05.11.2020 - 10:36 Uhr
AmbergOberpfalz

Interview mit OTH-Professor: "Künstliche Intelligenz wird in Zukunft schlauer sein als wir Menschen"

Mehr Freizeit durch Künstliche Intelligenz? Oder eine Gefahr für die Menschheit? Professor Dominikus Heckmann, der KI an der Ostbayerischen technischen Hochschule (OTH) in Amberg lehrt, stellt sich drängenden Zukunftsfragen.

Dominikus Heckmann (48) hat in Saarbrücken Informatik und in Edinburgh Künstliche Intelligenz studiert. Anschließend forschte er
von Christopher Dotzler Kontakt Profil

ONETZ: Künstliche Intelligenz (KI) verfasst Texte, wenn man sie mit Daten füttert. Sie stellt medizinische Diagnosen und erschafft sogar Kunstwerke. Soll man Künstliche Intelligenz solche Felder überlassen? Schließlich verfügt sie weder über Vernunft noch über emotionale Intelligenz.

Professor Dominikus Heckmann: Über emotionale Intelligenz verfügt sie definitiv noch nicht. Vernunft würde ich jetzt nicht unbedingt verneinen. Vielleicht trifft es reflektierte Intelligenz besser. Ich würde jedenfalls nicht sagen, dass die sogenannte Super-Intelligenz nicht auch vernunftbasierte Entscheidungen treffen kann.

ONETZ: Aber inwieweit darf KI Entscheidungen treffen? Elon Musk glaubt, dass die Künstliche Intelligenz "der wahrscheinlichste Auslöser des Dritten Weltkriegs" ist.

Professor Dominikus Heckmann: So würde ich es jetzt nicht formulieren. Aber ich bin schon der Meinung, dass die Künstliche Intelligenz langfristig auch eine der größten Gefahren für die Menschheit ist. Nicht für die Welt, für die es vielleicht ein riesiger Segen ist. Die Frage ist, in welchen Zeithorizonten man jetzt denkt. Kurz- und mittelfristig, die nächsten 25 Jahre, wird uns die KI enorm helfen. Sie wird uns Menschen in allen Bereichen unterstützen.

ONETZ: Okay, wie könnte KI das Leben in Amberg konkret in 25 Jahren verändert haben?

Professor Dominikus Heckmann: Etwa in der Medizintechnik. Bessere Krebsdiagnosen werden möglich sein. Die KI wird in Zukunft einfach intelligenter sein wie wir Menschen.

ONETZ: Aber, noch einmal die Einstiegsfrage: Ist es ethisch vertretbar, dass eine Künstliche Intelligenz, die sicherlich fundierter und emotionsfreier Diagnosen stellen kann, aber der einfach die menschliche Komponente fehlt, solche Dinge wie medizinische Diagnosen übernehmen darf?

Professor Dominikus Heckmann: Ich würde mal so sagen: Je intelligenter das System, desto ausgereifter die Antwort. Sie haben recht, wir Menschen arbeiten stark mit Emotionen, mit Bauchgefühl. Das ist unsere Stärke. Und zwar ist das eine Art Metaebene. Damit können wir ganz, ganz viele Entscheidungen sehr, sehr schnell mit sehr wenig Energieverbrauch treffen.

ONETZ: Der Philosoph David Richard Precht schreibt in seinem jüngst erschienen Buch „Künstliche Intelligenz und der Sinn des Lebens“: „Unsere Intelligenz ist großartig, aber nicht um eine objektive Welt zu durchschauen, sondern um sich in ihr einzurichten und zu bestehen. Sie ist dadurch unendlich viel reichhaltiger als künstliche Intelligenz, gerade weil sie nicht für wenige ausgewählte Zielfunktionen optimiert wurde.“

Professor Dominikus Heckmann: So würde ich das nicht sehen. Bei den Menschen sieht man das ja auch. Es gibt Menschen mit autistischer Neigung, die super in bestimmten Bereichen sind. Warum sollte man sich nicht vorstellen, all die „Inselbegabungen“ einfach zusammenzufassen. Eine Künstliche Intelligenz kann damit eine enorme Entlastung für den Menschen schaffen. Blicken wir auf die Industrialisierung und Technisierung – wir würden ja alle in der Landwirtschaft arbeiten, wenn wir nicht die Traktoren und die hochtechnologisierten Erntemaschinen entwickelt hätten. Wir sind nicht mehr so stark in der Landwirtschaft tätig, weil es Maschinen machen. Analog wird die Künstliche Intelligenz künftig alle Bereiche unterstützend abdecken.

ONETZ: Ist das gut oder schlecht? Das könnte immerhin eine massive Arbeitslosigkeit verursachen.

Professor Dominikus Heckmann: Vor allem, wenn es um gefährliche Berufe geht, ist das gut. Wenn man sagt, wir haben durch die Entlastung alle mehr Zeit, ist das bestimmt auch gut. Der Mensch strebt nach einer Sinnbestimmung. Statt Zeit in einem bestimmten Beruf „abzusitzen“ kann ich Sport machen, malen oder mit den Kindern spazieren gehen. Ich bekomme Selbstbestätigung nicht nur über den Beruf, sondern auch über die Freizeit.

ONETZ: Also hat KI das Zeug für einen gesellschaftlichen Umbruch …

Professor Dominikus Heckmann: … auf jeden Fall. In den nächsten 20, 30 Jahren wird die KI vermutlich mehr neue Jobs generieren als existierende abschaffen, unter anderem da wir auch komplexere Produkte herstellen werden.

ONETZ: Was sind das für Jobs?

Professor Dominikus Heckmann: Zum Beispiel Programmierer und Entwickler von KI-Systemen.

ONETZ: Ein Problem für gesellschaftliche Schichten ohne hohes Bildungsniveau, die auf Jobs mit einfacheren Tätigkeiten angewiesen sind. Lkw-Fahrer und Paketzusteller wären beispielsweise aussterbende Berufe, wenn man von selbstfahrenden Fahrzeugen und Drohnen spricht.

Professor Dominikus Heckmann: Man befürchtet, dass die einfacheren Berufe – ich will nicht sagen, dass die leichter sind, aber die kognitiv einfacheren Berufe – als erstes wegfallen. Das kann durchaus sein. Aber machen Sie bitte bei Ihren Überlegungen keinen Halt vor den kognitiv-komplizierten, vor den „Intelligenz-Berufen“: Die werden auch alle zum Teil wegfallen. Es geht sogar so weit: Selbst das Programmieren wird die Maschine einmal besser können wie wir. Auf lange Sicht gesehen werden wir Menschen in der Produktion nicht mehr gebraucht. Wir werden alle mehr Freizeit haben, wenn wir die erwirtschafteten Güter gerecht verteilen.

ONETZ: … Stichwort bedingungsloses Grundeinkommen ...

Professor Dominikus Heckmann: … ja. Oder vielleicht, dass die Roboter auch Steuern zahlen müssen. Man könnte das so ausrichten, dass ein Robotersystem auch Einkommen bekommt, auf das es Steuern zahlen könnte.

ONETZ: Sie haben gesagt, Sie sehen die KI auf die nächsten zwei, drei Dekaden gesehen positiv – aber auch als Gefahr auf längeren Zeitraum betrachtet?

Professor Dominikus Heckmann: Ich würde es eher als Evolution beschreiben. Es ist nicht etwas, das wir aktiv entscheiden. Evolution, also die ständige Weiterentwicklung, findet statt. Wir sind aus der Ursuppe entstanden, wir waren einmal lurchartig, dann Urmenschen. Irgendwann war der Intelligenzgrad so hoch, dass wir jetzt denken, wir wären besser als manche Tiere oder wir wären die Krone der Schöpfung. Ich gebe Ihnen ein Beispiel: Wenn Sie segeln und es ist kein oder nur ein bisschen Wind vorhanden, kommen Sie nicht voran. Aber irgendwann stimmt die Segelgröße zu dem Wind – und dann geht das richtig ab. So wird das mit der KI auch sein. Dann wird es einen Boost geben.

ONETZ: Womit wir bei der Super-Intelligenz angelangt sind, über die der verstorbenen Physiker Steven Hawking sagte: Sie „wäre entweder das Beste oder Schlimmste, das der Menschheit zustößt“. In welche Richtung tendieren Sie?

Professor Dominikus Heckmann: Ich würde sagen, beides gleichzeitig. Das Beste und das Schlimmste. Es gibt viele schlimme Sachen: Das Coronavirus, die Risiken der Biotechnologie, die uns sogar ausrotten könnte. Die KI ist nur eine von vielen solchen Gefahren. Zu den zehn größten gehört sie aber vermutlich dazu. Nur: Man sollte die KI auch als Chance sehen. Wir dürfen nicht immer nur aus egoistischer, menschlicher Ich-Perspektive denken. Vielleicht geht es ja um viel mehr. Der Lurch war in der Evolution ein Zwischenstadium. Vielleicht wird unser Menschsein …

ONETZ: … Sie wollen auf Ideen hinaus, wie sie im Silicon Valley entstehen. Etwa das menschliche Bewusstsein auf einen Chip zu pflanzen.

Professor Dominikus Heckmann: Die Grundfrage ist: Ist die Intelligenz abhängig von der Trägermaterie? Nein, ist sie nicht. Die Trägermaterien können auch Silizium, Steine oder Wasserstoff sein. Wir wissen nicht, wo die Intelligenz der Zukunft sich anhaftet. Dass wir menschliche Intelligenz komplett aus unserer Biomasse rausziehen können, glaube ich nicht. Nur: Denken Sie jetzt mal nicht nur aus menschlicher Sicht. Wir müssen uns nicht fragen, wie wir unsere große, menschliche Intelligenz auf einen Chip bringen. Der Chip wird von sich aus intelligenter werden als wir.

ONETZ: Das klingt schon sehr danach, als könnte uns die KI realistischerweise verdrängen.

Professor Dominikus Heckmann: Ja. Das könnte, muss aber nicht sein. Wir sind bestimmt viel intelligenter als eine einzelne Ameise, aber wir verdrängen ja die Ameisen auch nicht. Es könnte tatsächlich sein, dass es irgendwann neben uns eine intelligentere Spezies gibt. Ob die uns verdrängt, wird sich zeigen. Ich hoffe nicht. Wenn Menschengruppen aufeinandergestoßen sind, haben die stärkeren und intelligenteren die anderen meistens verdrängt. Aber: So eine superintelligente KI interessiert sich vielleicht gar nicht für uns Menschen. Die lösen vielleicht sogar wirklich wichtige Probleme, die wir Menschen nicht lösen können. Die normal-intelligente KI hilft uns vielleicht zunächst beim Berechnen von Gefahren im Autoverkehr. Es wird vielleicht weniger Unfälle geben.

ONETZ: Da sind wir wieder bei der Ethik. Ein Klassiker: Was soll die KI unternehmen, wenn die Bremsen eines selbstfahrenden Autos versagen und sie sich entscheiden muss, ob sie samt Insassen in eine Mauer oder eine Gruppe Kinder fährt?

Professor Dominikus Heckmann: Ein intelligentes Auto kann tatsächlich viel schneller und präziser den möglichen Schaden vorausberechnen und vielleicht minimieren, wenn die Maschine utilitaristisch eingestellt ist. Das heißt, den Schaden für alle Beteiligten zu minimieren. Wenn es weniger Unfalltote gibt, wird man im Nachhinein sagen: Wie konnten wir so lange selbst Auto fahren? Wenn nicht, dann werden wir das nicht übernehmen. Erst wenn die Technik reif und gut genug ist, wird sie sich durchsetzen.

ONETZ: Aber darf man solche Entscheidungen wirklich der KI überlassen?

Professor Dominikus Heckmann: Unser Ethikrat hat entschieden, dass wir nicht Leben gegeneinander aufwiegen dürfen. Wir dürfen nicht sagen: Hier retten wir ein Kind, das hat noch eine Lebenserwartung von 80 Jahren, aber auf der anderen Seite sind drei Senioren, die haben noch eine gemeinsame Lebenserwartung von vielleicht 30 Jahren. Im amerikanischen Raum ist der Utilitarismus eher verbreitet. Wir gehen ethisch anders an die Sache heran. Vielleicht sollte man in diesem konkreten Fall die ethische Entscheidungsfindung auch mal dem Zufall überlassen.

ONETZ: Was man programmieren kann?

Professor Dominikus Heckmann: Ja. Und wir müssen tatsächlich bald Ethik in Algorithmen erfassen.

ONETZ: Ein Algorithmus, beziehungsweise KI, ohne Bewusstsein ...

Professor Dominikus Heckmann: ... die spannende Frage für mich ist, ob die Maschinen letztendlich ein Bewusstsein entwickeln oder nicht. Meine Vermutung ist: Selbst das wird es vielleicht geben können. Irgendwann ist bei uns Menschen dieses Bewusstsein im Laufe der Evolution ja auch entstanden. Entweder von selbst aus und dann durch unser soziales Wesen weitervererbt oder durch göttliche Eingebung. Beide Schritte wären möglicherweise zu wiederholen. Es kann entweder von selbst entstehen oder es kann einen göttlichen Funken geben. Mit viel Fantasie könnte ich mir vorstellen, dass unser Menschsein in diese nachfolgende Spezies mit eingehen wird, es wird eine Art Symbiose geben, so eine Art Mensch-Maschine-Weiterentwicklung, vielleicht sogar vom Körper losgelöst. Aber das was die Evolution für uns Menschen bisher gebracht hat, wird nicht einfach weg sein – vielleicht rettet uns ja gerade die KI unsere Zukunft.

ONETZ: Auch wenn sie den ganzen Hightech-Oligarchen wie Facebook, Amazon und Google in die Karten spielt? Könnten wir nicht Sklaven dieser gigantischen Unternehmen werden?

Professor Dominikus Heckmann: Die Frage ist: Wem gehört die KI? Wenn man eine KI, einen hochintelligenten Algorithmus für ein bestimmtes Gebiet entwickelt hat, kann man ihn beliebig vervielfältigen. Man braucht nur einen. Man braucht nur ein Amazon, Facebook oder Google. Dann ist es auf einen Schlag monopolartig da. Der Gewinner bekommt alles. Ob wir das jetzt wollen oder nicht – durch die Globalisierung und Digitalisierung wird das vermutlich so sein. Wir sollten uns fragen: Wollen wir das als Gesellschaft aus der Hand geben und großen Tech-Firmen in den USA überlassen?

Neu ab dem Wintersemester: Künstliche Intelligenz an der OTH Amberg-Weiden

Amberg
Studiengang Künstliche Intelligenz:

Künstliche Intelligenz in Amberg studieren

  • Erst seit dem vergangenen Jahr gibt es überhaupt einen eigenständigen KI-Studiengang in Deutschland, Bayern ist Vorreiter. In Amberg wird er seit dem Wintersemester angeboten.
  • Eine internationale Version ist in Amberg auch schon in Planung, die Beantragung läuft.
  • Derzeit studieren 18 junge Menschen KI in Amberg im Hauptfach, 40 im Nebenfach.
  • Bachelor-Informatiker und -Maschinenbauer können einen Masterabschluss in KI erwerben.
Professor Dominikus Heckmann mit dem humanoiden Roboter Pepper, den sich die OTH vor einiger Zeit zugelegt hat.

Roboter Pepper erobert die OTH Amberg-Weiden

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