24.03.2020 - 10:33 Uhr
AmbergOberpfalz

Lage in Desenzano: "Bei manchen Bewohnern liegen die Nerven blank"

Silvia Avigo ist in Ambergs italienischer Partnerstadt Desenzano für die Zeitung Breciaoggi tätig. In einem Gastbeitrag beschreibt sie die teils katastrophalen Zustände.

Silvia Avigo lebt und arbeitet in Desenzano. Sie ist Redakteurin bei der Zeitung Bresciaoggi. Die Italienerin hat Amberg im Oktober 2010 besucht: „In meiner damaligen Funktion als Kapellmeisterin der Banda Cittadina bin ich beim Konzert der Partnerstädte mit der Amberger Knappschaftskapelle im Stadttheater aufgetreten. Ein unvergesslich schönes Ereignis.“

Die Stadt ist in diesem Moment wunderschön. Der Frühling ist da, es beginnen die ersten warmen Sonnentage. In den Gärten und Parkanlagen beginnt es zu blühen. Aber alles ist leer, das Leben steht fast komplett still. Man sieht nur einzelne Personen, die zur Arbeit müssen, ihre Einkäufe in den wenigen noch geöffneten Lebensmittelläden oder Apotheken erledigen oder die Hundebesitzer die ihren Hund Gassi führen. Die Sorgen steigen von Tag zu Tag, bei manchen Bewohnern liegen die Nerven blank und sie beschimpfen den Spaziergänger, der draußen seine Runde alleine dreht, obwohl dies weder gefährlich noch verboten ist.Bis zum vergangenen Wochenende waren zehn Personen in Desenzano verstorben und 75 infiziert. Dies sind die Daten aus dem Krankenhaus. Man kennt aber die Zahl der Erkrankten nicht, die sich zu Hause auskurieren. In Brescia, einer nur 30 Kilometer entfernten Stadt, sind 90 Personen gestorben und 661 infiziert. Man weiß dort nicht mehr wohin mit den Verstorbenen. Alle Geschäfte sind geschlossen, außer der Supermärkte, Lebensmittelgeschäfte, Apotheken, Tabakläden und Autobahnraststätten (bis 18 Uhr). Poststellen und Banken sind nur vormittags geöffnet, die Verwaltung hat das Personal reduziert. Tierärzte und Zahnärzte haben nur Notfallsprechstunden, Allgemeinärzte bieten Telefonsprechstunden an. Die Bewohner dürfen die Stadt nicht verlassen und müssen so viel Zeit wie möglich im Haus verbringen.

Wenn sie doch das Haus verlassen müssen, muss ein ausgefüllter Selbstauskunftsschein mit sich geführt werden, der den Grund des Verlassens der Wohnung oder des Bezirks erläutert.Die Parkanlagen mit den Spielplätzen, die Uferpromenade, die Strände, die Fahrradwege - alles wurde geschlossen. Es ist auch verboten, sich auf die Bänke zu setzen. Die Müllabfuhr und der öffentliche Nahverkehr wurden limitiert. Zusätzlich zu den üblichen Vorsichtsmaßnahmen soll man auf den Mundschutz achten. Der ist aber meist ausverkauft. In Desenzano gibt es noch keine Straßensperren, aber die Polizei kontrolliert stichprobenartig.

Hier noch ein Bericht über Ambergs Partnerstadt Desenzano

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Das Krankenhaus in Desenzano ist an seiner Kapazitätsgrenze angelangt. Viele Stationen sind schnell in Intensivstationen umgebaut worden. Ärzte und Krankenpflegepersonal sind nicht ausreichend vorhanden und sie arbeiten viel zu lange Schichten, bis zur Erschöpfung. Alle arbeiten nur für die Notversorgung der Coronavirus-Patienten oder in der Notfallaufnahme. Selbst die Augenärzte wurden dazu aufgerufen. Es fehlt dem medizinischen Personal zur eigenen Sicherheit Mundschutz und Bekleidung. Aber vor allem fehlen Beatmungsgeräte für die Patienten. In den Supermärkten findet man alles, nur anfangs gab es Hamsterkäufe vor allem von Nudeln, Reis und Dosen-Thunfisch. Unterstützung hat man bis jetzt wenig erfahren, allerdings wurde eine Verordnung beschlossen, um den Unternehmen, Familien und Arbeitern, die durch diese Situation leiden müssen, 25 Milliarden Euro für den Monat März zur Verfügung zu stellen. Die kleinen Firmen und Betriebe sind sehr besorgt und befürchten Schließungen, wenn die Situation weiter andauert. Desenzano lebt vor allem vom Tourismus und die Prognosen für die wirtschaftliche Situation in diesem Bereich geben Anlass zu großer Sorge. Alleinlebende alte Menschen können sich an verschiedene Einrichtungen wenden, die ihnen das Essen oder Einkäufe vorbeibringen.

Amberg möchte ich aufrufen die Situation keinesfalls zu unterschätzen. Es handelt sich um einen Feind, der sich anfangs versteckt. Aber wenn er sich dann zeigt, richtet er Verheerendes an. Aber bitte, trotz allem ist es wichtig, nicht die Hoffnung zu verlieren.

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