24.02.2021 - 17:16 Uhr
AmbergOberpfalz

Historische Schätze liegen oft im Bauschutt

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Eine Leidenschaft von Nico Sticke sind alte Häuser. Alles, was darin zu finden ist, erweckt seine Neugier. Der Amberger Maurermeister sucht hinter morschen Balken nach alten Dingen und klettert dafür schon mal in den Bauschutt-Container.

Dieser gotische Dachziegel ist mit der Jahreszahl 1517 datiert. Der Amberger Nico Sticke ist besonders stolz auf dieses außergewöhnliche Stück, das zu seiner Sammlung historischer Funde gehört.
von Andreas Ascherl Kontakt Profil

In der Amberger Altstadt kennt eigentlich ein jeder Nico Sticke. Der Maurermeister, der ein Haus nahe dem Salzstadelplatz hinter der Martinskirche besitzt, ist vor allem denen ein Begriff, die gerade ein historisches Haus sanieren oder ausräumen. "Kann ich das haben?", ist seine Standardfrage – und die meisten Leute sind froh, wenn sie das "alte Glump" endlich los haben, das seit Jahrzehnten oder gar Jahrhunderten auf dem Dachboden gegammelt hat. Für Nico Sticke hingegen sind das alles wertvolle historische Funde, die er liebevoll restauriert und sammelt.

Dachziegel fast 600 Jahre alt

Besuch bei Nico Sticke daheim. Es passt ihm grad ganz gut, weil er nebenan gemeinsam mit Fabian und Wolfgang Schmidt, seinen Partnern von der Wohnwert Bau, das alte Notstain-Haus in der Schiffgasse saniert. Aber heute geht es nicht ums Geschäft, Nico Sticke erzählt mit Leidenschaft von seinem Hobby, dem Sammeln historischer Gegenstände. Vom fast 600 Jahre alten Dachziegel bis zum ehemaligen Musterfenster einer längst aus der Altstadt gezogenen Beschläge-Firma rettet er zum Teil uralte Dinge, die sonst im Bauschutt landen würden. Vieles davon verbaut er im eigenen Haus, das er vor ein paar Jahren gekauft und liebevoll hergerichtet hat.

"Ich begreife noch immer nicht, warum alte Ziegel in den Bauschutt wandern können und damit für immer weg sind", sagt Nico Sticke und zeigt sein Prunkstück: Einen Dachziegel, einen sogenannten Feierabendziegel, den letzten einer Tagesproduktion, in welche die Ziegelmacher früher gerne Symbole oder Jahreszahlen eingeritzt haben. 1517 steht auf dem spätgotischen Ziegel, nur knapp 20 Jahre älter ist der älteste datierte Dachziegel, der in Deutschland gefunden wurde.

Historische Funde in der Schiffgasse 3

Amberg

Dachziegel der Martinskirche auf dem eigenen Dach

Bis ins 19. Jahrhundert wurde jeder Ziegel, jeder Dachziegel von Hand produziert. 800 bis 1000 Stück schaffte ein Arbeiter pro Tag, hat Nico Sticke herausgefunden. Der sein Haus zum Teil mit den wohl ältesten Amberger Dachziegeln überhaupt versehen hat. Als nämlich vor einiger Zeit das Dach der benachbarten Martinskirche neu eingedeckt wurde, landeten die meisten der Ziegel, die um das Jahr 1450 herum produziert worden sind, ebenfalls im Müll. Ein paar wurden noch bemalt und als Souvenir zur Finanzierung der Kirchenrenovierung verkauft. Und gut 800 Stück hat sich Nico Sticke gesichert. "Ich habe die mit dem Schubkarren über den Lastenaufzug runter gefahren und bei mir eingebaut", erzählt er. Ein paar davon hat er noch in seinem kleinen Innenhof gestapelt, einige der bemalten hängen als Schmuck im Flur.

Nico Sticke ist kein weltfremder Spinner. Als Teil eines kleinen Sanierungsunternehmens weiß er sehr wohl, dass bei einer solchen Maßnahme am Ende immer ein paar Euro als Gewinn stehen müssen. Trotzdem gefällt ihm das Geleckte, das "Disneyland"-mäßige, wie er es nennt, heutiger Sanierungen nicht unbedingt. Zu glatt sei das alles, zu wenig mit historischen Ecken und Kanten. Die finden sich in den Exponaten, die er bei sich daheim stapelt. Ein alter Dachziegel mit Hexagramm ist sein Stolz. "Ein Zeichen, um die bösen Dämonen vom Haus fern zu halten", schwärmt Sticke.

Nutschindel ist einzigartig

In dessen Sammlung sich auch einige einzigartige Stücke entdecken lassen. Beispielsweise die einzigen in der Oberpfalz noch erhaltenen Mönch-Nonne-Ziegeln. Und etwas historisch ganz Wertvolles: Eine sogenannte Nutschindel aus Holz, wie sie wahrscheinlich im frühen Mittelalter in großer Zahl auf Amberger Dächern zu finden waren. Nico Sticke hat sein Exemplar aus einem alten Fehlboden geborgen, in dem sie später verbaut worden ist. "Interessant ist ja, dass man für diese Schindeln nur die unteren 40 Zentimeter von einem Baum verwenden konnte, weil dort noch keine Äste gewachsen sind."

Einen ganz besonderen Fund hat Sticke in einem ehemaligen bäuerlichen Anwesen in Lengenfeld gemacht, das er ebenfalls mit seinen Wohnwert-Bau-Kollegen saniert hat. In einer Kiste hinter einem Kniestock im Dachboden lagen unzählige Schriftstücke aus über zwei Jahrhunderten. Anweisungen aus dem Dritten Reich zum Verhalten bei Luftangriffen zum Beispiel. Oder das Drohschreiben des NSDAP-Kreisleiters Artur Kolb, endlich das Geschlampe auf dem Hof zu beseitigen, sonst würde er empfindliche Maßnahmen einleiten. Aber auch die Entlassurkunde eines Stephan Hiltner aus dem Militärdienst. Sie stammt aus dem Jahr 1819.

"Ich geh erst einmal stöbern"

"Ich geh erst einmal stöbern, wenn wir ein Haus sanieren", erzählt Nico Sticke. Der Maurermeister weiß genau, wo er suchen muss. Beispielsweise im Sand der Fehlböden, aus dem er schon Münzen und andere Kleinteile gesiebt hat. Oder hinter den Auflagern der alten Dachstühle. Oft sind hier Gegenstände nach hinten in die Hohlräume gerutscht und dort vergessen worden. Sticke erkennt dank seiner Erfahrung sehr schnell, dass sich hinter rostigen Eisenbändern oder angefaulten Holzteilen für ihn sehr wertvolle Baustoffe aus der Vergangenheit verbergen können. Er rettet und restauriert sie; was nicht mehr vorhanden ist, ersetzt er mit handwerklichem Geschick.

Nur das mit den Nägeln wollte einfach nicht funktionieren. Die wollte Nico Sticke gemeinsam mit Freunden so schmieden, wie es früher gemacht wurde. "Das Ergebnis zeige ich aber lieber nicht her", lacht er verschmitzt. Und erzählt zum Schluss, dass er gerne noch einmal ein kleines Haus in der Amberger Altstadt kaufen würde. Am liebsten wäre ihm eine Lage an der Stadtmauer. Nicht, um damit Geld zu verdienen, sondern weil er das Sanieren liebt, das Umwandeln von baufälligen Ruinen in historische Schmuckstücke. Baustoffe dafür hätte er genug, sein jetziges Haus ist voll davon.

 

 

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