06.11.2020 - 08:58 Uhr
AmbergOberpfalz

Gastro-Finanzhilfen: Vieles ist Wirten in Amberg noch immer unklar

Kaum eine Branche fühlt sich wegen des aktuellen Lockdowns mehr benachteiligt als die Gastronomie. Zwar hat die Bundesregierung finanzielle Hilfen angekündigt, doch das verbessert die Laune kaum. Denn es gibt ein Problem.

Kein Lieferservice und auch kein Abholdienst: Gerhard Schmidkonz vom Schloderer-Bräu (Bild) hat sich entschieden, im November komplett zu schließen.
von Thomas Kosarew Kontakt Profil

Matthias Seliger ist laut eigenen Angaben mit einem blauen Auge durch den ersten Lockdown gekommen: Der Geschäftsführer der L'Osteria Amberg und Neumarkt habe an beiden Standorten keinen der insgesamt 65 Angestellten kündigen müssen: "Wir hatten ein gutes Polster, von dem wir zehren konnten." Das im April und Mai genutzte Instrument der Kurzarbeit und der Aufbau eines Lieferservices hätten geholfen, die Krise einigermaßen zu überstehen. Aktuell stelle sich die Situation trotz der angekündigten Staatshilfen etwa anders dar: "Wir sind ohne Rückstände aus dem ersten Lockdown raus, aber dafür haben wir jetzt kein größeres Polster mehr." Zudem kosteten die sechs Lieferautos und die Umsetzung des vorgeschriebenen Hygienekonzepts nicht gerade wenig: "Wir haben dafür richtig viel Geld ausgegeben."

Und nun das: Die Gastronomie muss schließen, während der Einzelhandel offen bleiben darf: "Ich finde das furchtbar." Was Seliger besonders stört ist die Tatsache, dass er selbst am vierten Tag nach Beginn des Lockdowns nicht weiß, wie es um die angekündigten Finanzhilfen von 75 Prozent des November-Umsatzes von 2019 bestellt ist, denn allein das Wort Umsatz sei in diesem Zusammenhang eher falsch: "Wenn, dann können damit nur die Netto-Einnahmen gemeint sein."

Wann er wie viel Geld bekommt, kann der Gastronom zur Stunde nicht sagen: "Weil kein Mensch weiß, was tatsächlich auf uns zukommt. Die Meldungen überschlagen sich und wir haben dennoch keine Planungssicherheit." Seliger meint damit zum Beispiel Nachrichten der Gastro-Fachpresse, wonach die Möglichkeit bestehe, einzelne Bundesländer könnten den 75-Prozent-Wert nach oben oder unten korrigieren: "Man kann das überhaupt nicht einschätzen, weil einem keiner sagt, wie es ist."

Wir sind ohne Rückstände aus dem ersten Lockdown raus, aber dafür haben wir jetzt kein größeres Polster mehr.

Matthias Seliger, Geschäftsführer L'Osteria Amberg und Neumarkt

Matthias Seliger, Geschäftsführer L'Osteria Amberg und Neumarkt

Keine belastbaren Aussagen

Zwar soll es laut aktuellen Berichten eine Einigung geben, beispielsweise darüber, dass Einnahmen aus dem Lieferdienst- beziehungsweise dem Außer-Haus-Geschäft während der verordneten Restaurantschließungen nicht auf die Corona-Hilfen angerechnet werden sollen, allerdings fehlten immer noch offiziell bestätigte und belastbare Aussagen - Sicherheit, die die Gastronomie gerade dringend benötige.

Ein weiteres Thema, das Matthias Seliger ebenfalls sehr am Herzen liegt: "Gerade die Senkung der Mehrwertsteuer war eine Maßnahme, die uns Gastronomen in den vergangenen Monaten sehr geholfen hat. Eine Verlängerung der Mehrwertsteuersenkung für die Gastronomie wäre deshalb für mich und sicherlich sehr viele andere Gastronome äußerst wünschenswert und würde uns helfen, Verlorenes wieder aufzuholen."

Auf einen Lieferdienst, wie ihn Matthias Seliger betreibt, verzichtet Gerhard Schmidkonz ganz bewusst. Wenn sein Lokal Schloderer-Bräu regulär offen hat, seien Küche und Personal so gut beschäftigt, dass Bestellungen von außen den Ablauf nur durcheinanderbringen würden: "Wenn ich so schon keinen Lieferdienst habe, mache ich doch auch keinen nur für vier Wochen. Das kann ich seinlassen." Schmidkonz sagt aber auch: "Wir repräsentieren sicher nicht die ganze Gastronomie." Der Schloderer habe mehrere und größere Räume zur Verfügung. Folglich sei es leichter gefallen, die Abstandsregeln einzuhalten und Geld zu verdienen: "Wir können von Glück sprechen. Wir kommen gut durch diese vier Wochen." Zumal noch Reserven für Dezember und Januar vorhanden seien: "Gerade in einer Branche wie der Gastronomie muss man auch mal zwei oder drei Monate überbrücken können." Deswegen sei es für ihn auch möglich gewesen, das Kurzarbeitergeld seiner 30 Angestellten auf 100 Prozent aufzustocken. Jetzt aber hat der Schloderer komplett geschlossen und wartet auf die staatlichen Hilfen: Auch da fahre der Betrieb gut, weil der Vergleichsmonat November 2019 ein umsatzstarker gewesen sei: "Wir werden auf unser Geld kommen." Doch die Antragstellung sei gar nicht so einfach, sagt Ehefrau Heidi. Niemand wisse über das Prozedere Bescheid: "Ich habe nur gehört, dass man den Antrag über den Steuerberater stellen soll und dass das relativ zügig geht." Doch: Ihr Steuerberater habe sie am 3. November wissen lassen, dass das noch gar nicht möglich sei.

Franz Kummert, Geschäftsführer der gleichnamigen Brauerei-Gaststätte, kann auch nicht viel mehr zur Aufklärung beitragen, obwohl er sich in Kontakt mit dem Hotel- und Gaststättenverband befindet: "Die machen echt einen super Job, aber selbst sie wissen noch nichts Konkretes, weil noch nichts Konkretes beschlossen worden ist." Das werde und müsse aber in den nächsten Tagen der Fall sein, denn: "Es dürfte ein Problem werden, wenn ein Großteil der Betriebe im November nicht mit Geld versorgt wird."

Es dürfte ein Problem werden, wenn ein Großteil der Betriebe im November nicht mit Geld versorgt wird.

Franz Kummert, Geschäftsführer Brauerei-Gaststätte Kummert

Franz Kummert, Geschäftsführer Brauerei-Gaststätte Kummert

Die Ankündigung der Bundesregierung, mit 75 Prozent des Umsatzes des Vorjahresmonats zu helfen, findet Kummert grundsätzlich gut: "Das kann für viele den November schon gut abpuffern." Der eine Betrieb werde sicher mehr davon profitieren als der andere, aber unter dem Strich gelte: "Für die meisten sollte sich das im Normalfall schon ausgehen." Die Alternative, die Gastronomie wie im Oktober offen zu lassen, wäre nicht zwangsläufig besser gewesen, denn: "Wir hätten nie im Leben die Umsätze von November 2019 geschafft." Deswegen seien die 75-Prozent-Zahlungen "schon in Ordnung". Vorausgesetzt, sie fließen.

Während Matthias Seliger, Gerhard Schmidkonz und Franz Kummert noch auf die Staatshilfen warten, weiß Randell Barchuan Ibrahim noch gar nicht, ob er und seine Familie überhaupt einen Anspruch haben. Ihr neues Speiselokal "Palma Esst & Trinkt" sollte im Frühjahr in der Regierungsstraße öffnen. Wegen der Corona-Pandemie und der ab März geltenden Ausgangsbeschränkungen wurde daraus der 23. Juni: "Wir haben bis dahin keinen Cent verdient. Wir hatten nur Ausgaben." Soll heißen: Der Familie ist es nicht möglich, einen Vergleichswert von 2019 zu liefern. Selbst einen Umsatz aus einem anderen x-beliebigen Zeitraum gibt es nicht: "Wir haben bisher keinen Monat ohne Corona. Wir sind am schlimmsten betroffen, denn 75 Prozent von null sind null. Wie sollen wir das machen?" Zumindest habe eine Steuerberaterin versprochen, sich darum zu kümmern.

Wir sind am schlimmsten betroffen, denn 75 Prozent von null sind null. Wie sollen wir das machen?

Randell Barchuan Ibrahim vom neuen Speiselokal „Palma Esst & Trinkt“

Randell Barchuan Ibrahim vom neuen Speiselokal „Palma Esst & Trinkt“

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