29.07.2020 - 18:02 Uhr
AmbergOberpfalz

Großer Streit um kleinen Garten in der Amberger Altstadt

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Erst war es der Efeu an der historischen Stadtmauer, jetzt ist es die vermeintliche oder tatsächliche Schlampigkeit an sich. Das kleine Gärtchen in der Jesuitenfahrt steht wieder einmal im Mittelpunkt der Diskussion.

Das kleine Gärtchen in der Jesuitenfahrt steht wieder einmal in der Kritik.
von Andreas Ascherl Kontakt Profil

Achim Hüttner, seit Jahrzehnten Vorsitzender der Interessengemeinschaft Menschengerechte Stadt, bekommt beinahe Schnappatmung, wenn er über das kleine Gärtlein an der Jesuitenfahrt in der Altstadt redet. Ein Naturidyll im Herzen der Stadt sei das, so sagt Hüttner, ein Paradebeispiel für gelungene Biodiversität und Insektenfreundlichenkeit. Ein Zaubergärtlein! Aber einem Ordnungsfanatiker im Dienst der Stadt Amberg sei dieser Garten ein Dorn im Auge. Die Folge sei zunächst die Kündigung des Pachtvertrags und später dann doch irgendwie ein Rückzieher der Verwaltung gewesen.

Wegen des Efeus an der Stadtmauer gab es schon einmal Ärger

Amberg

Aber ganz zum Anfang. Der kleine Garten in der Jesuitenfahrt, kurz vor der alten Reitschule, ist seit Jahren von der Stadt Amberg an einen Anlieger verpachtet. Der kümmert sich zwar irgendwie um das Gärtchen, lässt aber der Natur weitgehend ihren Lauf. Das sieht durchaus wildromantisch aus, passt aber nicht allen. So folgte zum Beispiel vor einigen Jahren vonseiten der Stadt Amberg die zwangsweise Entfernung des hier die Stadtmauer hochwuchernden Efeus. Keine Frage, dass IG-Vorsitzender Achim Hüttner bereits diese Aktion anprangerte und in dem Gärtchen einen aktiven Beitrag zur Biodiversität der Stadt Amberg sieht. "In der Jesuitenfahrt gibt es einen solchen Garten direkt an der Stadtmauer, ein Eldorado für Bienen und Insekten", schreibt Hüttner. Als Beweis zieht er ausgerechnet ein Faltblatt der Stadt Amberg heran, in dem die Biodiversität, also das Naturnahe in Gärten, gelobt und entsprechende Beratung über die Stadt angeboten wird.

Dem zuständigen Amt sei empfohlen das Faltblatt der Stadt Amberg ernst zu nehmen, nicht nur als Empfehlung für Privatgärten, sondern auch selbst danach zu handeln.

Achim Hüttner, Vorsitzender der Interessengemeinschaft Menschengerechte Stadt

Achim Hüttner, Vorsitzender der Interessengemeinschaft Menschengerechte Stadt

Gleichzeitig gehe aber die Stadt Amberg gegen den Pächter vor, habe ihm den Vertrag gekündigt und fordere die Entfernung des dort wuchernden Unkrauts. "Man will für Ordnung sorgen. Beispielsweise Wiesensalbei, der am Zaun wächst, soll verschwinden, weil er da nicht hingehört", argumentiert Hüttner. "Dem zuständigen Amt sei empfohlen das Faltblatt der Stadt Amberg ernst zu nehmen, nicht nur als Empfehlung für Privatgärten, sondern auch selbst danach zu handeln." Entsetzt sei auch Clemens Zahn gewesen, ein renommierter Naturfotograf, der für Achim Hüttner umgehend einige Aufnahmen von dem Garten anfertigte. „Wenn ich für Amberg eine Image-Broschüre gestalten müsste, wäre dieses zauberhafte Stadtmauer-Gärtlein eines der Motive. Und zwar in dem Zustand wie es jetzt ist“, sagte Clemens Zahn zum Thema.

Irgendwo zwischen den Fronten befindet sich der städtische Baureferent. Markus Kühne versteht durchaus beide Seiten, steht hinter seiner Verwaltung, pflegt aber auch den offenen Dialog mit den Aktivisten der IG Menschengerechten Stadt. Die haben übrigens angeboten, selbst tätig zu werden. "Wir bieten der Stadt deshalb an, diesen Ort nach modernen Vorstellungen der Biodiversität (wie in dem Faltblatt empfohlen) schonend zu pflegen und auch den Zaun auf eigene Kosten zu sanieren und bitten deshalb, dieses Kleinod nicht zu zerstören", schrieb Achim Hüttner vor einigen Tagen an die Verantwortlichen der Stadtverwaltung.

Herausgekommen ist am Ende eine Art Kompromiss. Wie Achim Hüttner sagt, bleibt der Pachtvertrag zwar gekündigt, verlängert sich aber trotzdem solange automatisch, bis Sanierungsarbeiten in diesem Bereich der Stadtmauer erforderlich werden, die einen ungehinderten Zugang für Gerüste und Arbeiter notwendig machen. Ein Kompromiss, den auch die IG Menschengerechte Stadt akzeptiert. In der Hoffnung, dass das viele Jahre nicht notwendig sein wird und der kleine Garten in der Jesuitenfahrt in seiner wildromantischen Art lange erhalten bleibt.

Kommentar:

Ist das Natur oder kann das weg?

Ist das kleine Gärtchen in der Jesuitenfahrt wilde Natur im Sinne von Biodiversität und Insektenschutz oder muss das Unkraut einfach weg? Das ist eine Frage, über die man trefflich und sehr intensiv streiten kann. Für einen Menschen mit ausgeprägtem Ordnungssinn mag der Garten tatsächlich ein Graus sein. Aus den Fugen der Pflastersteine wuchert am Straßenrand der Wiesensalbei, der Zaun steht auch schon ein bisschen schräg und zahlreiche schon verblühte Blumen geben der Fläche einen Hauch von Unordnung und Schlampigkeit. Ein Naturfreund, ein Mensch mit dem Sinn für die verborgene Schönheit wird das ganz anders beurteilen. Fotograf Clemens Zahn würde beispielsweise gerade dieses Gärtlein in der Jesuitenfahrt in einen Amberg-Prospekt packen. Weil es gar so schön ist. Und Achim Hüttner von der IG Menschengerechte Stadt würde es am liebsten gleich adoptieren. Der jetzt gefundene Kompromiss ist ein Kompromiss, wie der Name schon sagt. Eine Lösung ist er eigentlich nicht. Denn obwohl er von beiden Seiten als eine Art Erfolg gefeiert werden kann, er bleibt die entscheidende Antwort schuldig: Ist es nun wertvolle Natur, die man unbedingt erhalten muss, oder nur lästiges Unkraut?

Der Wiesensalbei blüht hier nicht vorschriftsmäßig hinter dem Zaun. Das passt nicht allen.
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