Amberg
17.01.2024 - 16:52 Uhr

Künstliche Intelligenz muss nicht immer ziemlich dumm und überflüssig sein

Künstliche Intelligenz (KI) oder englisch: Artifical Intelligence (AI) ist dank ChatGPT derzeit in wirklich aller Munde. Und ziemlich überflüssig, wie sogar Wissenschaftler denken. Außer man nutzt sie wirklich sinnvoll, um Gutes zu tun.

Das Mittelmeer ist riesig. Eine gewaltige blaue Fläche, auf der unzählige große und kleine Schiffe schwimmen. Irgendwo da draußen dümpeln aber auch kleine Boote, auf denen Menschen versuchen, über das Meer nach Europa zu kommen. Viele sterben dabei, Frauen und Kinder vor allem. 28.000 Menschen sollen nach seriösen Schätzungen seit 2014 so umgekommen sein. Wenn sie nicht von einer der Seenot-Organisationen gerettet werden, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, das sinnlose Sterben zu beenden. Aber wie finden die Retter eigentlich die Nadeln im Heuhaufen, die diese kleinen Flüchtlingsboote im großen Mittelmeer sind? Hier kommt künstliche Intelligenz ins Spiel. Und das EMI-Forum der Ostbayerischen Technischen Hochschule Amberg-Weiden, in dem versucht wird, aktuellen Forschungsstand aus den Bereichen Elektrotechnik, Medien und Informatik (EMI) an die interessierte Öffentlichkeit zu vermitteln.

Am Dienstagabend lautete das Thema im Wintergarten der Amberger OTH-Mensa: "Gutes tun mit künstlicher Intelligenz". Vier spannende Projekte wurden dabei vorgestellt, bei denen KI tatsächlich Gutes bewirken kann – "AI for good", wie es "Neudeutsch" genannt wird. Beispiel eins: Bei der Feuerwehr in Dortmund kommen immer dann Kollege Roboter und Kollegin Drohne zum Einsatz, wenn es richtig brenzlig wird, wenn Rettungskräfte in Gefahr wären. Kennt man eigentlich, ist oft schon Standard. Das Bild des Löschroboters in der brennenden Kirche Notre Dame de Paris ging um die Welt. Allerdings sind diese Geräte heute ferngesteuert, irgendwo sitzt also ein Mensch, eine natürliche Intelligenz, die den Roboter bewegt. Hier kommt das Deutsche Rettungsrobotik Zentrum (DRZ) in Saarbrücken ins Spiel.

Dessen Sprecherin Dr. Ivana Kruijff-Korbayová war am Dienstagabend virtuell zu Gast in der OTH-Mensa. Das DRZ arbeitet daran, Roboter zu nahezu vollwertigen Mitgliedern der Rettungsteams zu machen. Sie sollen – eingebunden in die Funkkommunikation bei Einsätzen – "selbstständig" Aufgaben übernehmen. Dazu, so Ivana Kruijff-Karbayová, muss die verbale Kommunikation zwischen den Teammitgliedern interpretiert und in Missionsprozessen verankert werden. "Je mehr Autonomie die Roboter haben sollen, desto mehr Informationen benötigen sie." Das funktioniert beim Rettungsteam in Dortmund, der Partner-Feuerwehr des DRZ, in Ansätzen schon ganz gut. Allerdings, so die Referentin, "sind Einsätze sehr dynamisch." Sie folgen also keinem festen "Drehbuch". Es liegt also noch viel Arbeit vor den Wissenschaftlern, bevor Löschmeister Robbie Realität werden kann. Einen positiven Nebeneffekt haben die Forschungen aber schon erbracht: Die Analyse der menschlichen Kommunikation bei realen Einsätzen hat dazu geführt, dass diese deutlich verbessert werden konnte.

Es gibt kaum Satelliten

Aber zurück auf das Mittelmeer. In unserer Region kennt fast jeder die Organisation Sea-Eye mit Sitz in Regensburg, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, hilflose Menschen aus dem Meer zu retten. Sea-Eye-Gründer Michael Buschheuer hatte vor einigen Jahren die Idee, zum Auffinden der oft winzigen Flüchtlingsboote die Satelliten zu nutzen, die rund um die Uhr aus dem Weltall Daten erfassen. Space-Eye war geboren. Das Ergebnis allerdings war dann doch ziemlich ernüchternd, wie Elisabeth Moser, Sprecherin von Space-Eye, am Dienstag in der OTH-Mensa erzählte. "Es fliegen nämlich relativ wenige Satelliten über das Mittelmeer – und wenn, dann die falschen", so erzählte sie von den Schwierigkeiten an hochaufgelöste Bilder der Region zu kommen. Weil man ja auch nicht auf die Fotos der militärischen Satelliten zurückgreifen könne.

Konkret bedeutet das: Oft nur eine Aufnahme pro Tag, schlecht aufgelöst und die auch noch mit einer Verspätung von Stunden. Um darauf überhaupt Flüchtlingsboote ausmachen zu können, arbeitet Space-Eye mit einer künstlichen Intelligenz, die die Bilder "anschaut" und die "Verdachtsfälle" an die Menschen dahinter meldet. Die können dann Rettungsboote zu der vermuteten Stelle schicken. "Wolken und Schaumkronen", so Elisabeth Moser, "sind hier der absolute Alptraum." Space-Eye arbeitet darüber hinaus mit einem KI-basierten Driftmodell, das ursprünglich zur Erfassung der Bewegung von Ölteppichen auf dem Meer entwickelt wurde. Hier rechnet die künstliche Intelligenz aus, wohin ein Boot in einer gewissen Zeit getrieben sein könnte, nachdem der Motor ausgefallen ist. Und es gibt noch einen dritten Bereich, in dem KI hier zum Einsatz kommt. Von den Rettungsschiffen aus werden nämlich preisgünstige Gleitflugzeuge abgeworfen, die rund eine Stunde in der Luft bleiben und in dieser Zeit rund 2800 Fotos aus der Vogelperspektive machen. Auch die werden anschließend mit Hilfe der künstlichen Intelligenz durchsucht und nach Flüchtlingsbooten ausgewertet.

Richtige Behandlung von Krankheiten

Beispiel drei. Erst vor zehn Jahren hat Dr. Josef Scheiber sein Unternehmen gegründet: BioVariance. Die Idee dahinter ist es, durch die KI-getriebene Auswertung von medizinischen Daten die bestmögliche und auf die Person zugeschnittene Behandlungsmethode für Patienten zu finden. "Wir haben immer mehr Daten, die wir immer besser analysieren können", so Scheiber, der erst vor kurzem die neue Firmenzentrale in Tirschenreuth beziehen konnte, wo riesige Datenmengen mit Hilfe von künstlicher Intelligenz durchsucht und ausgewertet werden. Gab es 1950 eine einzige Art von "Blutkrebs", so unterscheide man heute bereits 43 Unterarten. Doch tatsächlich werde immer noch die "eine" Krankheit mit einem Standardmedikament behandelt. Was oft schlecht für die Patienten sei. Unternehmen wie BioVariance suchen und finden aber die exakte Variante der Erkrankung und das ideale Medikament dazu. Das, so Josef Scheiber, funktioniert weltweit sehr gut – nur in Deutschland nicht. "Wir stehen uns da mit dem Datenschutz selbst im Wege."

Bleibt noch Dr. Paul Springer mit MI4 People als viertes Beispiel, wie künstliche Intelligenz für den Nutzen der Menschheit eingesetzt werden kann. Wobei Springer sagt: "KI ist ziemlich sinnlos." Wichtig und richtig hingegen seien "intelligente" Maschinen – daher die Bezeichnung MI4 People für sein Non-Profit-Unternehmen, das er ehrenamtlich betreibt. MI4 People besteht im Prinzip aus 70 Freiwilligen, die über die ganze Welt verteilt leben, die unentgeltlich Apps und Anwendungen für soziale Projekt entwickeln. Beispielsweise ein Programm, das in Entwicklungsländern, wo Spezialärzte fehlen, Aufnahmen von Röntgengeräten auszuwerten, diese Aufgabe übernimmt. Oder ein Programm, das mit Hilfe von Satellitenaufnahmen den Müll in den Weltmeeren und seine Bewegung darstellen kann. Rund zehn Billionen US-Dollar soll KI bis zum Ende des Jahrzehnts erwirtschaften. Sinnvollerweise, so Paul Springer, müssten davon entsprechend dem Anteil an der Wirtschaft, auf den sozialen Sektor entfallen. "Das tun sie aber nicht."

Freier Zugang zu Quellcodes

"Im gemeinnützigen Bereich passiert relativ wenig", stellte Paul Springer während der Corona-Zeit fest und gründete MI4 People. Das Problem für das "Unternehmen": Es kann keine eigene Forschung und Grundlagenentwicklung betreiben. "Wir setzen irgendwo auf." Um das zu können, benötige man aber freien Zugang zu den Quellcodes. "Wir brauchen Open Data und Open Code." Nur dann sei es möglich, relativ kostengünstig Anwendungen zu schaffen, die am Ende wieder viel Gutes in der Welt bewirken könnten. Paul Springer und die anderen Referenten bekamen viel Beifall für ihre Anstrengung, künstliche Intelligenz für sehr wertvolle Dinge jenseits des reinen Profitstrebens einzusetzen.

Kommentare

Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich anmelden.

Bitte beachten Sie unsere Nutzungsregeln.

Klicken Sie hier für mehr Artikel zum Thema:
Zum Fortsetzen bitte

Sie sind bereits eingeloggt.

Um diesen Artikel lesen zu können, benötigen Sie ein OnetzPlus- oder E-Paper-Abo.