15.06.2020 - 09:48 Uhr
AmbergOberpfalz

Das „Fräulein“ – Eine Dorfschullehrerin erzählt

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„In einem Dorf im Bayernland, da lebt uns allen wohlbekannt, da wohnt in seinem Häuschen klein das arme Dorfschulmeisterlein“. Margarete Jäkel vom Goglhof Eberhardsbühl kennt das Lied und kann Vergleiche ziehen. Sie war Dorfschullehrerin.

Das "Fräulein" (Margarete Jäkel) inmitten ihrer Kinder im Schulhof.
von Helga KammProfil

Auf dem grünen Bankerl vor ihrem Haus, dem Goglhof, kommt Margarete Jäkel ins Erzählen. Fast vierzig Jahre war sie Lehrerin an Dorfschulen, die meiste Zeit in Illschwang. „Mehrere Jahrgänge in einem Raum, die Schulen kirchlich geprägt, eine Dienstwohnung dritten Grades und ein Plumpsklo“ für alle“, beschreibt sie den ländlichen Schulalltag im Nachkriegsdeutschland. Aber auch eine recht heile Welt sei das gewesen, mit viel Zusammenhalt und großem Respekt vor dem Berufsstand des Lehrers. 1995 begann für sie der Ruhestand, da hatte der Wandel des Schulsystems auch längst das Dorf erreicht. Aus Illschwangs Dorfschule war eine Grund- und Mittelschule geworden.

Unbeschwerte Kindertage

Geboren ist Margarete Jäkel 1934 im Sudetenland. Noch heute erinnert sie sich an unbeschwerte Kindertage in Elbogen, dem heutigen Loket. Dann änderte der Krieg alles. Bombenangriffe in Berlin, die Flucht der Familie zurück nach Elbogen, Aussiedlung im August 1947, wechselnde Flüchtlingslager in Bayern. Als sie nach Jahren in Berlin zum zweiten Mal nach Bayern kam, war sie 15 Jahre alt, ging ins Deutsche Gymnasium in Amberg und machte dort Abitur. Ihr Berufswunsch war klar: sie wollte Lehrerin werden. Sie studierte zwei Jahre an der Lehrerbildungsanstalt in Amberg, die im Anschluss daran aufgelöst wurde. „Wir waren vier Mädchen und 24 Jungen; damals wollten im Vergleich zu heute noch viele Männer Lehrer werden“, beschreibt sie diese Jahre. Nach der Ausbildung folgten Praktika in verschiedenen Schulen in Amberg, Edelsfeld, Auerbach und Sulzbach. „Stadtschulen waren natürlich begehrt, ich bin aber in Sulzbach „nicht warm geworden“. Ihrer Idee, mit einer Kollegin die Schulen zu tauschen, stimmte Schulrat Grasser unter der Bedingung zu: „Sie können nach Illschwang, wenn Sie mindestens drei Jahre dort bleiben“. Und Margarete heute nachdenklich: „Daraus sind 37 Jahre geworden“.

Die „kloi“ und die „grouß Schul“

Illschwang war in den Jahren nach dem Krieg ein großer Schulsprengel, in dem 27 Ortschaften und Weiler zusammengefasst waren. Die Bauernkinder mussten teilweise fünf Kilometer weit zur Schule gehen, im Sommer in der Regel barfuß. „Aber sie konnten sich unterhalten, schauen, beobachten“, sagt Margarete Jäkel, „das fällt heute alles weg mit den Bussen“. Es gab die „kloi Schul“ für die ersten und zweiten Klassen und die „grouß Schul“ für die Älteren. Und natürlich gab es zwei Schulhäuser, streng getrennt nach Konfessionen. Auch die Erwachsenen lebten auf Distanz. „Illschwang war katholisch, die Dörfer ringsum alle evangelisch“, schildert Jäkel die damals schwierige Situation und zitiert den Rat ihres evangelischen Schulleiters: „Mit den Katholischen spricht man am besten nicht, das sieht die Bevölkerung nicht gern“.

Total unterschiedlich waren die Schulhäuser. Das katholische, 1948 gebaut, war für damalige Verhältnisse modern, hatte sogar ein richtiges WC. In Jäkels evangelischem Schulhaus dagegen gab es nur ein „Plumpsklo“, ein Stockwert tiefer als das enge Schulzimmer im ersten Stock. Der Lehrerin wurde eine „Dienstwohnung“ im Haus zur Verfügung gestellt, „dritten Grades“, erzählt Margarete, „ein Zimmer, Wasserhahn in einem anderen Raum, und natürlich auch das Freiluft-WC für alle“.

Nicht selten musste die junge Lehrerin in der „kloin“ und in der „groußn Schul“ unterrichten, wenn der Kollege ausfiel. Dann hetzte sie mittags ins Gasthaus Nägerl: „Die haben schon gewusst, dass ich schnell wieder weg muss“.Im Schuljahr 1962/63 wurde es besonders eng für das Fräulein: “Vier Jahrgänge, das waren 59 Kinder, musste ich zeitweise unterrichten, gleichzeitig und in einem Raum!“ Im Dorf war sie beliebt und angesehen, hat im Kirchenchor gesungen und wurde freundlich gegrüßt. „Gröis di God Frailein“ bekam sie oft von Illschwangern zu hören, und nicht selten wurde ihr eine „Schlachtschüssel“ von den Eltern ihrer Schüler ins Haus gebracht.

Waldfeste und Freizeiten für die Kinder

"Die Klassen waren groß damals", erzählt Jäkel, "28 bis 35 Kinder waren zusammen zu unterrichten." Das hieß es dann schon gehorchen. „Gerade sitzen und Hände auf den Tisch“, lautete die Anweisung des Fräuleins, „aber Tatzen gab es bei mir nicht“, stellt sie im Nachhinein klar. Sie habe viel gesungen mit den Kindern, Gitarre gespielt und außerhalb der Schule Flötenunterricht gegeben. Auch habe sie sich über Jahre hinweg bemüht, Buben und Mädchen zu Waldfesten auf der Hainsburg oder zu Freizeiten in Oed, Wildenreuth und Hirschbach zu bringen, „damit sie ein bißl was von den Ferien haben“.

Aber die Zeit von Klappstuhl und Tintenfass, Schiefertafel und Griffel ging auch in der Dorfschule von Illschwang zu Ende. Nachbarschulen in Bachetsfeld, Fürnried, Poppberg und Schwend wurden aufgelöst, die beiden Konfessionsschulen in Illschwang zu einer christlichen Gemeinschaftsschule zusammengelegt. Ein neues Schulhaus wurde gebaut, die Kinder kamen mit Bussen, die Lehrer mit ihren Autos. Margarete Jäkel bekam eine ordentliche Dienstwohnung und 1967 ihr erstes Auto, einen VW Käfer. „Zuletzt waren wir sechs bis acht Lehrkräfte“, erinnert sie sich, heute ist aus meiner Dorfschule eine Grund- und Mittelschule geworden“.

Heimatpfleger Josef Schmaußer plaudert im Goglhof über alte Zeiten

Eberhardsbühl bei Edelsfeld

Ihre Zeit als „Fräulein'“ beschreibt sie als eine bescheidene, aber zufriedene und im großen und ganzen heile Welt. Sie war gerne mit ihren Schulkindern zusammen und mochte auch deren oberpfälzer Dialekt. Einmal im Jahr, beim Kartoffelstecken im Frühjahr, habe sie den Kindern zuliebe versucht, in ihrer Mundart zu sprechen. Über ihren Vers „Steckst du mi im April, kummi wann i wüll. Steckst du mi im Mai, kumm i glei“, hätten sich alle halbtot gelacht. 1995 ging die Dorfschullehrerin Jäkel in den Ruhestand. Damit begann für sie ein neuer Lebensabschnitt auf dem Goglhof. Sie hat das alte Bauernhaus gekauft und zu einem Freilandmuseum umgestaltet. Seitdem wird dort bäuerliches Arbeiten und Leben in früherer Zeit anschaulich gemacht.

Kleines Museum:

Freundeskreis Goglhof

Wie es das Schicksal so will führte der Goglhof zwei ehemalige Lehrer-Kollegen zusammen. Der pensionierte Rektor Hermann Gnahn aus Sulzbach-Rosenberg war in den 1970er Jahren ebenfalls Lehrer an der Dorfschule in Illschwang. Fast vierzig Jahre später gründete er 2008 als Nachfahre eines früheren Besitzers den Freundeskreis Goglhof, einen Förderverein, der sich die Aufgabe setzt, das kleine Freilandmuseum in Eberhardsbühl als bedeutsames Baudenkmal zu erhalten und die Heimat- und Kulturpflege der Region zu bereichern. (hka)

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