17.05.2021 - 17:36 Uhr
AmbergOberpfalz

Am Pfingstsonntag schlägt die größte Glocke der Basilika St. Martin wieder

Wer genau hinhört, kann am Pfingstsonntag in Amberg eine Besonderheit miterleben: Zum ersten Mal seit sieben Jahren wird zum Gottesdienst um 10 Uhr die größte Glocke von St. Martin erklingen, die 3500 Kilo schwere Festtagsglocke.

Das ist sie, die Festtagsglocke – die größte im Turm der Basilika St. Martin. In den vergangenen Jahren musste sie stumm bleiben, weil sie den Turm in Bewegung brachte.
von Heike Unger Kontakt Profil

Eigentlich hätte zu Pfingsten eine große Festwoche in St. Martin beginnen sollen: 600 Jahre ist es her, dass der Grundstein der Amberger Basilika gelegt wurde – am 25. Mai 1421. Das wollte die Stadtpfarrei natürlich gebührend feiern. Doch wegen der Corona-Pandemie ist dies nun nicht möglich, die Jubiläums-Veranstaltungen wurden ins nächste Jahr verschoben. Ganz sang- und klanglos wollte man das für die Pfarrei bedeutende Datum aber nicht verstreichen lassen, weshalb es am Pfingstsonntag, 23. Mai, um 10 Uhr einen Pontifikalgottesdienst mit Weihbischof Reinhard Pappenberger geben wird (mit Anmeldung im Pfarrbüro/noch Plätze frei). Dazu hätte eigentlich auch erstmals seit vielen Jahren wieder das komplette Geläut der Basilika erklingen sollen.

Neue Etappe der Basilika-Sanierung beginnt

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Das wird allerdings nicht möglich sein, da die laufende Sanierung der Glocken doch mehr Zeit in Anspruch nimmt, als man zunächst gedacht hatte. Eine Besonderheit gibt es aber: Im Gedenken an die Grundsteinlegung können die Amberger am Sonntag um 10 Uhr zum ersten Mal wieder die größte Glocke von St. Martin hören – die mächtige Festtagsglocke (Gussjahr 1537) mit einem Durchmesser von knapp 1,8 Metern und 3500 Kilo Gewicht. 2014 hat sie zum letzten Mal geschlagen, zusammen mit fünf weiteren Glocken des Basilika-Geläuts. Zu dem gehört auch noch eine siebte Glocke, die sogar noch viel länger schweigt: Hilfsmesner Josef Späth, der 1962 seinen Dienst in St. Martin begonnen hat, kann sich nicht daran erinnern, diese "Sperr-" oder "Hussglocke"seither einmal gehört zu haben. Sie ist gesprungen. Auch an einigen anderen Glocken gab es Schäden.

Turm war instabil

Ein Sachverständiger der Diözese hat das Geläut der Basilika 2012/13 begutachtet und den Reparaturbedarf ermittelt. Daran erinnert die Regensburger Architektin Carola Setz, unter deren Federführung die Basilika seit Jahren aufwendig saniert wird, im Gespräch mit der Redaktion. Bevor man sich um die Glocken von St. Martin kümmern konnte, musste aber zunächst der Turm gesichert werden. Untersuchungen hatten laut Setz ergeben, "dass die Festtagsglocke den Turm zum Schwingen bringt". Deshalb wird sie momentan nicht geläutet – nur zu Pfingsten gibt es eine Ausnahme. Abgesehen davon, dass der Turm grundsätzlich instabil war, spielt das Thema Schwingung eine große Rolle, wie die Architektin erläutert. "Jedes Bauwerk hat eine Eigenfrequenz, das merkt man gar nicht. Der Turm hat seine Frequenz, die Glocken habe ihre – das kann zu Problemen führen." Setz verweist auf das plakative Beispiel einer Brücke, die man durch Überschreiten im Gleichschritt zum Einsturz bringen kann.

Die Frequenz ist aber nur ein Thema. Ein anderes ist, dass es nicht reicht, die Glocken einfach nur in Bewegung zu bringen: "Wenn alle gleich schwingen, dann bedeutet das nur Lautstärke", erläutert Carola Setz – "es muss aber auch musikalisch passen. Die Glocken müssen so klingen, dass sie auch alle hörbar sind", und zwar jede mit ihrem individuellen Klang. Das ist tatsächlich gar nicht so einfach, sondern eine ziemliche Tüftelei, auch wenn man dabei heute Unterstützung durch Computer-Simualtionen hat, wie Kirchenpfleger Josef Beer anmerkt. Er spricht vom "musikalischen Fingerabdruck" jeder Glocke, der so aufeinander abgestimmt werden muss, dass alles perfekt harmoniert. Dabei spielen schließlich auch noch die Klöppel und die Aufhängungen eine Rolle.

Lieber Eiche als Stahl

Alle Glocken der Basilika bekommen im Zuge der Sanierung neue Klöppel, die speziell für sie gegossen werden. Und einige von ihnen werden auch neue Joche erhalten: So nennt man die die drehbar gelagerten Tragbalken, an denen sie hängen. Ursprünglich waren diese aus Eichenholz. Einige sind es auch heute noch, andere wurden in früherer Zeit durch Stahljoche ersetzt, von denen man sich eine längere Haltbarkeit versprach. Den Glocken an sich tue das aber nicht gut, erläutert Carola Setz – deshalb werden die Stahlkonstruktionen jetzt wieder durch Eichenjoche ersetzt: "Die tragen die Glocken besser, denn sie federn etwas. Das ist für alte Glocken deutlich besser als Stahl, der sie sehr beansprucht."

Kirchenpfleger Josef Beer ist längst der Glocken-Experte der Pfarrei, hat sich tief ins Thema eingearbeitet und im Januar auch ein Geheft erstellt, in dem er alle Glocken von St. Martin vorstellt. Neun sind es insgesamt, alle sind nummeriert und haben zusätzlich auch jeweils einen Namen. Sieben sind es in der unteren Glockenstube auf einer Höhe von etwa 45 Metern, über dem Dachfirst – sie bilden das Hauptgeläut der Basilika. Sechs von ihnen sollen schon bald wieder klingen. Etwas länger dauern wird es, auch die Glocke Nummer sieben, die Sperr- oder Hussglocke, zu reparieren "und wieder in den Läutebetrieb zu intergrieren". Momentan erklingen zu den Gottesdiensten wegen der laufenden Sanierung nur drei Glocken, wie Pfarrer Thomas Helm sagt: "Das ist für eine Basilika schon ein überschauberes Geläut."

Zwei Tafeln erinnern an den Bau von St. Martin

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Zwei Glocken mit Handbetrieb

Etwas weiter oben im Turm, in etwa 64 Metern Höhe, über der Uhr, gibt es noch eine zweite Glockenstube. Hier hängen zwei weitere, kleinere Exemplare, die nicht in das automatisierte Hauptgeläut integriert sind, weil sie per Hand bedient werden müssen. Die Glocke Nummer acht, die "Arme Sünderglocke", wurde früher bei Hinrichtungen geläutet, und zwar über ein Seil. Zum letzten Mal geschah dies am 18. September 1935. Daneben hängt die Glocke Nummer neun. Ihr Name, "Feuerglocke", zeigt schon, wozu sie diente: Der Türmer schlug sie einst über einen Zughammer an – bei Gefahr, insbesondere, wenn in der Stadt Feuer ausbrach, oder wenn Feinde nahten.

Das, was da grade im Glockenturm oder auch außerhalb, in den Werkstätten speziellen Firmen geschieht, klingt alles sehr teuer, ist es aber gar nicht: Rund 90.000 Euro kostet die Sanierung des Geläuts laut Pfarrer Thomas Helm: "Wir müssen ja keine Glocke gießen lassen, das wäre richtig teuer." Das Geld sei in jedem Fall gut investiert, meint Carola Setz. Schließlich sei das Geläut der Basilika, dessen älteste Glock von 1318 stammt, schon etwas ganz Besonderes. "Diese alten Glocken sind es wirklich wert, dass man sie saniert und auch ordentlich einstellt."

Die "Arme Sünderglocke" wurde früher bei Hinrichtungen geläutet. Glücklicherweise ist sie längst verstummt.
Pfarrer Thomas Helm an der Feuerglocke: Sie muss per Hand geläutet werden, was aber schon lang nicht mehr gemacht wird.
Neben der Festtagsglocke (links) hängt die Elferglocke. Sie hat früher um 11 Uhr zum Mittagsgebet gerufen – daher der Name. Momentan kann sie nicht läuten, sie ist noch abgehängt und ruht auf zwei Holzbalken.
Ungewöhnliche Perspektive: Hier schaut man von unten in einer der Glocken hinein.
Hintergrund:

Die Glocken der Basilika St. Martin Amberg

Neun Glocken hat die Basilika St. Martin Amberg. Sieben davon bilden das Geläut, das automatisiert betrieben wird, wegen der laufenden Sanierung derzeit aber nicht komplett ist: Momentan sind nur die Glocken 3, 4, 5 und 6 läutbar. Zu den Gottesdiensten erklingen 3, 4 und 6. Die beiden Glocken mit Handbetrieb (8 und 9) sind nicht eingebunden und werden auch nicht mehr geläutet. Kirchenpfleger Josef Beer hat ein Verzeichnis aller Glocken und ihrer Charakteristika verfasst:

  • Glocke 1: Festtagsglocke "Unseres Herrn Glocke". Gussjahr 1537, Durchmesser 1760 mm, Gewicht 3500 kg; Gießer: Hans III. Glockengießer, Nürnberg; Schlagton ho-2
  • Glocke 2: Elferglocke. Läutete ursprünglich zum Mittagsgebet, wegen des damals üblichen früheren Essens bereits um 11 Uhr; diese älteste Glocke der Basilika läutet an Sonntagen vor Beginn des Gottesdienstes, ist derzeit aber abgehängt/außer Betrieb. Gussjahr 1318, Durchmesser 1398 mm, Gewicht 1920 kg, Gießer: anonym, eventuell Nürnberger Schule; Schlagton dis1 +6
  • Glocke 3: Zwölferglocke. Läutet den "Engel des Herrn" täglich um 6 und 12 Uhr sowie abends je nach Jahreszeit zwischen 17 und 21 Uhr; Gussjahr 1515, Durchmesser 1162 mm, Gewicht 1000 kg; Gießer Hans II. Glockengießer, Nürnberg; Schlagton fis1 +4
  • Glocke 4: Vesperglocke. Läutete früher den Abend ein (Vesper: Abendlob in der Kirche). Wird auch "Wandlungsglocke" genannt, weil sie zur Wandlung in der Messe geläutet wird; Gussjahr 1399, Durchmesser 1148 mm, Gewicht 950 kg; Gießer Hans Bayr, Regensburg; Schlagton gis1 +6
  • Glocke 5: Sterbeglocke. Dient heute noch als Totenglocke; Gussjahr 1405, Durchmesser 890 mm, Gewicht 370 kg; Gießer unbekannt; Schlagton: c2 -5
  • Glocke 6: Messglocke. War beim Schweißen, Schlagring wurde aufgeschweißt. Gussjahr 152, Durchmesser 660 mm, Gewicht 190 kg; Gießer: Hans Stein, Amberg; Schlagton: fis2 -5
  • Glocke 7: Sperr- oder Hussglocke. Kündigte einst die Sperrstunde an und war ein Zeichen für die Handwerker, ihre Herdfeuer zu löschen. War wegen eines Sprungs nur noch mit Seil läutbar, aber mindestens 60 Jahre nicht mehr zu hören, deshalb Schlagton unbekannt; wurde geschweißt, soll mittelfristig wieder ins Geläut eingebunden werden. Gussjahr/Gießer unbekannt, Durchmesser 515 mm, Gewicht 90 kg
  • Glocke 8: Arme Sünderglocke. Wurde früher bei Hinrichtungen geläutet. Gussjahr 1897, Durchmesser 755 mm, Gewicht 290 kg; Gießer: Gebrüder Klaus, Heidingsfeld; Schlagton: c2 +4
  • Glocke 9: Feuerglocke. Schlagglocke mit Zughammer. Gussjahr 1529, Durchmesser 1010 mm, Gewicht 800 kg; Gießer: Hans Stein; Schlagton: g1 +2.
Im Blickpunkt:

Wann läutet welche Glocke in St. Martin Amberg?

  • Werktags zum Gottesdienst: 15 Minuten vor Beginn Messglocke, 5 Minuten vor Beginn Messglocke und Zwölferglocke
  • Pfarrgottesdienst am Sonntag: 15 Minuten vor Beginn statt Elferglocke derzeit Zwölferglocke, 5 Minuten vor Beginn statt Elferglocke derzeit Zwölferglocke und Messglocke
  • Sterbeglocke: Wird heute noch für etwa drei Minuten geläutet in dem Moment, wenn der Tod eines Pfarrei-Angehörigen durch Aushang bekannt gemacht wird.
  • Turmuhrglocken: Zwölferglocke schlägt die Viertelstunden und vor der vollen Stunde viermal, bevor die Festtagsglocke die Uhrzeit der vollen Stunde schlägt

 

 

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