14.10.2020 - 16:57 Uhr
AmbergOberpfalz

Kolpings-Vorsitzender zum Spenden-Streit: "Traurig, dass es sich so entwickelt hat"

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Die Kolpingsfamilie hat den Zivilprozess vor dem Landgericht Amberg gegen die Eltern des herzkranken Basti gewonnen. Im Anschluss an die Urteilsverkündung stellt Thomas Gebhardt, der Vorsitzende des Vereins, seine Sicht der Dinge dar.

Die Eltern des kleinen Basti, Stefanie Leypold und Peter Andörfer, verlieren einen Rechtsstreit mit der Kolpingsfamilie Herz Jesu Rosenberg.
von Christopher Dotzler Kontakt Profil

Ein Blick auf Facebook genügt, um zu verdeutlichen, mit welchen Anfeindungen die Kolpingsfamilie Herz Jesu Rosenberg und ihr Vorsitzender Thomas Gebhardt in den vergangenen Wochen zu kämpfen hatten. Nach der Urteilsverkündung, die zugunsten des Vereins ausfiel, waren Kommentare wie „Sauerei“ oder „Unverschämt wenn sich die Kolpingsfamilie bereichert“ zu lesen. Anschuldigungen, gegen die der Vorsitzende ankämpfen will. Im Anschluss an die Verkündung erklärte er gegenüber Oberpfalz-Medien: „Ich will, dass die Kolpingsfamilie richtig dargestellt wird, dass wir nicht eine Großorganisation sind, die mit der Verwaltung alles verballert, dass wir uns richtig verhalten und dem Gesetz verpflichtet sind.“

Im zweiten Stock des Landgerichts stellte er bei einem Gespräch seine Sicht der Dinge dar: „Ich war am Anfang noch so blauäugig und habe gesagt, wir schenken ihnen (der Familie, Anm. d. Red.) das Geld.“ So einfach ging es aber nicht. „Der Finanzbeamte hat mir gesagt, wenn ich das mache, verliert der Verein die Gemeinnützigkeit, ich mache mich strafbar und das Geld muss zu einem Drittel versteuert werden.“ Für das Finanzamt hat Gebhardt nur Lob übrig. „Nachdem wir die Spendenaktion gestartet hatten, haben wir gar nicht überblickt, was da auf uns zukommt.“ Nachdem 200 000 Euro auf dem Konto waren, habe sich der Vorsitzende ans Finanzamt gewandt. Der Beamte habe ihm erklärt, dass es ein Problem sei, dass der Verein zwar den Status der Gemeinnützigkeit, nicht aber den Passus „mildtätig“ in den Statuten stehen habe. Daraufhin habe das Finanzamt die Oberfinanzdirektion München angeschrieben, was eine Sondergenehmigung nach sich zog. „Das hieß, wir durften Spendenquittungen ausstellen mit der Auflage, dass wir bei der nächsten Mitgliederversammlung unsere Statuten dementsprechend ändern.“ Gebhardt betonte, dass es ihm stets vollkommen ferngelegen sei, irgendwas von dem Geld für den Verein abzugreifen, „weil wir das nicht brauchen“. Er erläuterte: „Wir haben ein Eigenkapital, das reicht für unseren normalen Betrieb.“

Interview mit den Eltern des herzkranken Basti

Sulzbach-Rosenberg

Drei Gespräche mit den Eltern

Der Vorsitzende erläuterte zudem, wie es überhaupt zum Rechtsstreit gekommen sei. Mit den Eltern des herzkranken Buben habe es drei Gespräche gegeben. Beim ersten, das noch vor der Amerika-Reise stattgefunden habe, sei es überhaupt darum gegangen, wie die ganze Spendenaktion ablaufe. Bei der zweiten Zusammenkunft - nach der erfolgreichen OP in Philadelphia - seien bereits die ersten Fronten aufgekommen. Bei einem dritten Gespräch im August 2019 habe er den Eltern eine Frist bis Ende Oktober 2019 gesetzt, bis zu der geklärt werden sollte, wie das überschüssige Geld an die Kolpingsfamilie zurückerstattet werden soll. "Fakt ist, 40 000 Euro wurden vom Finanzamt nicht als im Sinne des Spendenzwecks verwendet anerkannt. Deshalb kam die Aufforderung des Finanzamts, das Geld muss zurück auf das Spendenkonto", berichtet Gebhardt. Als Reaktion sei ein anwaltliches Schreiben im Postkasten des Vorsitzenden gelandet. Im Text habe es geheißen, dass die Forderungen abgelehnt und zudem die Auszahlung der Spendensumme, die auf dem Konto der Kolpingsfamilie lagen und liegen, eingefordert würde. Daraufhin habe sich Gebhardt einen Anwalt gesucht und Klage eingereicht.

"Wären die (Eltern, Anm. d. Red.) aus dem Flieger ausgestiegen und hätten gesagt ,Wir sind dankbar, dass unser Kind überlebt hat, hier habt ihr das Geld zurück und jetzt schauen wir, dass wir das Geld weiterbringen', dann wäre das Thema in 2018 erledigt gewesen." Durch den Rechtsstreit seien aber Hürden entstanden, weil nun alle Spender angeschrieben werden müssen, von denen es wiederum eine Erklärung braucht, was mit dem Geld passieren soll. Drei Möglichkeiten gibt es. Entweder sie fordern das Geld zurück, überlassen es der Familie des herzkranken Jungen oder geben es für anderweitige soziale Zwecke frei. Gebhardt erklärte, dass er bisher über 90 Rückmeldungen per E-Mail habe. Die meisten streben demnach eine Weiterverwendung des Geldes an, drei möchten die Spenden ausbezahlt haben, lediglich eine Meldung zielte darauf ab, dass das Geld der Familie des herzkranken Buben zugute kommt.

Die meisten der über 5000 Spender müssen aber erst einmal ausfindig gemacht werden. Gebhardt berichtet, dass er vielleicht von 300 die Adressen hat. Bei allen anderen muss die Sparkasse (dort ist das Spendenkonto eingerichtet) die Banken der Spender kontaktieren, die wiederum zu diesen dann Kontakt aufnehmen. Vor allem wegen datenschutzrechtlicher Gründe ein immenser bürokratischer Akt. Außerdem sind im Zuge der Aktion Spendendosen aufgestellt worden. Die Geldgeber sind nicht mehr zu ermitteln. Diese Summen sollen für die Anwaltskosten hergenommen werden, die durch den Rechtsstreit entstanden.

Gerichtsurteil: Familie muss Vorschuss zurückzahlen

Amberg

Verständnis für Gegenseite

Gebhardt erklärte: "Es ist traurig, dass es sich so entwickelt hat. Wir als Kolpingsfamilie haben uns immer sehr fair verhalten. Es ist von der Gegenseite überhaupt kein Einsehen, dass wir dazu gezwungen sind, was das Einfordern des Geldes betrifft." Trotz der juristischen Auseinandersetzung und dem gewaltigen bürokratischen Akt, der jetzt folgt, kann Gebhardt aber auch die Sorgen der Eltern verstehen. Ihr Sohn sei immer noch herzkrank, wie es die Mutter und der Vater auch schon in einem Interview mit Oberpfalz-Medien erläuterten. Außerdem sagte der Vorsitzende: "Das Urteil trifft die ja wieder hart, weil sie das jetzt zahlen müssen (die 40.000 Euro Zurückerstattung plus Zinsen und Gerichtskosten, Anm. d. Red.). Ich weiß nicht, ob die das Geld haben oder nicht."

Kommentar: Ein Streitfall mit vielen Graustufen

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Der Finanzbeamte hat mir gesagt, wenn ich das mache, verliert der Verein die Gemeinnützigkeit, ich mache mich strafbar und das Geld muss zu einem Drittel versteuert werden.

Kolpingsfamilien-Vorsitzender Thomas Gebhardt zur Überlegung, den Eltern des herzkranken Basti das gespendete Geld zu schenken.

Kolpingsfamilien-Vorsitzender Thomas Gebhardt zur Überlegung, den Eltern des herzkranken Basti das gespendete Geld zu schenken.

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Kommentare

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M. S.

Diese Urteilsverkündung polarisiert ganz offensichtlich ungemein. Zunächst möchte ich anmerken, dass ich keinerlei Verbindungen zu beiden beteiligten Parteien habe. Auch mich stimmt es traurig, wenn ich die aktuellen Berichte zur Abwicklung der Spendenaktion in der Presse verfolge.
Das engagierte Handeln der Kolpingsfamilie und der immense Aufwand, den Ehrenamtliche bereitwillig auf sich genommen haben, um zu helfen, endete nun bedauerlicherweise in dieser misslichen Lage, in der sich der Verein aufgrund der steuerlichen Problematik befindet. Dass Bastis Familie den nicht als gemeinnützig anerkannten Teil des Vorschusses zurückzahlen muss, empfinde ich als absolut gerechtfertigt, denn die Behandlungskosten wurden inzwischen von der Krankenkasse übernommen und der restliche, im Sinne des Spendenzwecks anerkannte Anteil aus der Vorauszahlung verbleibt bei der Familie für die Begleichung ihrer entstandenen Ausgaben.
Wenn auch in dem Flyer von Lebenskosten, Gehaltsausgleich, Fahrt- und Übernachtungskosten etc. die Rede war, so ging es doch primär um die Finanzierung der lebensrettenden Operation für den kleinen Basti und die unkalkulierbaren hohen Kosten rund um den USA-Aufenthalt, was eine Welle der Hilfsbereitschaft ausgelöst hat. Ansonsten wären sicherlich nicht so viele Spendengelder geflossen, da erst diese tragische Notlage Emotionen ausgelöst hat. Schließlich gibt es genug andere Eltern, die ebenso ein schwerkrankes oder behindertes Kind haben und ungefragt erheblichen finanziellen Mehraufwand über Jahre oder gar Jahrzehnte auf sich nehmen müssen, ohne Unterstützung von dritter Seite zu erfahren. Daher ist eine Alternativverwendung der Gelder für andere schwer erkrankte Kinder, die sich in einer akuten lebensbedrohlichen Notsituation befinden und auf finanzielle Hilfe von außen angewiesen sind, ganz in meinem Sinne. Das Los der Familie ist unbestritten hart, da Basti ein Leben lang gesundheitliche Einschränkungen haben wird und die Eltern neben der Sorge um ihr Kind zusätzlich noch finanzielle Nachteile hinnehmen müssen. Dies rechtfertigt aber meines Erachtens nicht deren Sichtweise, Geld u. a. für eventuell künftigen Bedarf zur Seite zu legen und dringenderen Zwecken damit den Vorrang zu nehmen. Wenn mit diesem "Überschuss" auch nur ein weiteres Kinderleben gerettet werden kann, hat dies für mich klar oberste Priorität und spiegelt auch meiner Ansicht nach den ursprünglichen Spendengedanken der Mehrheit der Spender wider. Wäre die Behandlung von vorne herein von der Krankenkasse übernommen worden und die Übernahme der Kosten nicht in Frage gestanden, hätte die Familie auch kein "Sicherheitspolster" obendrauf erhalten, und mithilfe der Spendenaktion konnten doch vor allem die mit der Reise zusammenhängenden Kosten gedeckt werden.
Schade finde ich besonders, dass durch diesen unguten Verlauf der eigentlich so erfolgreichen Spendenaktion nun etwas Negatives anhaftet und der ein oder andere künftig wohl nicht mehr so spontan und ohne Bedenken spenden wird. Das wird vermutlich in den Köpfen vieler in Erinnerung bleiben und die Spendenbereitschaft herabsetzen.
Letztlich sind wir aber doch alle froh und dankbar, dass Basti lebt und ihm dank der Solidarität vieler Menschen so schnell die dringend lebensnotwendige OP ermöglicht wurde. Und genau das wünsche ich mir auch für viele weitere Kinder mit ähnlich schlimmen Schicksalen, welche sich nichts sehnlicher wünschen als einfach nur weiterleben zu dürfen.

15.10.2020