28.02.2020 - 09:02 Uhr
AmbergOberpfalz

Gefährlicher Kick: Süchtig nach Sportwetten

Kahn, Kimmich, Podolski - sie alle werben für Sportwetten-Anbieter. Einen jungen Amberger haben seine Einsätze in eine Sucht getrieben. Nach fünf Jahren hat er zum Spielen aufgehört - und muss nun seine Schulden abstottern.

Sport und Wetten - das gehört seit vielen Jahren schon zusammen. Und führt immer wieder Menschen in eine Sucht.
von Christopher Dotzler Kontakt Profil

Es ist so verlockend. Wenige Mausklicks oder der Griff zum Smartphone genügen, um Sportwetten zu platzieren. Und Deutschlands Fußball-Ikonen machen es den potenziellen Spielern schmackhaft. Auf einem Plakat mit Torwart-Titan Oliver Kahn ist zu lesen: "Ihre Wette in sicheren Händen." Über einem Porträt von Lukas Podolski steht: "Mailand der Madrid - Hauptsache XTIP". In den Halbzeitpausen von Bundesligaübertragungen preisen Joshua Kimmich und Co. in pathetischen Werbespots die Wettanbieter an.

Trotz Online-Konkurrenz: Immer mehr Wettbüros

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Für einen jungen Amberger waren die Verlockungen irgendwann zu groß. Vor fünf Jahren beginnt er kleine Beträge zu setzen. 5 Euro. 10 Euro. Er wettet darauf, wie ein Fußballspiel endet, wie viele Ecken es dabei geben wird oder welche Kugel beim Snooker als nächstes fällt. Hin und wieder gewinnt der junge Mann kleine Geldbeträge. Das habe ihn gepuscht, sagt er - und führt dazu, dass er einem Irrglauben aufsitzt: "Ich wollte schnell Geld verdienen, ohne arbeiten zu gehen."

Eine Ambergerin erzählt von ihrer Spielsucht

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"Warum höre ich auf?"

Irgendwann bleiben die kleinen Gewinne aus. Die Verluste will sich der Amberger wieder zurückholen und setzt mehr Geld. Ein im wahrsten Sinne des Wortes gefährliches Spiel. Der junge Mann macht insgesamt 2000 Euro Miese, dann 3000 Euro und schließlich immer mehr. Irgendwann verbucht er doch wieder einen größeren Gewinn, konkrete Zahlen will er nicht nennen. "Ich habe mir gedacht: Eigentlich kann ich es ja. Warum höre ich auf?", erzählt der heute 20-Jährige bei einem Gespräch.

Er hat rechtzeitig die Bremse reingehauen. Bei vielen Süchtigen sind Abwärtsspiralen über 10, 12 oder 15 Jahre nicht unüblich.

Johannes Karl, Psychologe bei der Fachambulanz für Suchtprobleme in Amberg über einen jungen Sportwetten-Süchtigen

Johannes Karl, Psychologe bei der Fachambulanz für Suchtprobleme in Amberg über einen jungen Sportwetten-Süchtigen

Zwar hört er in den vergangenen fünf Jahren immer wieder auf zu spielen. Aber er fängt auch immer wieder an. Er ist süchtig nach Sportwetten. Vor einigen Wochen entscheidet er sich für einen harten Cut. Auf diversen Internetseiten lässt er sich sperren. Den Eltern beichtet er im Oktober am Telefon von seiner Sucht. Mama, Papa und Sohn weinen. Der junge Mann sucht Hilfe bei der Caritas-Fachambulanz für Suchtprobleme in Amberg.

Betreiber klagen gegen Auflagen

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Dort arbeitet der Psychologe Johannes Karl. Über den jungen Mann sagt Karl: "Er hat rechtzeitig die Bremse reingehauen. Bei vielen Süchtigen sind Abwärtsspiralen über 10, 12 oder 15 Jahre nicht unüblich." Ohne, dass er die Probleme des Ambergers kleinreden will, sagt der Psychologe: "Es gibt deutlich dramatischere Schicksale." Das reiche bis hin zu Menschen, die wegen ihrer Sucht selbstmordgefährdet sind.

In die Fachambulanz kommen vor allem Alkoholiker, aber auch Drogenabhängige. Einige freiwillig, andere bekommen den Besuch vom Gericht auferlegt. Der Anteil der Spielsüchtigen beläuft sich in Amberg auf 6,3 Prozent. Bei 600, 700 Klienten leiden etwa 40 an Spielsucht. "Sportwetten-Süchtige gibt es relativ wenige", erklärt Karl. Aber vor allem die Live-Wetten bergen nach Meinung des 31-Jährigen ein hohes Risikopotential. Heißt: Bei einem Fußballspiel kann man beispielsweise bis zur letzten Sekunde wetten. Weil das Geld direkt vom Konto abgebucht wird, verlieren viele den Überblick über ihre Einsätze. Im Internet sind Wettanbieter 24 Stunden am Tag verfügbar.

Gefahren, die auch der Staat erkannt hat - und Glücksspiele im Internet deshalb weitgehend erlauben will. Auch Sportwetten, die sich bisher in einer Grauzone bewegten. Ziel ist es, mit einer Regulierung für Grenzen zu sorgen. Spieler sollen monatlich nicht mehr als 1000 Euro setzen können. Über den neuen Glücksspielstaatsvertrag, der ab Mitte 2021 gelten soll, verhandeln aktuell die Bundesländer.

Ein Blick ins „Kings Casino“ in Rozvadov - Reportage zum Thema Spielsucht

Kredite abstottern

Psychologe Karl hält die Legalisierung von staatlicher Seite für sinnvoll. Dadurch könnten länderübergreifende Spielersperren durchgesetzt werden - sowohl selbst auferlegte, als auch verordnete. Es stelle sich allerdings die Frage, wie das konsequent kontrolliert werden soll.

Der junge spielsüchtige Amberger möchte das Thema Sportwetten endgültig ad acta legen. Zwar denkt er nach eigenen Aussagen noch zwei, drei Mal die Woche ans Wetten. Mit Sport und Musik kämpft er aber dagegen an. Und er hat einen Plan gefasst. Er will in seinem derzeitigen Job Fuß fassen und die Kredite, die er wegen seiner Spielsucht aufgenommen hat, abstottern. Der junge Mann sagt: "Wenn man ein Ziel vor Augen hat, dann erreicht man es auch." Klingt fast wie ein Plakatspruch, ist aber die Essenz aus einer jahrelangen Spielsucht.

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