03.05.2020 - 12:53 Uhr
AmbergOberpfalz

Aus für Auslandsaufenthalte: Reisen mit abruptem Ende

Die mehrmonatige Reise ins Ausland ist lange geplant, die Flüge sind gebucht und Kontakte geknüpft. Die beste Zeit des Lebens bricht an - dann kommt der Lockdown. An Urlaub oder Arbeit in der Ferne ist nicht mehr zu denken. Und jetzt?

Lara Neller wollte ein halbes Jahr in Neuseeland reisen und arbeiten - dann kam Corona. Hier: Clay Cliffs Omarama (Südinsel)
von Andrea Mußemann Kontakt Profil

Der Auslandsaufenthalt nach dem Abschluss gehört für viele junge Menschen zum festen Lebensplan. Lara Neller (19) aus Amberg zog es für Work & Travel nach Neuseeland. Jan Herrmann (19) aus Schnaittenbach bewarb sich 2019 für einen Freiwilligendienst in Südafrika - und wurde genommen. Beide mussten ihre Auslandsaufenthalte unfreiwillig wegen Corona abbrechen.

Lara Neller hörte das erste Mal vom Coronavirus in einem Hostel in Christchurch. Dort putzte sie gegen Logis. Vier Wochen Neuseeland lagen da bereits hinter ihr, inklusive Städtetrips, Reisen durch einsame Gegenden, beobachten von Delfinen, Walen und einem zweiwöchigen Job in einer Fabrik, bei dem sie acht Stunden am Tag Muscheln öffnete. In Hostel wurde den Mitarbeitern gesagt, dass sie künftig Masken bei der Arbeit tragen sollen. "Das war Ende Februar. Im ganzen Land gab es sehr schnell Veränderungen." Zu diesem Zeitpunkt habe es schon keine Masken mehr zu kaufen gegeben. "Also haben wir Handschuhe getragen und geschaut, dass es so sauber ist wie möglich." Sie wollte ohnehin weiter, kaufte sich einen Camper, in dem man kochen und schlafen konnte. Allein ging es damit Richtung Süden. Bald wurde ihr klar, dass ihre Reise vom Coronavirus eingeholt wurde. Die ersten Campingplätze wurden bereits geschlossen. "Von anderen, die ich kennenlernte, hörte ich dann schon: Trag dich auf der Liste ein, damit du zurückgeholt wirst nach Deutschland. Da dachte ich mir noch: Wieso sollte ich zurück? Da gibt es doch viel mehr Fälle als in Neuseeland." Einen Tag vor dem Lockdown hatte die 19-Jährige den untersten Zipfel der Südinsel erreicht. Mittlerweile war sie mit Bekannten unterwegs. "Wir haben uns einen Parkplatz gesucht und wollten dort übernachten. Dann kamen Vertreter von Behörden. Sie meinten, wir können hier nicht bleiben. Wenn wir hier stehen bleiben, müssten wir das vier Wochen lang, ohne Klo, fließendes Wasser oder Dusche." Sie steuerten ein zwei Stunden entfernt liegendes Hallenbad an, das ihnen empfohlen wurde. Es würde Backpacker aufnehmen, hieß es. Dort angekommen öffnete aber niemand. Sie übernachteten wieder auf dem Parkplatz und beschlossen, am nächsten Tag weiterzureisen - trotz Lockdown. "Um zehn Uhr waren wir eine Minute unterwegs und wir hatten schon fünf Polizeiautos gesehen." Natürlich wurde die kleine Reisegruppe kontrolliert. Ihnen wurde gesagt, dass sie sich in die Listen zur Rückholaktion der Bundesrepublik eintragen müssen und bis dahin eine Unterkunft brauchen. Ihnen wurde 20.000 Dollar Strafe angedroht, falls sie weiterreisen. Lara Neller war klar: "So viel Geld hatten wir nicht. Also sind wir zurück nach Christchurch gefahren." Die verzweifelte Suche nach einem Hostel war dort letztendlich erfolgreich. In einer Einrichtung, die auch Obdachlosen Unterkunft gewährte, kam die Gruppe schließlich unter. 35 Deutsche warteten dort bereits auf einen Rückflug - alle in Quarantäne. Am Ende war nur noch eine fünfköpfige Gruppe übrig, darunter die Ambergerin. Am 9. April ging sie in der Früh zum Strand und war um halbelf wieder zurück. Um 11 Uhr kam der Anruf der deutschen Botschaft mit der Frage, ob sie in zwei Stunden am Flughafen sein könne. Sie konnte. Von Christchurch ging es über Vancouver nach Frankfurt und schließlich wieder zurück nach Amberg.

Auto trotz Lockdown verkaufen

"Ich hatte während des Lockdowns noch das Problem, dass ich mein Auto hatte, das ich irgendwie loswerden musste. Kein Laden war geöffnet, ich konnte es nicht verkaufen. Also habe ich einen Facebook-Aufruf gemacht." Am Ende verkaufte sie es für 900 Dollar, obwohl sie 2500 dafür bezahlt hatte. "Natürlich bin ich auch traurig, dass die Reise jetzt vorbei ist, doch es ist besser, dass ich daheim bin. Ich hätte nicht mehr reisen können und es wäre auch nicht sicher gewesen, wann ich wieder nach Hause fliegen hätte können." Ob sie den gebuchten Flug im Juli hätte nutzen können, sei ebenfalls nicht sicher gewesen. Als sie am Karfreitag in Deutschland landete, empfand sie die Situation als sehr locker. "In Neuseeland war alles sehr streng. Wir wurden am Flughafen nicht separiert, sind einfach durchgegangen. Richtig viele Eltern haben auf ihre Kinder gewartet. In Neuseeland war ich in vier Polizeikontrollen. In Deutschland in keiner." Zuhause angekommen musste sie eine zweiwöchige Quarantäne überstehen. Einen längerfristigen Plan hat sie trotzdem: "Eigentlich wollte ich so schnell wie möglich wieder nach Neuseeland. Aber vielleicht fange ich auch erst das Studieren an und gehe nach dem Studium wieder dorthin." Zurück will sie auf jeden Fall nochmal.

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Lara Neller wollte ein halbes Jahr in Neuseeland reisen und arbeiten - dann kam Corona. Hier: Clay Cliffs Omarama (Südinsel)

Das sieht auch Jan Herrmann so. Der 19-Jährige startete im September vergangenen Jahres mit dem Freiwilligendienst an einer Schule in Südafrika. Am 16. März wurde ihm mitgeteilt, dass das Weltwärts-Programm weltweit abgebrochen wird. Die Organisation versuchte, die Jugendlichen so schnell wie möglich zurückzuholen. "Es blieb nicht viel Zeit sich von meinem Einsatzort zu verabschieden. Da bereits einige Flüge ausgebucht und andere gecancelt waren, blieben uns knapp acht Tage." Die Schule, wo Jan Herrmann Sportunterricht gegeben hatte, war schon geschlossen.

Ursprünglich wollte er bleiben

Zwar hatte Jan Herrmann Anfang März aus den Medien vom Coronavirus erfahren, doch "in Südafrika war noch alles ruhig". Erst ab Mitte März gab es Einreiseverbot, der Arbeitsplatz fiel durch die Schulschließung weg, die Rückholaktionen starteten. Ursprünglich wollte er bleiben. "Mir wurde sehr stark davon abgeraten. Zu viel Risiko." Dabei hatte er schon so viele Hindernisse bewältigt. Der Freiwilligendienst war eine "krasse Erfahrung". Erst zwei Stunden vor Abflug kam sein Visum an, in der Wohnung selbst wurden Chemikalien gesprüht, um die Bettwanzen zu töten, seine Projektpartnerin, eine Asthmatikerin, musste daraufhin abbrechen. Deshalb hielt er den Sportunterricht zum Teil mit 70 Kindern allein. "Das war aber alles noch in Ordnung." Dann kam Corona.

"Ich bin sehr traurig über den Abbruch des Programms und vermisse Südafrika sehr. Es fühlt sich so an, als hätte man mich ohne jegliche Vorbereitung aus meinem aktuellen Leben gerissen." Sieben Monate Südafrika haben bei Jan Herrmann Spuren hinterlassen. "Noch immer bin ich in Gedanken oft vor Ort. Sobald es wieder möglich ist, werde ich mein zweites Zuhause auf dem afrikanischen Kontinent besuchen." Was er jetzt mit der neu gewonnenen Zeit hier anstellen wird, weiß er noch nicht. Ein Praktikum im Rettungsdienst hätte ihm gefallen, "doch das ist ja jetzt schwierig". Die Anmeldung für die Berufsoberschule ist zumindest schon ausgefüllt.

Zum Start des Freiwilligendienstes suchte Jan Herrmann Unterstützung

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