.11.2021 - 18:08 Uhr
AmbergOberpfalz

Experten stellen die Glocken der Amberger Basilika neu ein

So kennen die Amberger das Geläut ihrer Basilika nicht: Eine gute Stunde lang schlugen am Mittwochmittag abwechselnd einzelne Glocken im Turm der Martinskirche. Nachdem sie lange still gewesen waren, wurden sie jetzt neu justiert.

An der großen Festtagsglocke (links) war der Klöppel am Mittwoch zunächst noch mit einem roten Gurt gesichert. Die zweitgrößte Glocke der Basilika St. Martin, die "Elferglocke" (rechts), konnte über sieben Jahre nicht geläutet werden.
von Heike Unger Kontakt Profil

Nicht nur die Verkäuferinnen in der Bäckerei an der Krambrücke fragten sich, was denn da los sei: Mehrere Wochen lang hatten die Glocken der Martinskirche gar nicht geschlagen, jetzt erklangen sie am Mittwochmittag plötzlich alle – einzeln nacheinander und insgesamt rund eine Stunde lang. Damit sie künftig wieder regelmäßig schlagen können und auch gut miteinander harmonieren, waren im Turm Experten am Werk. Drei Fachleute der Glockengießerei Perner aus Passau justierten sieben der neun Glocken von St. Martin nach ihrer Reparatur und der Ertüchtigung ihrer Joche (Schwungbalken) und Aufhängungen neu. Auch die Antriebs- und Steuerungstechnik sowie die Klöppel wurden erneuert.

Insgesamt wurden rund 90.000 Euro investiert – ein eher kleiner Betrag angesichts der Millionen, die die umfassende Sanierung der Basilika verschlingt. Die beiden kleineren Exemplare in der Oberen Turmstube über der Uhr werden weiterhin nicht zu hören sein, weil sie nur von Hand geläutet werden können. Aber die sieben Glocken der unteren Glockenstube, in etwa 45 Metern über dem Dachfirst, können jetzt alle automatisch geläutet werden. Zum Patrozinium der Martinskirche am Donnerstag, 11. November, begleiten sie erstmals nach langer Pause wieder eine Messfeier, den Festgottesdienst um 18 Uhr.

Jahrzehntelang nicht zu hören

Schwer zu glauben, dass die Sperrglocke, auch Hussglocke genannt, "von Hand" über die Treppen des Martinsturms nach unten getragen wurde. Auch wenn sie zu den kleineren Exemplaren im Geläut der Basilika St. Martin in Amberg gehört, ist sie doch etwa 90 Kilo schwer. Dass sie ihren Stammplatz in der unteren Glockenstube vorübergehend verlassen musste, lag daran, dass sie einen Sprung hatte. Zu hören war sie in Amberg schon sehr lang nicht mehr: Hilfsmesner Josef Späth, der 1962 seinen Dienst in St. Martin begonnen hat, kann sich nicht daran erinnern, dass sie seither einmal geläutet worden wäre.

Das wäre dann übrigens auch "Handarbeit" gewesen, denn diese Glocke mit der Nummer 7 war bislang nicht in das autmatisierte Geläut der Basilika integriert. Jetzt hat sie im Zuge der Glocken-Sanierung auch einen Motor bekommen und kann somit künftig in das Geläut der Basilika integriert werden. Nachdem die Schäden an den Glocken ausgebessert und ihre Aufhängungen ertüchtigt worden sind, können nun bis zu sieben Glocken geläutet werden. Wie viele es sind, hängt vom Anlass ab: Sonntags sind es mehr als bei den Werktagsmessen – und das volle Geläut erklingt nur zu besonderen Anlässen wie Weihnachten oder Ostern.

Die Sache mit der Schwingung

Einige der Glocken hatten Schäden, die nun behoben sind. Dazu mussten die betroffenen Exemplare den Turm verlassen. Die Glocke Nummer 2, "Elferglocke" genannt und die zweitgrößte und älteste von St. Martin, war bereits 2013 zum Schweißen weggebracht worden, wie Kirchenpfleger Josef Beer erzählt. Im Juni 2014 kam sie repariert zurück, wurde mit Hilfe eines Krans wieder in den Turm gehoben, dort aber nur auf Holzbalken abgestellt und nicht wieder aufgehängt. Das geschah erst kürzlich, nachdem der Glockenstuhl und die Schwingbalken (Jochen) entsprechend ertüchtigt worden waren. "Diese Glocke hat also seit über sieben Jahren nicht mehr geläutet", betont Beer. Auch die größte Glocke der Basilika, die Nummer 1, die "Festtagsglocke Unseres Herrn", durfte längere Zeit nicht mehr erklingen. Sie war zwar eingehängt, doch ihre Schwingung gefährdete die Stabilität des Turms. Nachdem dieser saniert war, durfte sie ausnahmsweise heuer zu Pfingsten anlässlich der Grundsteinlegung vor 600 Jahren läuten, musste dann aber wieder schweigen, bis sie jetzt richtig eingestellt wurde.

Das ist in diesem Fall gar nicht so einfach, wie Firmenchef Rudolf Perner am Mittwoch sagte: Die Martinsglocken können nicht beliebig schwingen, sondern müssen sich wegen der Statik an gewisse Grenzen halten, um nicht auch den Turm, der eine Eigenfrequenz hat, in Schwingung zu versetzen. Gleichzeitig müssen sie aber so bewegt werden, dass sie saubere Töne produzieren und auch miteinander gut harmonieren: "Das Klavier ist gebaut, jetzt muss es noch gestimmt werden", so erklärt es Rudolf Perner anschaulich. "Je größer die Glocke ist, desto langsamer ist sie", sagt Perner, jede habe also eine andere Anschlagzahl pro Minute.

Auch für den Pfarrer das erste Mal

Die Experten aus Passau haben ihre Arbeit am Mittwoch beendet, jetzt müssen der Glockensachverständige der Diözese und Architektin Carola Setz das Ergebnis "absegnen". Für den Segen ist hier normalerweise Pfarrer Thomas Helm zuständig. Der freut sich jetzt sehr auf den Patroziniums-Gottesdienst am Donnerstag, wo auch er zum ersten Mal das volle Geläut "seiner" Basilika hören wird. Für Rudolf Perner war die besondere Herausforderung bei diesem Auftrag, dass es um besonders alte Glocken ging – die älteste, die Elferglocke, wurde 1318 gegossen. Für Perner schon etwas Besonderes, zumal es vielerorts gar keine so alten Glocken mehr gebe, weil sie zu Kriegszeiten eingeschmolzen wurden. Mit dem Ergebnis der Justierung am Mittwoch ist Perner sehr zufrieden: "Ein wunderschönes Geläut", schwärmt er, vor allem der weiche Klang der Elferglocke begeistert ihn. Und natürlich der satte, kräftige Ton der großen Festtagsglocke. Spätestens als die am Mittwoch als Letzte eingestellt wurde, war klar, warum man bei der Arbeit im Glockenturm besser einen Gehörschutz trägt.

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