30.03.2021 - 08:48 Uhr
AmbergOberpfalz

Er hat's geschafft: Ibrahims lange Reise in ein neues Leben

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Ibrahim Ahmadi war lang unterwegs. Viele Länder lagen auf seinem Weg von Afghanistan bis Deutschland. Er war einer von tausenden unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen. Jetzt ist er angekommen - auch beruflich.

Ibrahim Ahmadi ist dankbar für alle Möglichkeiten, die ihm in Deutschland geboten sind.
von Helga KammProfil

Mit 15 Jahren durfte Ibrahim Ahmadi zum ersten Mal in seinem Leben zur Schule gehen. Da war er schon angekommen in Deutschland, in Amberg. Jetzt, fünf Jahre später, hat er seine Gesellenprüfung zum Mechatroniker für Kältetechnik abgelegt und bestanden. Von einer vorbildlichen Integration berichtet Jutta Mändl-Hackl, Diplom-Sozialpädagogin beim Jugendmigrationsdienst Sulzbach-Rosenberg, die den Weg des jungen Mannes als Chancengeberin seit Jahren begleitet.

Zur Welt gekommen ist Ibrahim im Mai 2000 in Ghazni, einer Provinz im Osten Afghanistans in der Nähe zu Pakistan. Er hatte keinen guten Start ins Leben. Der Vater von den Taliban getötet, die Mutter wieder verheiratet, das Land im Krieg. Die Großeltern nahmen sich Ibrahims und seiner beiden jüngeren Geschwister an, und entschlossen sich zur Flucht. Ihr Ziel war der Iran, die Stadt Hasanabad in der Provinz Ghom im Norden des Landes. Es gab Verwandte dort, die sich kümmerten um die Flüchtlinge. Ibrahim war sechs Jahre alt, lebte illegal, ohne Schutz, ohne Rechte.

Mit 10 auf der Baustelle

"An einen Schulbesuch war nicht zu denken", erzählt er. Die Großeltern hatten einfache Arbeit gefunden, auch bescheidenen Wohnraum. Schon als Achtjähriger machte sich Ibrahim nützlich, brachte Arbeitern Tee und Brot, verdiente sich ein paar Rial. Zwei Jahre später arbeitete er bereits mit den erwachsenen Männern, schleppte Steine und Mörtel, half beim Pflastern.

Die Entscheidung zur Flucht traf er mit 14, nicht zuletzt aus Angst, auch als Illegaler nach Syrien in den Krieg geschickt zu werden. "Man hört sich um", schildert er seine geheimen Vorbereitungen, "findet Schlepper, handelt einen Preis aus". Der war gigantisch für den 14-jährigen Buben, umgerechnet mehrere hundert Euro musste er zusammenbringen. Eines Nachts im Spätwinter ging es dann los. Zusammen mit rund 50 Flüchtenden wurde Ibrahim auf den Weg Richtung Türkei gebracht, in Lastwagen, zu Fuß, immer bei Nacht, immer mit Angst vor Entdeckung. "Ich war oft am Ende meiner Kraft", erinnert er sich heute, "das Laufen ging viel zu schnell für mich". Eine Familie nahm sich seiner an, "aber das waren fremde Leute, ich war trotzdem allein". Sie hatten Zelte, schliefen auch unter freiem Himmel, mussten Regen und Wind aushalten.

In der Türkei kam es noch schlimmer für Ibrahim. Das, was er den Schleppern bezahlt hatte, war diesen zu wenig, "sie zwangen mich, meine Schulden abzuarbeiten". Die anderen Flüchtenden durften weiter, er blieb allein zurück, musste alte Kleider, Schuhe und Gebrauchsgegenstände sortieren. Erst nach knapp einem Jahr ging es auch für den jungen Afghanen weiter. Tage und Nächte durch verschiedene Länder, die er nur als Wegstrecke wahrnahm, die er heute nicht mehr alle benennen kann. Von der Türkei nach Griechenland, dann Albanien, Bulgarien, Serbien, schließlich über Ungarn und Österreich nach Deutschland. Zu sechst waren sie zuletzt in einem Auto, erzählt Ibrahim, Erwachsene und Kinder, die im Grenzgebiet Österreich-Deutschland schließlich sich selbst überlassen und von der Polizei aufgegriffen wurden.

"Aufgesaugt wie ein Schwamm"

Ibrahims Leben in Deutschland begann in Passau als UMF, als unbegleiteter minderjähriger Flüchtling. Nach ein paar Wochen kam er mit weiteren Jugendlichen nach Amberg, lebte bald darauf in einer Wohngruppe in Ammersricht. Von diesem Zeitpunkt an bekam der mittlerweile 15-Jährige alle möglichen Hilfen für die berufliche und soziale Integration, für Orientierung und Lebensgestaltung in einer neuen Gesellschaft. Als "Chancengeberin" stand ihm Jutta Mändl-Hackl, Diplom-Sozialpädagogin beim Jugendmigrationsdienst Sulzbach-Rosenberg zur Seite.

"Ibrahim hat Wissen wie ein Schwamm aufgesaugt", gibt Mändl-Hackl ihren Eindruck wider. Er habe alle Angebote zur Lernförderung dankbar angenommen und lernte mit großem Fleiß Deutsch. Bereits nach einem Jahr in der Übergangsklasse der Luitpoldschule in Amberg konnte er in die Jahrgangsstufe neun einer Regelklasse mit einheimischen Schülern wechseln und schaffte nach dem zweiten Schuljahr den Mittelschulabschluss. Jutta Mändl-Hackl kann es heute noch kaum glauben: "Syrer und Iraker haben eine schulische Vorbildung und brauchen zwei bis drei Jahre in der Übergangsklasse, Ibrahim hat im Alter von 15 Jahren zum ersten Mal in seinem Leben eine Schule besucht und schaffte das in einem Jahr." Ihr Schützling nennt den Grund: "In den neun Jahren im Iran habe ich immer davon geträumt, wie andere in die Schule gehen zu können, dieser Traum ist hier wahr geworden."

Fehlt nur noch eine Frau

Die Erfolgsstory einer erfolgreichen Integration aber geht weiter. Ibrahim Ahmadi sucht und findet nach seinem Schulabschluss einen Ausbildungsplatz, lernt Mechatroniker für Kältetechnik bei einer Sulzbach-Rosenberger Firma, bekommt nach der normalen Ausbildungszeit von dreieinhalb Jahren seinen Gesellenbrief, auch dank der ausbildungsbegleitenden Hilfen von Kolping. Während seiner Lehrzeit musste er zum Blockunterricht bis nach Lindau, im letzten Jahr dann die neue Herausforderung mit Homeschooling und Online-Unterricht. "Er hatte dazu nur sein Handy, weder Laptop noch PC", beschreibt Jutta Mändl-Hackl Ibrahims erstaunliche Leistung.

Heute ist Ibrahim 20 Jahre alt. Er hat Freunde gefunden, spielte Fußball beim SC Germania in Amberg, konnte ein kleines Appartement von der Stadtbau in Amberg mieten. Mit finanzieller Hilfe von Freunden und Kollegen konnte er den Führerschein machen und sich einen alten BMW, Jahrgang 2009, kaufen.

Noch offen ist die Antwort auf Ibrahims Frage: Werde ich bleiben können? Jutta Mändl-Hackl sieht da gute Chancen: "Der befristete Aufenthaltstitel wird voraussichtlich verlängert werden. Nach fünf Jahren einer pflichtversicherten Beschäftigung und noch einigen weiteren Voraussetzungen dürfte Ibrahim Ahmadi auch die Niederlassungserlaubnis, eine zeitlich unbefristete Aufenthaltserlaubnis in der Tasche haben."

Und Ibrahim selber? Er ist glücklich und dankbar für all die Hilfe und so viele Möglichkeiten, die ihm in Deutschland geboten sind. Mittlerweile hat er einen Arbeitsplatz als Facharbeiter gefunden, für ihn eine Möglichkeit, auch die Großeltern und Geschwister im Iran finanziell zu unterstützen. Er will weiterkommen, den Meister in seinem Beruf machen und irgendwann auch heiraten, gern auch eine deutsche Frau. "Sie muss Charakter haben", beschreibt er seine Vorstellung von einer künftigen Ehefrau. Auf Nachfrage ergänzt er dann noch: "Na ja, hübsch sollte sie schon auch sein."

Geschichten von Flucht und Migration

Sulzbach-Rosenberg
Info:

Christliches Jugenddorfwerk

  • Das christliche Jugenddorfwerk Deutschland (CJD) bietet jährlich 155 000 jungen und erwachsenen Menschen Orientierung und Zukunftschancen.
  • In Sulzbach-Rosenberg arbeitet die Diplom-Sozialpädagogin (FH) Jutta Mändl-Hackl seit 21 Jahren im CJD-Jugendmigrationsdienst (JMD). Mit drei Kolleginnen begleitet sie junge Menschen mit Migrationshintergrund vom 12. bis zur Vollendung des 27. Lebensjahres.
  • In die Räume des CJD in der Hauptstraße 40 in Rosenberg kommt auch Ibrahim Ahmadi seit Jahren immer wieder, um sich Rat und Hilfe zu holen.

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