21.01.2021 - 12:06 Uhr
AmbergOberpfalz

Auch das gibt's in Zeiten von Corona: Homeschooling im Klassenzimmer

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Fünf Kinder sitzen ganz normal in der Schule und erhalten dennoch Distanzunterricht. Klingt komisch, ist aber so. Im Internat des Max-Reger-Gymnasiums in Amberg gelten in Corona-Zeiten einfach andere Regeln.

Im Internat des Max-Reger-Gymnasiums in Amberg gelten zurzeit andere Regeln als in jeder anderen Schule der Region.
von Thomas Kosarew Kontakt Profil

Die Bundes- und die Staatsregierung wollen es in Zeiten von Corona so: Schulen bleiben bis mindestens 14. Februar geschlossen. Ausnahmen gibt es in Form von sogenannten Notbetreuungen nur für Fünft- und Sechstklässler. Doch wie ist das in Internaten, von denen es in der Oberpfalz drei gibt? Zwei befinden sich in Regensburg - das der Domspatzen und das eines privaten Trägers. Das dritte, und damit einzige staatliche Internat im Regierungsbezirk, ist dem Max-Reger-Gymnasium (MRG) angeschlossen.

Normalerweise werden in dem Gebäude am Kaiser-Wilhelm-Ring 54 Kinder und Jugendliche betreut, die aus allen Teilen der Republik stammen und sich aufgrund ihrer Fähigkeiten für den Besuch des musischen Gymnasiums entschieden haben. Ein Mädchen kommt aus Rostock, alle anderen aus dem süddeutschen Raum, berichtet Michael Meier, der das Internat seit 2015 leitet. Unter den Schülern befänden sich auch Amberger, die es nicht weit nach Hause hätten, aber das familiäre Umfeld lasse oft nur den Besuch im Internat zu: "Weil ein Elternteil alleinerziehend ist oder aus beruflichen Gründen. Meistens ist es eine Kombination aus beidem."

"Hier haben sie ihre Freunde"

Obwohl sich während der aktuellen Pandemie kein einziger Schüler im MRG-Internat aufhalten müsste, sind fünf von ihnen trotzdem da. "Zuhause wären sie alleine. Hier haben sie ihre Freunde", antwortet der Einrichtungsleiter auf die Frage, ob es für die Mädchen und Buben ein komischen Gefühl sei, im Gegensatz zu allen anderen Gleichaltrigen zur Schule zu gehen. Die Kinder dürfen sich laut Meier im Haus frei bewegen und müssen sich auch keine Gedanken über Abstandsregeln machen. Sie alle sind getestet, haben negative Befunde und sind unter sich: "Das Infektionsrisiko ist da im Prinzip bei null."

„Sie dürfen sich frei bewegen und haben das ganze Gebäude für sich. Sie fühlen sich hier fast schon ein bisschen wie die Sheriffs.“

Internatsleiter Michael Meier über die fünf verbliebenen Schüler

Internatsleiter Michael Meier über die fünf verbliebenen Schüler

Hinter den verschlossenen Mauern des Internats haben die betroffenen fünf Kinder mehr soziale Kontakte als sie es zu Hause hätten. Michael Meier ergänzt: "Das ist hier für sie ein großer Abenteuerspielplatz. Sie dürfen sich frei bewegen und haben das ganze Gebäude für sich. Sie fühlen sich hier fast schon ein bisschen wie die Sheriffs." Und noch etwas fühle sich für die Elf- und Zwölfjährigen richtig gut an. Normalerweise gibt es im MRG-Internat einen festgelegten Speiseplan. Nicht so in diesen Tagen, verrät Alexandra Meier: "Es ist jetzt schon ein kleines Wunschkonzert. Sie werden in der Früh gefragt, was sie mittags essen wollen. Das geht sonst so natürlich nicht." Also kommen nun Schnitzel, Burger und Döner häufiger auf den Tisch, an dem ansonsten nur noch ein Erzieher sitzt. Die hauseigene Küche bereitet derzeit Speisen für nur sechs Leute zu. Normalerweise sind es etwa 60.

Mit anderen Worten: Die Kinder leben in einer Art Blase. Michael Meier nennt es lieber "Käseglocke". Die Fünft- und Sechstklässler dürfen das Gebäude nicht verlassen. Erlaubt ist lediglich der Besuch auf dem Sportplatz des Gymnasiums: "Aber das auch nur in Begleitung eines Erziehers." Ausflüge in die benachbarte Altstadt sind dagegen für alle tabu. Ohne Ausnahme. Für die Kinder sei das aber kein Problem. Viele von ihnen seien auch deswegen gern im Internat, weil sie aus einem ländlichen Raum stammen, "in dem es nicht viele Gleichaltrige gibt". Ein Mädchen zum Beispiel hätte laut Erzieherin Alexandra Meier gar nicht kommen müssen, weil ihre Eltern eine Betreuungsmöglichkeit gefunden hätten. Aber die Schülerin wollte unbedingt bei ihrer Freundin bleiben.

Distanzunterricht aus der Nähe

Das sieht nach normalem Unterricht aus. Ist es auch. Doch obwohl sie in einem Klassenzimmer Platz genommen haben, befinden sich diese beiden Mädchen und drei Buben im Homeschooling-Modus.

Was aber fehle, sind die gemeinsamen Unternehmungen. Als Beispiele nennt Michael Meier die zwei Gruppenwochenenden, die pro Jahr auf dem Plan stehen, Feiern und Urlaubsfahrten, die ebenfalls vorgesehen sind und teilweise bis nach Kroatien führen: "Das fällt jetzt natürlich alles flach." Und auch der Unterricht läuft anders als in Zeiten ohne Corona. In der Praxis sieht das so aus: Die Kinder erhalten Distanzunterricht. So, als ob sie zu Hause wären. Alexandra Meier sagt, wieso: "Damit alle auf dem gleichen Stand sind." Nur am Nachmittag, bei den Hausaufgaben und in der sogenannten Studienzeit, hätten die Kinder die Chance, bei Fragen live auf einen Erzieher zurückgreifen zu können. Die Elf- und Zwölfjährigen kommen laut Michael Meier damit ausgezeichnet klar. Die meisten blieben sogar über das Wochenende gern im Internat: "Wegen ihrer Freunde." Wer nach Hause will, der darf das, muss aber am Montag bei seiner Rückkehr einen negativen Corona-Test vorweisen können.

Rückblick: Ambergs erster Corona-Fall am 16. März 2020

Amberg
Kommentar:

Verrückte Zeiten

Blicken wir ein Jahr zurück: Ende Januar 2020 war die Region noch eine Corona-freie Zone. Kinder gingen zur Schule, machten Hausaufgaben und trafen sich mit Freunden. Das ist längst vorbei. Man muss sich das mal vorstellen: Kinder bleiben freiwillig im Internat, weil sie dort mehr soziale Kontakte haben dürfen als zu Hause. Wer das vor einem Jahr prognostiziert hätte, wäre für verrückt erklärt worden.

Thomas Kosarew

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