29.06.2020 - 13:12 Uhr
AmbergOberpfalz

Fuß auf der Bremse: Busreisen laufen langsam an

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Viele Reisebeschränkungen sind gefallen: Pünktlich zur Urlaubssaison geben die regionalen Busunternehmer wieder vorsichtig Gas. Zwar hat Corona vieles verändert – doch der „Urlaub im Kleinen“ könnte eine Chance für die Branche sein.

Nachdem auch Gruppen- und Vereinsfahrten in Bussen wieder erlaubt sind, kommen auf Fahrer wie Benno Kreuzer vom Ferien-Freund Bruckner besondere Aufgaben zu. Sitzpläne erstellen, Getränke mit Handschuhen ausgeben und regelmäßig rasten, um durchzulüften. Trotzdem sind die Fahrer froh, dass Busreisen endlich wieder möglich sind.
von Tobias Gräf Kontakt Profil

„Es wird allerhöchste Zeit, dass es wieder los geht. Unsere Fahrer jubeln.“ Horst Strobl, der Inhaber des gleichnamigen Busunternehmens in Amberg ist optimistisch gestimmt, dass es in der Coronakrise mit der Reisebranche langsam wieder aufwärts geht. Denn: Seit 22. Juni sind wichtige Lockerungen in Kraft, auch größere Busreisen mit Gruppen sind nun wieder möglich (siehe Infokasten unten). Doch der 56-jährige Unternehmer weiß auch: „Es ist ein kleiner Schritt zurück in die Normalität, aber es wird noch viele kleine Schritte bedürfen in diesem Jahr.“

Spreewald statt Italien

Strobl-Reisen will langsam ins Reisegeschäft zurückkehren. „Wir starten mit kleinen Tagesfahrten, am Wochenende ist die erste Fahrt mit Radanhänger ins Ruhrtal geplant und am Samstag fährt ein Bus zur Zugspitze.“ Sein Reiseangebot hat Horst Strobl umgestellt: „Das Elsass und Norditalien, die Corona-Hotspots der letzten Zeit, haben wir aus dem Programm genommen. Dafür stehen jetzt der Spreewald, Istrien und die Schweiz im Angebot.“ Ab August will Strobl im Ausland auch Wien und Prag wieder ansteuern und im Herbst die ersten Musical-Reisen anbieten.

Dennoch seien die angebotenen Bustouren „deutschlandlastig“. „Senioren sind unser Hauptklientel. Viele sind vorsichtig und halten sich noch zurück.“ Deshalb seien Tagesfahrten zum Wandern oder Radfahren in den Bayerischen Wald momentan gefragt. „Beim Wandern an der frischen Luft ist die Ansteckungsgefahr gering. Deshalb zieht der Aktiv-Bereich gerade an.“

Die Krise hat dem Amberger Unternehmer „100 Prozent Ausfälle“ beschert. „Unsere Busse haben gestanden und waren abgemeldet, die Fahrer in Kurzarbeit, selbst die Bürokräfte hatten fast nichts zu tun.“ Dass es dieses Jahr „das große Geschäft nicht mehr gibt“, weiß Strobl auch: „Im Juli haben wir normalerweise viele Schulausflüge und Fahrten von Abschlussklassen. Das fällt komplett weg.“ Sollte im Herbst eine zweite Welle kommen und ein neuer Lockdown nötig werden, ist das für Strobl existenzgefährdend. „Daran will ich gar nicht denken. Kommt eine zweite Welle, brauchen wir uns über Busreisen gar nicht mehr unterhalten.“

Vertrauen der Kunden wieder aufbauen

Dennoch erkennt Strobl in der Krise auch Potenzial, Kunden langfristig für die Busbranche zu gewinnen. „Wichtig ist den Reisenden, wieder sicher nach Hause zu kommen. Im Lockdown haben viele die Erfahrung gemacht, dass man mit dem Flieger vielleicht nicht zurückkommt.“ Busreisen seien da eine sicherere Alternative. „Die Leute müssen wieder Vertrauen fassen. Deshalb machen wir mehr Wander-Fahrten ins bayerisch-tschechische Grenzgebiet – ruhiger und anders Reisen, das wird die Zukunft der nächsten Monate.“

Die Leute müssen wieder Vertrauen fassen. Ruhiger reisen, das wird die Zukunft der nächste Monate.

Horst Strobl, Busunternehmer aus Amberg

Horst Strobl, Busunternehmer aus Amberg

Erst stückweise an den früheren Reisebetrieb herantasten will sich auch Peter Bruckner. „Ich bin zurückhaltend und vorsichtig“, sagt der Inhaber des Sulzbach-Rosenberger Busunternehmens Ferien-Freund. „Wenn ich eine Fahrt anbiete, dann muss das Hand und Fuß haben, denn der Gast soll sich an ein schönes Reiseerlebnis erinnern.“ Die ersten Fahrten vom Ferien-Freund und dem Amberger Tochterunternehmen Reichert wird es erst im August geben. „Wenn die Ferien begonnen haben, fangen wir mit Tagesfahrten an. Ziel sind dann auch Zoos und Freizeitparks.“ Auch Tagestrips an den Chiem- und Walchensee sowie nach München und Leipzig, später nach Prag, seien geplant. „Ab September machen wir wieder die ersten Mehrtagesfahrten nach Tirol“, informiert Bruckner.

Nachfrage "sehr zögerlich"

Die Nachfrage laufe bislang erst „sehr zögerlich“ an, sagt der 69-Jährige. Vereinsvorstände stünden vor dem Problem, dass sie einen ganzen Bus mit 50 Sitzplätzen gebucht haben, aber wegen der Pandemie jetzt die Hälfte der Mitglieder abgesagt haben. „Dann werden die Pro-Kopf-Kosten natürlich teurer. Aber wir sind bereit, in solchen Fällen den Vereinen entgegenzukommen“, kündigt Bruckner an.

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Amberg

Bruckner und Reichert haben zusammen 68 Busse und rund 90 Mitarbeiter, die meisten davon Fahrer. „Wir haben wegen Corona keine Kurzarbeit eingeführt und den Lohn voll weiterbezahlt. Die Krise hat uns als Betrieb zu einer Familie zusammengeschweißt und uns in den Augen der Mitarbeiter wohl auch als guten Arbeitgeber bestätigt“, sagt Bruckner, der auch Vorsitzender des Landesverbandes für Bayerische Omnibusunternehmer ist.

Dass Bruckner und Reichert auch im Schulbusverkehr aktiv sind, erwies sich in der Krise als Vorteil. Zwar hatten auch Schulen geschlossen, aber: „Wir haben mehrere Busse speziell für den Schulbetrieb vorgehalten. Das Kultusministerium hat sich kulant gezeigt und die Kosten für die Schulbusse übernommen.“

Cermak startet mit Fernbuslinie

Damit die 70 Mitarbeiter von Cermak-Reisen in Auerbach endlich wieder arbeiten können, dafür hat Firmenchef Günther Cermak sogar mit einem Bus an Demonstrationen in München und Berlin teilgenommen. „Am 17. Juni waren 1000 Busse in Berlin. Verkehrsminister Scheuer hat den Busunternehmen 170 Millionen Staatshilfe zugesagt“, berichtet der 66-Jährige. Cermak besitzt 42 Busse, darunter zwei Doppelstöcker, und ist im Fernbusverkehr tätig. „Wir sind Vertragspartner von Flixbus. Nächste Woche können wir endlich wieder unsere Verbindung Düsseldorf-Prag aufnehmen.“ Allein für die sechs auf der Linie eingesetzten Fernbusfahrer, die pro Jahr bis zu 250 000 Kilometer auf Achse sind, ist die Nachricht, dass Busreisen wieder möglich seien, laut Cermak „eine erlösende Nachricht“ gewesen.

Verkehrsunternehmer-Peter Bruckner aus Sulzbach-Rosenberg ist froh, dass das Abstandsgebot von 1,5 Metern in Bussen aufgehoben wurde. Erst so ist ein kostendeckender Betrieb möglich. Erste Tagestouren sind ab August geplant.

Ursprünglich habe das Jahr gut begonnen, sagt der Auerbacher Firmenchef. „Im Januar dachten wir, 2020 wird eine tolle Saison. Wir waren bis Oktober ausgebucht.“ Danach kam alles anders. Es fuhren kaum mehr Busse, doch die Kosten blieben hoch. „Die Leasinggebühren für die Busse liefen weiter, und ein Bus, der nicht bewegt wird, kriegt Standschäden.“ Cermak hofft nun, „dass sich die Reiselust der Oberpfälzer enorm steigert. Man soll ja auf Auslandsreisen nach Möglichkeit verzichten und in Deutschland bleiben.“ Das passende Programm dafür hätte Cermak schon parat: Im Sommer sollen der Bodensee, Rügen und die Mecklenburgische Seenplatte angefahren werden.

Schon vor Corona kämpfte das Amberger Busunternehmen Corona ums Überleben.

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Busreisen in Coronazeiten – Klare Auflagen:

Alle Sitzplätze nutzbar, aber kein Alkoholverkauf

Seit 22. Juni gelten in Bayern im Flugzeug, Zug, Fern- und Reisebus die gleichen Corona-Auflagen. Wie Peter Bruckner, Bezirksvorsitzender des Landesverbands Bayerischer Busunternehmer aus Sulzbach-Rosenberg informiert, können im Bus wieder alle Plätze genutzt werden, wenn die Fahrgäste auch während der Fahrt Maske tragen. Zuvor musste 1,5 Meter Sicherheitsabstand gehalten werden. Weil damit ein wirtschaftlicher Betrieb von Bussen nicht möglich war, hatten sich Busbetreiber benachteiligt gefühlt und eine Klage erwogen.

Welche Auflagen gelten während der Fahrt? Durch den Wegfall der Abstandsregel sind auch Gruppen- und Vereinsfahrten wieder möglich. Vor dem Einstieg müssen Gäste die Hände desinfizieren und die Maske aufsetzen. Bei durch das Busunternehmen geplanten Touren werden Sitzpläne erstellt. „Wir weisen jedem Gast einen festen Platz zu, damit im Falle einer Infektion nachweisbar ist, wer neben wem saß“, sagt Bruckner.

Der Verkauf von Speisen ist im Bus verboten, Getränke dürfen nur vom Fahrer mit Handschuhen ausgegeben werden. Alkohol ist tabu, um besonders bei Vereinsfahrten alkoholbedingte Regelverstöße zu verhindern. Die Toiletten bleiben gesperrt – „mit Ausnahme absoluter Notfälle“, so Bruckner. Zudem muss jeder Bus alle zwei Stunden für mindestens 15 Minuten stoppen, damit bei der Pause gut durchgelüftet werden kann. Die meisten Busse verfügen aber laut Bruckner über moderne Klimaanlagen mit Filtern, so dass „ein optimaler Luftaustausch immer gewährleistet ist.“

Kommentar:

Überfällige Gleichberechtigung in der Reisebranche

Bei Vereinsfahrten wird im Bus gerne mal mit dem Bier angestoßen. Und wer sein Abi in der Tasche hat, begibt sich oftmals mit der ganzen Klasse feiernd mit dem Bus zur Abschlussfahrt nach Spanien. Doch solche Partyreisen wird es dieses Jahr sicher nicht geben. Der Grund dafür liegt auf der Hand: Wer betrunken ist, den interessieren die Corona-Regeln reichlich wenig.
Dass die Auflagen streng sein werden, war folglich zu erwarten. Dennoch war die Entscheidung, auch Gruppenreisen mit Bussen wieder zuzulassen, überfällig. Sie bedeutet Gleichberechtigung in der Reisebranche. Denn die Regel, dass in Zug und Flugzeug Passagiere dicht nebeneinander sitzen dürfen, in Bussen aber nicht, war nicht zu rechtfertigen.

Tobias Gräf

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