11.02.2020 - 17:17 Uhr
AmbergOberpfalz

Ein Fressen für die "Galgenvögel"

Die öffentliche Hinrichtung dient den Bürgern zur Mahnung, ist aber auch ein Wirtschaftfaktor für die Stadt. Schaulustige kommen aus dem Umland, konsumieren, tätigen ihre Einkäufe.

Im Mittelalter war man fantasiereich: Es wurde gehängt, gerädert und aufs Rad gebunden, wie diese Bild aus der Schriftenreihe des Kriminalmuseums Rothenburg, „Justiz in alter Zeit“, zeigt.

Bis 1949 in Westdeutschland, in der ehemaligen DDR vermutlich bis 1981, war der Henker mit zeitlich sehr unterschiedlicher Auslastung ein gefragter Mann. Bei den mittelalterlichen Hinrichtungsarten waren der Fantasie keine Grenzen gesetzt.

Die Hinrichtung mit dem Schwert war die einzig ehrenhafte und daher vorzugsweise auch dem Adel vorbehalten. Nur mit dem Schwert Gerichtete durften in geweihter Erde, also auf dem Friedhof, begraben werden. Für alle anderen war der Ort der Hinrichtung, meist der Galgenberg, gleichzeitig Begräbnisstätte. Da ein nackter Frauenkörper nicht zur Schau gestellt werden durfte, war Hängen und Rädern vorzugsweise Männern vorbehalten. Sie blieben am Galgen oder auf dem Rad, bis der Körper von den "Galgenvögeln" gefressen war. Gleichzeitig diente die öffentliche Hinrichtung den Bürgern zur Mahnung.

Gottesurteile

Lebendig begraben, Spießen und Verbrennen galt vorzugsweise den Frauen. Ertränken war ein Gottesurteil. Ertrinkt die Delinquentin, war sie schuldig, blieb sie am Leben, hatte der Teufel die Hand im Spiel: Sie wurde ertränkt.

Gefängnisstrafen im heutigen Sinne waren bis Ende des 17. Jahrhunderts unbekannt. Ein Schwerverbrecher durfte maximal zwei Wochen, meist in einem Stadtturm, eingesperrt werden. Dann kam die Folter - Indizienprozesse kannte man nicht. Schuldig oder unschuldig: Auf der Folter gesteht (fast) jeder. Diese vollzog der Nachrichter in Amberg zum Beispiel anfangs im Lochgefängnis im Rathaus, seit Beginn des 18. Jahrhunderts in der Fronfeste.

"Ewiger Urlaub"

Es folgte die Beichte, die Henkersmahlzeit, oft das beste Essen im Leben des Verurteilten, und anschließend der Weg zum Galgenberg. Dieser führte in Amberg vorbei an der "Urlauberkapelle", denn nach der Hinrichtung gab es ewigen "Urlaub".

Die Hinrichtung wurde zum Schauspiel, einmal des (fragwürdigen) Unterhaltungswertes, zum anderen der Abschreckung wegen. Schließlich war jede Hinrichtung für die Kommune auch ein Wirtschaftsfaktor. Schaulustige kamen aus dem Umland, konsumierten, tätigten ihre Einkäufe.

Halsgeige und Schandmaske

Soweit zum Blutgericht. Weitaus häufiger waren die Strafen am Pranger und an der Breche. Es waren Ehren- und Körperstrafen, welche der Sühne und auch hier der Abschreckung dienen sollten. Noch relativ harmlos war das Tragen der Halsgeige oder der Schandmaske. Dies war meist Streitlustigen und Lästermäulern vorbehalten.

Eine beliebte Ehrenstrafe für Männer war das Wegnehmen des Gürtels. Schließlich hatte Mann damals keine Hosentaschen und trug Geldbeutel, Besteck, usw. am Gürtel. Der Stadtverweis war schmerzhafter. Die Körperstrafen, von der Prügelstrafe abgesehen, wurden oft spiegelbildlich vollzogen. Finger wurden abgeschnitten, wenn eine(r) einen Meineid schwor, die Hand wurde Dieben abgehackt. Dazu kamen Ohren oder Zunge abschneiden und Augen ausstechen. Die beliebteste Körperstrafe war wohl Ohren abschneiden - es war die einzige, bei der die Arbeitskraft erhalten blieb.

Im "Dockenhansl"

Vor allem in Amberg, einer Stadt, die im Mittelalter nie in kriegerische Auseinandersetzungen verwickelt war, konnte man Stadttürme auch als Kerker für kleinere Vergehen nutzen. So ist der bekannteste Stadtturm der "Dockenhansl". Benannt wurde er nach einem jungen Mann namens Hans, der sich Ende des 16. Jahrhunderts einmal nackt durch Ambergs Straßen bewegte. Vielleicht hatte er eine Mass Bier zu viel getrunken. Zur Strafe ließen ihn die Stadtoberen einige Tage im "Dockenhansl" einsperren. Hans war sein Name, das Schnitzen von Holzpuppen, sogenannten "Docken", sein Steckenpferd.

Dann gab es noch die Breche, für Kirchenstrafen vorbehalten. Diese folgten bei Gotteslästerung und bei Sittlichkeitsvergehen. Auch hier wurde oft zwischen Mann und Frau differenziert. So kamen Frauen in Regensburg gleich beim ersten Fehltritt auf die Breche, Männer durften dagegen mehrere Male "sündigen" und bekamen dann einen Stadtverweis.

"Pension" für Ehepaare

Apropos Stadtturm: Ein möglichst kleiner war über einige Tage "Pension" für streitende Ehepaare. Gemeinsam aß man dort aus einer Suppenschüssel. Es soll sehr heilsam gewesen sein. Was Grausamkeiten anbelangte, war man im Mittelalter erfinderisch, zum Beispiel auch mit Pfählen, Verbrennen und der "Bäckertaufe". Zum "Besseren", wenn dieser Begriff überhaupt gestattet ist, wandte sich die Gerichtsbarkeit erst im 17./18. Jahrhundert. Zwar blieb der Pranger, doch die Hinrichtung konzentrierte sich immer mehr auf das Schwert. (ddö)

Die Bekanntgabe des Todesurteils des Brandstifters Leopold Löw 1787 in Amberg.
Verschiedenste Foltermethoden werden anlässlich eines Theaterspiels hier auf Burg Dagestein bei Vilseck gezeigt.
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Stadtführung mit dem Henker

Die Stadt Amberg bietet eine Stadtführung „Mit dem Henker durch Amberg“ an. Der Rundgang führt an die Schauplätze der Gerichtsbarkeit in der Stadt, szenische Einlagen lassen die Teilnehmer in die Geschichte eintauchen. Treffpunkt ist um 19.30 Uhr am Eichenforstplatz beim Luftmuseum. Termine sind von April bis Oktober jeden dritten Freitag im Monat. Die erste Führung der Saison findet aufgrund des Karfreitags erst am 17. April statt.

Karten müssen in der Tourist-Information gekauft werden. Hier gibt es auch Informationen über die weiteren Termine (Telefon 09621/10-1239, E-Mail tourismus[at]amberg[dot]de, www.tourismus.amberg.de). Gruppenbuchungen sind ganzjährig möglich. (dt)

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