29.10.2020 - 17:23 Uhr
AmbergOberpfalz

Vier Wochen November-Lockdown in Amberg: "Z'amreissn"

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Der Schritt deutete sich seit einigen Tagen an, dennoch löst der neue Teil-Lockdown auch in Amberg Schockwellen aus. Die Stimmung in der Stadt schwankt zwischen Verständnis und Verzweiflung.

Das Café Zentral hat - wie viele andere Gastronomien - seinen Außenbereich auf dem Amberger Marktplatz neu gestaltet, um auch im Corona-Winter Gäste bewirten zu können. Doch das nützt nichts. Der Lockdown kommt im November.

Von Thomas Kosarew, Andreas Ascherl, Uli Piehler und Andrea Mußemann

Noch zwei Tage, dann heißt es wieder: Daheim bleiben. Das trifft die Gastro-, Kultur- und Freizeitbranche hart. Auch in Amberg.

Gastronomie ausgebremst

Für die Amberger Gastronomen kommt der Lockdown nicht überraschend. Der Hotel- und Gaststättenverband hat seine Mitglieder vorgewarnt. Trotzdem trifft es die Wirte hart. Für Robert Schaarschmidt, Chef von Robert's Trattoria Bavaria, sind November und Dezember eigentlich die "umsatzstarken Monate". Noch im vergangenen Jahr gingen in der gemütlichen Kneipe auf zwei Stockwerken 26 Weihnachtsfeiern über die Bühne. Heute kann der Wirt nur mit den Schultern zucken und auf die Förderungen hoffen. "Dass man alles schließt, finde ich nicht in Ordnung. Wir haben jetzt investiert und alle Auflagen erfüllt." Auch die soziale Komponente sei nicht zu unterschätzen. "Es kommen viele Ältere täglich zum Frühstücken." Der soziale Austausch breche komplett weg.

Wir haben alle Auflagen erfüllt und Geld in die Hand genommen und werden jetzt, in der umsatzstarken Zeit, ausgebremst.

Robert Schaarschmidt

Robert Schaarschmidt

Ein paar Meter weiter, im Café Zentral am Amberger Marktplatz, appelliert Herbert Hottner an die jungen Leute: "Die Frage ist, ob die jetzt alle daheimbleiben? Wenn wir hier schon zusperren, hoffe ich, dass sie das Signal verstehen und auch wirklich daheimbleiben." Er sagt: "Z'amreissen, damit das was wird mit Advent und Weihnachten." Mit Trennwänden und Heizkörpern sei das Café darauf vorbereitet. Erst vergangene Woche wurde der Außenbereich aufgerüstet. Trotzdem bleibt Hottner positiv und setzt große Hoffnung in die finanziellen Hilfen der Regierung. Er plant, seinen Angestellten davon etwas zugute kommen zu lassen. "Wir brauchen sie danach wieder."

Es fällt schwer hurra zu schreien. Aber man versteht es natürlich. Gesundheit geht vor.

Herbert Hottner

Herbert Hottner

Hoteliers sind am Verzweifeln

Gerald Stelzer, Geschäftsführer des Hotels Fronfeste, kann einfach nicht verstehen, warum er ab 2. November zwar noch Geschäftsreisende beherbergen darf, nicht jedoch Privatleute. "Da haben sich die Leute Sachen gekauft, um dem Hygienekonzept entsprechen zu können, und jetzt ist alles sinnlos", sagt Stelzer. Wegen Corona wurde im Hotel Fronfeste sogar der Frühstücksraum noch einmal gründlich umgebaut. "Weil wir das Konzept einhalten, ist es schon sehr schwierig, dass sich überhaupt jemand anstecken kann." Stelzer gibt offen zu, dass sich das Geschäft nach dem Lockdown des Frühjahrs sehr gut erholt hatte. "Wir hatten wirklich eine sehr gute Auslastung, sehr viele Radfahrer." Rund 90 Prozent machen bei ihm die Privatübernachtungen aus, nur zehn Prozent sind geschäftlicher Natur. "Seit gestern läuft bei uns ein Storno nach dem anderen ein", beschreibt er die Reaktion seiner Kunden auf die Ankündigung der Bundeskanzlerin.

Seit gestern läuft bei uns ein Storno nach dem anderen ein.

Gerald Stelzer

Gerald Stelzer

OTH-Studenten gehen ins Homeoffice

Die Ostbayerische Technische Hochschule (OTH) Amberg-Weiden stellt den Vorlesungsbetrieb ab Montag in weiten Teilen wieder auf digitale Kommunikation um. Grund sei einfach die Tatsache, dass viele der Studierenden und Mitarbeiter aus unterschiedlichen Regionen einpendeln, erläutert OTH-Präsidentin Andrea Klug. "Für die digitale Lehre sind wir gut vorbereitet", zeigt sie sich zuversichtlich. "Lehrveranstaltungen, Abschluss- und Projektarbeiten, für die unsere Labore und PC-Pools unbedingt notwendig sind, werden wir weiterhin vor Ort durchführen." Dabei soll – wie bisher – auf die Hygieneregeln geachtet werden. "Unsere Maßnahmen sollen unserer aller Schutz dienen und wir leisten als Hochschulfamilie unseren Beitrag für die notwendige Verringerung der Kontakte."

Das Wintersemester 20/21 begann mit Einschränkungen

Amberg

Musiker: Sowieso keine Auftritte

Der Amberger Gitarrist Michael Dandorfer sagt: "Weniger als keinen Auftritt kann man nicht haben." Schon lange vor der offiziellen Bekanntgabe des zweiten Lockdown wurden reihenweise Veranstaltungen abgesagt. "Der nächste geplante Auftritt ist im Mai." Dass er weiterhin Unterricht geben kann, sei sein "großes Glück". Bei vielen Berufsmusiker-Kollegen sehe die Situation anders aus. Manche würden sich jetzt einen anderen Job suchen wollen. "Künstler bräuchten dringend ein Grundeinkommen", fordert Michael Dandorfer.

Weniger als keinen Auftritt kann man nicht haben.

Musiker Michael Dandorfer

Musiker Michael Dandorfer

OB: Lockdown ist richtig

Ambergs Oberbürgermeister Michael Cerny empfindet sicher keine Freude, wenn jetzt wieder ein Teil-Lockdown kommt. "Aber leider ist es richtig, ihn jetzt zu machen", sagt er. Denn die Ausgangslage sei klar: Laut Aussage der Bundeskanzlerin müssen wir alle unsere Kontakte auf rund ein Drittel senken. Wenn man nun Wert auf das Funktionieren, der Schulen, der Kindergärten und der Wirtschaft lege, dann sei damit dieses Drittel schon erreicht. "Alles andere führt einfach über dieses Drittel hinaus." Natürlich versteht Michael Cerny die Enttäuschung der Gastwirte, der Hoteliers und der Freizeiteinrichtungen, die viel Zeit, Mühe und Geld in ein funktionierendes Hygienekonzept gesteckt haben. Von daher sei es auch sehr wichtig, dass deren mit dem Teil-Lockdown verbundenen Umsatzeinbußen aufgefangen werden müssten. "Aber wenn es die nicht gewesen wären, dann wären eben andere betroffen", zeigt er auf, dass die jetzt beschlossenen Maßnahmen für ihn unverzichtbar sind.

"Vier Wochen ist ein realistischer Zeitrahmen, um Corona vielleicht in den Griff zu kriegen", hofft der OB. Und die Gastronomen könnten mit ihrem jetzt erarbeiteten Konzept auch im Winter Geld verdienen. Ein wenig Kritik äußert Michael Cerny aber auch in Richtung der Leute, die den Sommer über bis an die Grenzen des erlaubten Rahmens gegangen sind. "Alles, was erlaubt war, wurde auch ausgenutzt", sagt Cerny. Da wäre ein bisschen Zurückhalten vielleicht besser gewesen. Trotzdem fordert der OB die Amberger auf, jetzt nicht in Panik zu geraten: "Kaufen Sie bitte nicht die Weihnachtsgeschenke jetzt schon im Internet", appelliert er an die Bürger, die Amberger Innenstadt zu unterstützen. Und er hofft auf die Solidarität, die uns im Frühjahr durch die erste Welle der Pandemie getragen hat.

Ambergs Oberbürgermeister Michael Cerny (CSU) hat durchaus Verständnis für den kommenden Teil-Lockdown. Er appelliert an die Bürger, wieder die Solidarität aus der ersten Corona-Welle zu zeigen und sich beispielsweise Essen bei Amberger Wirten zu bestellen.

Kulturreferent: "Wir machen das Beste draus"

Auch das Kulturprogramm der Stadt Amberg ist direkt betroffen vom November-Lockdown. "Es war zu erwarten, aber es tut trotzdem weh", sagt Kulturreferent Fabian Kern. "Wir müssen halt jetzt umdisponieren", schaut er in die kommenden Wochen. Wobei er die Notwendigkeit des Lockdowns überhaupt nicht in Frage stellt. Eine Alternative hätte es seiner Ansicht nach nicht gegeben. "Was hätten wir denn stattdessen machen sollen?". Fabian Kern ist auf der anderen Seite optimistisch: "Wir haben doch gezeigt, dass es geht", appelliert er an unser aller Durchhaltevermögen. Im Kulturreferat heißt es jetzt: umplanen. Veranstaltungen, die jetzt ausfallen, sollen auf jeden Fall nachgeholt werden, damit die Künstler ihr Geld bekommen. Wichtig sei es auch, die angekündigten Fördermöglichkeiten des Bundes für die Künstler umzusetzen.

Es war zu erwarten, aber es tut trotzdem weh.

Fabian Kern

Fabian Kern

Fitness-Studios: "Verzweiflungstat der Politik"

Fernando Penzo, der Studioleiter von Fit 24 am Bergsteig, spricht von einem ewigen Hin und Her. Erst Studioschließung, dann Neustart unter strengen Auflagen und ab Montag wieder verschlossene Türen: "Wir haben irgendwo damit gerechnet, aber es hieß immer, es wird keinen zweiten Lockdown geben. Jetzt haben wir ihn aber." Das Vertrauen in die Politik sei deswegen "in dem Sinn nicht mehr vorhanden", denn: "Es gibt kein einziges Fitness-Studio, das ein Hotspot gewesen wäre. Für mich sieht das eher nach einer Verzweiflungstat der Politik aus." Penzo fügt im selben Atemzug mit Blick auf die Mitglieder hinzu: "Ich gehe davon aus, dass es Kündigungen geben wird." Was den Studioleiter besonders ärgert: "Wir halten die Hygienevorschriften genauestens ein. Auch die Leute sind sehr diszipliniert. Ich empfinde das jetzt schon etwas als Strafe."

Es gibt kein einziges Fitness-Studio, das ein Hotspot gewesen wäre.

Fitness-Studio-Leiter Fernando Penzo

Fitness-Studio-Leiter Fernando Penzo

Keine Begeisterung beim Kufü-Chef

Nein, Stephan Prechtl, der Geschäftsführer der Stadtwerke ist sicher nicht begeistert davon, nur knapp drei Wochen nach der Wiedereröffnung Anfang November das Kurfürstenbad wieder für einen Monat zusperren zu müssen. "Es ist sehr bedauerlich und für uns nur sehr schwer nachzuvollziehen", sagt er. Unter anderem erinnert Prechtl daran, dass es bisher galt, dass die Ansteckungsgefahr im Chlorwasser ohnehin sehr, sehr gering ist. Zusätzlich sei ein umfangreiches Hygienekonzept erarbeitet und auch umgesetzt worden, um wieder öffnen zu können. "Und jetzt werden wir wieder geschlossen." Es geht im Kufü ja nicht nur um den Spaß allein, gibt der Geschäftsführer der Stadtwerke zu bedenken. Viele Leute würden die Sauna oder das Schwimmen ja als Gesundheitsvorsorge nutzen. "Denen wird jetzt die Grundlage entzogen." Prechtl wird sich wie seine Bäder-Kollegen auch wohl abfinden müssen mit der Situation. Verstehen kann er sie aber nicht. "Erst machen wir zu, dann machen wir wieder auf, dann machen wir zu, wieder auf – das begreift keiner."

Erst machen wir zu, dann machen wir wieder auf, dann machen wir zu, wieder auf – das begreift keiner.

Stephan Prechtl

Stephan Prechtl

AZ-Redakteur Markus Müller will trotz des Lockdowns keine Trübsal blasen

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