10.10.2021 - 09:58 Uhr
AmbergOberpfalz

"Land unter" in den Kinderarztpraxen

Eine Frau schlägt Alarm: Kinderärzte nehmen angeblich keine neuen Patienten mehr auf. Ist dem so? Die Kassenärztliche Vereinigung Bayern verneint, spricht stattdessen von einer Überversorgung. Das wiederum sehen Kinderärzte anders.

Wie ist es um die kinderärztliche Versorgung in Amberg bestellt? Eine Bürgerin beklagt, dass hiesige Kinderärzte keine Patienten mehr aufnehmen würden. Die Kassenärztliche Vereinigung Bayerns hingegen gibt Entwarnung.
von Kristina Sandig Kontakt Profil

Kinderärzte in der Region Amberg-Sulzbach nehmen keine neuen Patienten mehr auf: Das behauptet eine Frau aus Amberg, die sich an Oberpfalz-Medien gewandt hatte, um auf diesen vermeintlichen Missstand aufmerksam zu machen. Ist dem so oder ist es nur ein Gerücht? "Wir können das nicht bestätigen", heißt es aus der Geschäftsstelle von UGOM (Unternehmen Gesundheit Oberpfalz-Mitte), ein 2002 von 42 Ärzten gegründeten Gesundheitsnetzwerk in der Region. "Mir ist diesbezüglich nichts bekannt", sagt auch Dr. Martin Pöllath, Vorsitzender des ärztlichen Kreisverbands Amberg-Sulzbach.

Entwarnung gibt schließlich die Kassenärztliche Vereinigung Bayerns (KVB) mit Sitz in München. Deren Pressestelle erklärt nach Rückfrage beim Beratungscenter vor Ort in Regensburg: "Bis dato hat es noch keine Rückmeldungen von Patienten gegeben, dass es schwierig sei, einen Termin in einer Kinder- oder Jugendpraxis zu erhalten", teilt stellvertretender KVB-Pressesprecher Dr. Axel Heise mit. Laut Versorgungsatlas der KVB (Januar 2021) sei die Versorgung in Amberg/Amberg-Sulzbach sehr gut. "Der Versorgungsgrad liege bei 120 Prozent", so Heise weiter. Damit sei die Region nach den bundeseinheitlichen, gesetzlichen Vorgaben des Gemeinsamen Bundesauschusses in Berlin überversorgt.

KVB: Sehr junge Ärzteschaft

"Positiv ist auch die sehr junge Ärzteschaft mit 41,7 Prozent unter 45 Jahren", erklärt Heise und wertet dies als positive Perspektive für die kommenden Jahre. Der stellvertretende Pressesprecher der KVB erklärt auch, welche Möglichkeiten Patienten haben, an einen Termin für ihre Kinder zu kommen: Jeder gesetzlich versicherte Bürger könne sich an die Terminservicestelle unter der Rufnummer 116 117 wenden "und innerhalb der gesetzlichen Fristen einen Termin beim Kinder- und Jugendarzt bekommen".

Die nackten Zahlen auf dem Papier kennt natürlich auch Dr. Daniel Müller, Facharzt der Kinder- und Jugendmedizin. Seit 13 Jahren hat er eine eigene Praxis in Amberg. Laut Stellenschlüssel sei es wirklich so, dass es zu viele Kinderärzte gebe. Auf dem Papier sei es eine "mächtige Überversorgung". Allerdings gibt Müller zu bedenken, dass es früher deutlich mehr ambulante Kinderärzte gegeben habe. "Viele Sitze sind abgewandert", sagt Müller und bringt zwei Beispiele: ein kassenärztlicher Sitz sei jetzt eine Kinderkardiologie, ein weiterer im Bereich Kinderpsychologie. Der Facharzt aus Amberg betont, dass beides wichtig sei, "gar keine Frage". Ein weiterer Sitz sei an die Klinik (Kinderpneumologie) abgewandert.

Deutlicher Anstieg bei Geburten

Problem dabei sei aber, dass diese Sitze eben keine allgemeinpädiatrische Versorgung mehr böten, "also keinen Husten und Schnupfen und auch keine Vorsorge". Dennoch würden diese Sitze in den Versorgungsschlüssel mit einberechnet. Zum anderen seien seit 2017, 2018 die Geburtenzahlen deutlich hoch gegangen. Wodurch natürlich auch der Bedarf an kinderärztlicher Versorgung gestiegen sei. "Es ist ein ganz, ganz großer Bedarf da", so Dr. Müller. Der Mediziner gesteht ehrlich, dass seine Praxis aktuell so vollgelaufen sei, dass man keine Patienten, die einfach nur den Kinderarzt wechseln wollen, mehr annehme. "Wir wollen die Patienten ja auch ordentlich versorgen". Weiterhin aufgenommen würden natürlich Mütter, die ihr erstes Kind bekommen haben und beispielsweise eine U3-Untersuchung benötigen. Oder aber auch Geschwisterkinder von Patienten der Praxis. "Wir sind an der Kapazitätsgrenze", macht Dr. Müller deutlich und spricht von einer "wirklich schwierigen Situation". Selbst wenn die KVB sage, die abgewanderten Sitze würden neu besetzt, glaubt Müller nicht, dass es so einfach wäre, Kinder- und Jugendärzte dafür zu gewinnen.

Zur Verschärfung der Situation tragen seiner Meinung nach auch die Notdienste bei. Früher habe man diese in der eigenen Praxis geleistet, Samstag und Sonntag jeweils vier Stunden. "In der Zeit haben wir den ganzen Landkreis versorgt." Inzwischen müsse der Notdienst an Samstagen und Sonntagen jeweils von 8 bis 20 Uhr in der kinder- und jugendärztlichen Bereitschaftspraxis abgeleistet werden. "Da sitzt man dann jeweils zwölf Stunden – da ist dann natürlich das Wochenende hin." Pro Kassensitz seien es 150 Stunden pro Jahr. "Für eine kleine Arztgruppe wie wir Kinderärzte es sind, ist das natürlich eine große zusätzliche Belastung."

Großes Einzugsgebiet

Dr. Kristina Abredat betreibt mit ihrer Kollegin Dr. Katrin Bayer eine Gemeinschaftspraxis für Kinder und Jugendliche in Sulzbach-Rosenberg. Aktuell sei es so, dass man nur noch Neugeborene, Geschwisterkinder der kleinen Patienten und solche, die neu hergezogen sind, aufnehme. Nicht aber welche, die wechseln wollen. "Die nämlich sehen wir als versorgt an", so die Ärztin. Den Schlüssel der KVB, wonach die Region überversorgt sei, kennt sie natürlich – und hat eine andere Meinung dazu. "Wir sind zwei junge Ärztinnen mit kleinen Kindern", führt sie aus. "Wir können keine 60 Stunden pro Woche arbeiten, wie das früher Kollegen getan haben", stellt sie unmissverständlich klar. Es widerstrebt ihr nach eigener Aussage, ihre Patienten "durchzuhudeln und durchzuhetzen". Vielmehr wollen sie und ihre Kollegin "sich Zeit nehmen". Das sei auch der Grund, warum man wechselwillige Patienten nicht mehr aufnehme. Nicht nur aus Sulzbach-Rosenberg und dem Umland sind die Patienten der Gemeinschaftspraxis Bayer/Abredat, das Einzugsgebiet ist viel größer. Teilweise seien die Patienten der beiden Ärztinnen aus Schwandorf, Auerbach, Pegnitz, Weigendorf und Happurg – und viele auch aus Amberg.

Wie Dr. Daniel Müller aus Amberg sieht auch Dr. Kristina Abredat in den aufgestockten Notdiensten eine zusätzliche Belastung. Zumal diese eben nicht mehr wie früher in der eigenen Praxis geleistet werden können, sondern in der Kinder- und jugendärztlichen Bereitschaftspraxis in Amberg – und zwar jeweils zwölf Stunden.

Bereitschaftsdienst nur noch in den Bereitschaftspraxen

Nabburg
Hintergrund:

Kennzahlen aus dem KVB-Versorgungsatlas

  • Anzahl der Mediziner: zwölf Kinder- und Jugendärzte (sechs weiblich, sechs männlich)
  • Einwohner unter 18 Jahren in Amberg/Amberg-Sulzbach: 22.763
  • Versorgungsgrad: 120,28 Prozent
  • Räumliche Verteilung der Kinder- und Jugendärzte: neun in Amberg, drei in Sulzbach-Rosenberg
  • Altersdurchschnitt der hier ansässigen Kinder- und Jugendärzte: 47,2 Jahre (bayernweiter Schnitt: 52,4 Jahre)

 

 

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