13.06.2018 - 18:27 Uhr
AmbergOberpfalz

Bei Grammer kracht es schon wieder

Yiping Wang, der Vorstandsvorsitzende der chinesischen Ningbo Jifeng, lässt es sich nicht nehmen, persönlich an der Aktionärsversammlung der Grammer AG in Amberg teilzunehmen. Er erlebt eine eher ungemütliche Hauptversammlung.

Seit 10 Uhr läuft die Hauptversammlung der Grammer AG im Amberger ACC. Bild Hartl
von Andreas Ascherl Kontakt Profil

Aktuell versucht das chinesische Unternehmen Ningbo Jifeng den Autozulieferer zu schlucken.

Es hätte eine fröhliche Familienfeier mit den Aktionären werden können. Grammer-Vorstandsvorsitzender Hartmut Müller konnte wieder einmal hervorragende Zahlen vorlegen, blickte beinahe euphorisch in die Zukunft und wusste Yiping Wang, den Vorstandsvorsitzenden des chinesischen Investors Ningo Jifeng, im Saal. Doch einer hatte etwas dagegen: Franz Enderle, Rechtsvertreter der Familie Hastor, die immer noch einen Großteil der Grammer-Aktien hält. Enderle forderte die Absetzung von Versammlungsleiter Klaus Probst, der im Vorjahr unter anderem die Hauptversammlung belogen habe.
Fast 1,8 Milliarden Euro Umsatz, einen Bilanzgewinn von nahezu 58 Millionen Euro und eine stetig steigende Eigenkapitalquote waren nur einige Eckpunkte der Ausführungen von Hartmut Müller, dem Vorstandsvorsitzenden der Grammer AG. Müller bezeichnete es darüber hinaus als ein Highlight des abgelaufenen Jahres, dass es Grammer gelungen ist, das US-amerikanische Unternehmen Toledo Molding & Die zuzukaufen, einen Spezialisten für thermoplastische Elemente. Toledo eröffne den Zugang zu bisher nicht erschlossenen Märkten in der nordamerikanischen NAFTA-Zone und ergänze das Grammer-Portfolio auf dem Kontinent. Und die Übernahme schütze Grammer vor den Folgen der derzeitigen Zollpolitik der USA. „Wir sind für mögliche Entwicklungen, die sich dort ergeben, wahrscheinlich sehr gut gerüstet.“
Positiv sieht Müller auch die aktuelle Entwicklung im Automobilsektor: Automobilität oder Elektrifizierung bergen seiner Meinung nach riesige Chancen für den Automobilzulieferer Grammer. Der Innenraum werde künftig noch mehr Komfortzone, so orakelte Müller. Aus diesem Grund arbeite Grammer gemeinsam mit einem namhaften Designstudion am Innenraum der Zukunft. „Pure“ heißt dieses Projekt, das 2019 erstmals der Öffentlichkeit vorgestellt werden soll.
Vehement war Hartmut Müller auch für die Absicht der chinesischen Ningbo Jifeng, mindestens die Hälfte der Grammer-Aktien übernehmen zu wollen. Die Chinesen hätten sehr weitreichende Zusicherungen hinsichtlich der Beschäftigten, der Standorte und der betrieblichen Mitbestimmung gemacht, sagte Müller. Sowohl Hauptsitz als auch Namen der Grammer AG würden unverändert erhalten bleiben. „Sowohl die IG Metall als auch die bayerische Staatsregierung unterstützen unseren Weg“, sagte Müller. Yiping Wang, dem Vorstandsvorsitzenden von Ningbo Jifeng, der gemeinsam mit seinem Sohn der Hauptversammlung beiwohnte, dürfte es gefallen haben.
Allerdings nicht das, was dann Rechtsanwalt Franz Enderle startete: den Versuch, Versammlungsleiter und Aufsichtsratsvorsitzenden Klaus Probst abzusetzen. Enderle war auch in diesem Jahr der Vertreter der bosnischen Investorenfamilie Hastor, die immer noch einen großen Teil der Grammer-Aktien hält. Hastor will offensichtlich das Angebot der Chinesen nicht annehmen, pro Aktie 60 Euro plus 1,25 Euro Dividendenanteil zu bezahlen. Die Bosnier wollen mindestens 75 Euro haben, allerdings hatte Wang-Sohn Jimin im Interview mit dem Handelsblatt unlängst betont, 60 Euro wären das letzte Angebot, einen Aufschlag gebe es nicht.
Franz Enderle warf Klaus Probst vor, der habe die Hauptversammlung im Jahr 2017 belogen und bei der diesjährigen Hauptversammlung einen Tagesordnungspunkt ohne Zustimmung der Aktionärsmehrheit einfach gestrichen. Unterstützung fand Enderle bei einigen Aktionärsvertretern, von denen einer dem Aufsichtsratsvorsitzenden eine „Kungelei mit den Chinesen“ unterstellte. Allerdings lehnte die Hauptversammlung mit einer Mehrheit von 61,4 Prozent die Ablösung von Klaus Probst ab.
"Warum soll ein Aktionär seine Anteile verkaufen, wenn das Unternehmen doch so erfolgreich ist?", wies Günther Hausmann von der Aktionsvereinigung DSW auf eventuelle Widersprüche in den Ausführungen des Vorstandsvorsitzenden Hartmut Müller hin. Hausmann bemängelte auch die angestrebte Investoren-Vereinbarung mit Ningbo Jifeng. Andere deutsche Unternehmen würden sehr erfolgreich auf Joint-Venture-Basis mit chinesischen Unternehmen arbeiten und damit ihre Selbstständigkeit nicht aufgeben. Außerdem frage er sich, warum jemand seine Aktie für 61,25 Euro an die Chinesen verkaufen solle, wenn er doch aktuell an der Börse bis zu 66 Euro (aktuell: 66,05 Euro) dafür erzielen könne.
Ein Joint Venture, so Vorstandsvorsitzender Hartmut Müller, gestalte sich aber bei zwei börsennotierten Unternehmen, die zudem in einer gewissen Konkurrenzsituation stehen, erheblich langwieriger. Deutlich machte Müller auch, dass das Übernahmeangebot von Ningbo Jifeng dann als gescheitert zu betrachten sei, wenn es den Chinesen nicht gelingen sollte, mindestens 50 Prozent und eine Aktie zu bekommen. "Allerdings kann Ningbo Jifeng auch auf diese Schwelle verzichten."
Vonseiten des Betriebsrats gab während der Hauptversammlung Nicole Schobert zu verstehen, dass das Gremium und sie persönlich der Übernahme durch Ningbo Jifeng grundsätzlich positiv gegenüber stehen. "Ningbo Jifeng stand uns in einer bedrohlichen Situation zur Seite", sagte Schobert. Und die Chinesen hätten ja große Zugeständnisse hinsichtlich der jetzigen Firmenstruktur gegeben. "Die Prevent-Gruppe (der Familie Hastor, Anm. d. Red) hatte damals keine Zusicherungen gemacht."
Dem widersprach umgehend Hastor-Vertreter Franz Endere: "Es gab damals eine Beschäftigungsgarantie für alle inländischen Arbeitnehmer." Offenbar sei diese Tatsache den Beschäftigten aber vom Vorstand vorenthalten worden. Enderle zeigte sich generell unzufrieden damit, wie mit seinen Fragen an Vorstand und Aufsichtsrat umgegangen worden sei. Wiederholt deutete er die Möglichkeit weiterer Klagen gegen die Mitglieder der Gremien an.
Enderle verwies darauf, im vergangenen Jahr habe der Vorstand mit dem Schüren der Angst vor möglichen Entlassungen durch die Investoren Hastor einen großen Erfolg bei den Beschäftigten gehabt. "Jetzt verkaufen Sie uns eine Übernahme mit schwersten Verfehlungen in der Vertragsgestaltung als Erfolg."
Immer wieder tauchten im Anschluss Fragen von Aktionären oder Aktionärsvertretern auf, die vom Vorstand beantwortet werden mussten. Um 17.30 Uhr, nach mehr als sieben Stunden, war immer noch kein Ende der Fragestunde abzusehen. Im Gegenteil: Franz Enderle stelle kurz nach 18 Uhr den Antrag auf Prüfung von Schadensersatzansprüchen unter anderem gegen den Vorstand der Grammer AG wegen einer 2017 ausgegebenen Pflichtwandelanleihe. Allerdings ließ Versammlungsleiter Klaus Probst diesen Antrag als nicht von der Tagesordnung gedeckt nicht zu.

 

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