23.04.2020 - 10:18 Uhr
AmbergOberpfalz

In der Krise hilft die Kunst

Michaela Peter ist freischaffende Künstlerin und Kunsttherapeutin. Sie arbeitet viel mit Krebspatienten und weiß: Krankheiten sind eine Herausforderung für Körper, Geist und Seele. Das Malen kann bei der Bewältigung von Krisen Unterstützung sein.

Dieses Bild zeigt eine Klientin, die einen Schutzraum um sich malt, weil sie durch ein Trauma ihr Vertrauen in die Welt verloren hat. Es ist „aktives Gestalten“ in einer ohnmächtigen Position.
von Adele SchützProfil

"Der künstlerische Ausdruck ist meine Seelensprache. Mit meiner Arbeit kann ich die Begrenzungen der Wortsprache sprengen und mich im Raum des unendlichen Schöpfungspotenzials bewegen", sagt die Kunsttherapeutin Michaela Peter. "Darin erfahre ich mich, darin komme ich in Kontakt zu meinen Mitmenschen und ich erlebe Entwicklung und Bewegung auf dem Weg zu mehr Bewusstheit." Michaela Peter arbeitet unter anderem mit Krebspatientinnen. Sie hat eine ganzheitliche Sicht auf die Krankheit. Bei allen Erkrankungen sei nie nur der Körper betroffen. Krankheiten seien immer auch eine Herausforderung für Körper, Geist und Seele.

Schon als Gymnasiastin begeisterte sie die Kombination aus künstlerischen Medien und intensivem Kontakt mit Menschen. So war ihr Berufswunsch schnell die Kunsttherapie. Mit 18 Jahren war sie damals zu jung, denn das Mindestalter für die Ausbildung ist 24 Jahre. "Sehr sinnvoll" findet das Michaela Peter. Nach dem Abitur am Amberger Max-Reger-Gymnasium absolvierte sie ein Studium der Kunstgeschichte und machte anschließend eine Ausbildung zur Krankenschwester.

Arbeit in der Psychiatrie

Sie arbeitete dabei einige Zeit in der Psychiatrie. "Dort durfte ich die Kunsttherapie als sehr wirkungsvoll erleben", sagt sie. Da Michaela Peter früh eine Familie gründete, entschied sich sie für eine berufsbegleitende Ausbildung am Forum für klinische und analytische Kunsttherapie in München. Sie bildete sich fort speziell im Bereich der Onkologie und der Hospizarbeit und erlernte eine weitere eigenständige Form der Kunsttherapie, die "Lösungsorientierte Maltherapie (LOM) nach Bettina Egger".

Auf den damaligen Förderverein für Frauengesundheit Oberpfalz und heutigen Förderverein für Familiengesundheit Oberpfalz (FFGO) wurde sie bei ihrer Ausbildung zur Kunsttherapeutin in München aufmerksam. Michaela Peter absolvierte zahlreiche Praktika, eines davon am Klinikum Amberg in der Chemo-Ambulanz. Die Psychoonkologinnen Carla Breitwieser und Johanna Stöcklmeier begleiteten sie dabei als eine Art Supervisions-Team.

Michaela Peter bot damals für Patienten in Chemotherapie kunsttherapeutische Einheiten an. Daraus entstand nach Beendigung des Praktikums eine feste Gruppe. Aus ihr ging wiederum die Selbsthilfegruppe "Schmetterling - von Frau zu Frau" hervor. Auf Anfrage von Brigitta Schöner, Vorsitzende des Fördervereins Familiengesundheit Oberpfalz, selbst Teilnehmerin der kunsttherapeutischen Gruppe, wurde das Projekt "Offenes Atelier" aus der Taufe gehoben. Das Atelier von Michaela Peter als Arbeitsplatz der freischaffenden Künstlerin in der Pfistermeisterstraße in Amberg gab es schon vorher und ist auch unabhängig vom Angebot dieses Projekts. "Die Eröffnungsfeier in meinem Atelier 2017 habe ich dafür genutzt, auch die Kooperation mit der Integrativen Onkologie, in dessen Konzept mein kunsttherapeutisches Angebot mittlerweile ein fester Bestandteil ist, auszubauen", erklärt Michaela Peter.

Achtsamkeit

"Ich sehe meinen Beitrag und meine Ziele darin, dass ich dem Geist und der Seele der Betroffenen einen Raum und Methoden anbiete, um auch da Heilung erfahren zu können", so die Kunsttherapeutin. "Das geht los bei Entspannungs- und Achtsamkeitsübungen, dem Ausdrücken von Emotionen, Reflektion von Denkmustern, Stille und Freude, dem Aufsuchen verdeckter Ressourcen, bis hin zur Unterstützung bei aufkommenden Ängsten und alten Verletzungen."

Eine Krebserkrankung mache die meisten Menschen erst einmal hilflos. Ein Gefühl von Ohnmacht und Ausgeliefertsein könne sich breitmachen. "Da hilft es besonders, wenn man durch ein therapeutisches Angebot als Erkrankter mit in die Behandlung und Bewältigung dieser Krise einbezogen wird."

Genau da setzt auch die Kunsttherapie an. "Man wird wieder aktiver Gestalter und hat dadurch Einfluss auf das, was geschieht. Oder macht ganz neue Erfahrungen mit dem Zulassen von Nichtkontrollierbarem", sagt Michaela Peter.

Grundbedürfnis Kunst

Gerade in der Zusammenarbeit mit an Krebs erkrankten Menschen habe es sich immer wieder bestätigt, dass es zu einem Grundbedürfnis des Menschen gehöre, sich künstlerisch auszudrücken. Wenn erst einmal die Hemmung "etwas zu malen oder gestalten" überwunden sei, dann mache sich ein weiter Raum auf, der unendlich viel Freiheit biete, weil er frei von Bewertungen sei. "Und gerade daran kranken wir ja in unserer Gesellschaft besonders. Alles wird eingeteilt in gut/schlecht, schwarz/weiß, wertvoll/nicht wertvoll, produktiv/unproduktiv, richtig/falsch, ohne dass wir oft die Zeit haben, zu überprüfen, ob das so für uns stimmt", sagt sie. "All die Zwischenstufen werden vernachlässigt, aber gerade die machen das Leben sehr viel reicher und lebendiger." Für die Zukunft wünscht sich Michaela Peter, dass die Kunsttherapie von den Krankenkassen "als wirkungsvolle, kostengünstige, den für den Menschen in seiner ganzheitlichen Entwicklung förderliche Therapie" gleichberechtigt neben anderen Therapieansätzen getragen wird.

Kunst gegen Corona-Koller:

Die Kunsttherapeutin Michaela Peter stellt einige effektive Übungen aus der Kunsttherapie vor, die den Fokus auf etwas anderes als die Corona-Krise lenken sollen.

Spiegelbilder:

Vorlagen werden auf den Kopf gedreht und dann genau so abgezeichnet. „Das Gehirn wird bei dieser Übung ungemein gefordert, denn die gesamte Konzentration wird auf das Tun gelenkt und das entspannt das gestresste Gemüt enorm.“ Sie kann Angst und Panik beruhigen. Die Übung kann man in Gruppen und alleine machen.

Genaue Beobachtung:

Das Wahrnehmen von möglichst vielen Details eines Motivs und die begleitete Umsetzung in ein eigenes Bild, lenkt den Fokus weg von den belastenden Gedanken und ermöglicht so eine Pause im Gehirn. Neue Impulse können entstehen.

Spontanes, begleitetes Malen mit der ungeübten Hand:

Tiefsitzende Ängste und Verunsicherung können an die Oberfläche kommen, was sehr entlastet. „In diesem Setting kann einfach mal alles da sein. Der Klient kann alles rauslassen und muss nicht funktionieren oder bewerten.“ Hier sei allerdings die Begleitung durch einen Therapeut sehr hilfreich. „Nur Dampfablassen ist zwar auch gut, aber eine Reflektion darüber kann tatsächlich neue Handlungsoptionen eröffnen, um mit einer belastenden Situation konstruktiver umgehen zu können.“

Collagen:

Das Zusammenstellen und Arrangieren von aktuellem und altem Bildmaterial zu einem harmonischen Ganzen bietet eine wunderbare Möglichkeit, sich mit der gegenwärtigen Situation auseinanderzusetzen und dabei selbst aktiv zu sein. „Gerade die Hilflosigkeit und Ohnmacht gegenüber diesem Virus verunsichert. Da ist es sehr gut, sich aktiv mit dem Thema zu beschäftigen.“ Oder aber: sich an ein Bild (oder Skulptur) machen, das einfach richtig schön werden soll. „Als Gegenpol zur Krise. Alles, was gut gefällt. Ein richtiges Wohlfühlwerk.“ Das kann dann als Erinnerung an diese Zeit, das Heim schmücken.

Skizzenbuch:

Um das eigene Leben durch Bilder zu dokumentieren, könnte gerade in dieser Zeit das Erstellen eines Skizzenbuches helfen, inne zu halten. „Der Blick für das Kleine/Schöne/ Wichtige/Witzige, für die Umgebung und das Haustier beispielsweise lassen sich dadurch öffnen. Das Skizzenbuch ist wie eine Art Meditation in Bildern.“

„Wenn der Mensch aktiv kreativ tätig ist, dann sind im Gehirn Areale angesprochen, die normalerweise nicht im Vordergrund agieren“, erklärt Michaela Peter die psychologischen Aspekte der Kunsttherapie. „Darin sind aber viele Ressourcen verborgen, die es einem ermöglichen neue Impuls freizusetzen, um Herausforderungen zu bewältigen.“ Im Schaffensprozess würden Muster sichtbar, die im Alltag hilfreich oder aber hinderlich sein können. Beides kann durch ein Gespräch über den Prozess reflektiert und transformiert werden, so dass es einen Rückfluss in das Alltagshandeln geben kann.

„Durch den Entspannungseffekt des Gestaltens wird sozusagen der innere Motor auf eine niedrigere Drehzahl gebracht, was das gesamte System entlastet und vor Schaden schützt“, erklärt Michaela Peter. Ebenso könne das „Verbildlichen“ belastender Emotionen sehr hilfreich sein, weil der Klient so tatsächlich auf Distanz zu diesen gehen könne. „Das bedeutet, dass ich von außen auf meine Angst, Wut, Sorge und Unsicherheit schauen kann und aus dieser Distanz leichter einen Impuls bekomme, als wenn ich innerlich gedanklich gefangen bin und der ganze Körper mit entsprechenden Symptomen wie Schlaflosigkeit, Unruhe, Nervosität reagiert.“ (ads)

Michaela Peter arbeitet unter anderem mit Krebspatienten. Sie hat eine ganzheitliche Sicht auf die Krankheit.
Teilnehmer einer Gruppe malen an einem „Lebenslabyrinth“. Die gemeinsame Erfahrung, dass alle auf dem Weg sind und dieser manchmal recht unübersichtliche Windungen nimmt, steht dabei im Vordergrund.
Dieses Bild ist das Ergebnis einer speziellen Methode, mit der die eigenen Ressourcen gesucht und gestärkt werden, um sich mit dem Bewusstsein der eigenen Kräfte den Herausforderungen, beispielsweise einer Krebsdiagnose, zu stellen.

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