18.06.2020 - 16:38 Uhr
AmbergOberpfalz

Landrat und Oberbürgermeister misstrauen der Bahn

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Der Wunsch nach einer Elektrifizierung der Bahnstrecke von Nürnberg über Amberg nach Schwandorf eint Oberbürgermeister und Landrat. Konform gehen Michael Cerny und Richard Reisinger auch beim Bau von Stromleitungen für diese Maßnahme.

Geht es nach der Stadt Amberg, wird diese Leitung in Gailoh unter die Erde verlegt. Jetzt will ausgerechnet hier die Bahn eine zweite Trasse für ihren Fahrstrom bauen.
von Andreas Ascherl Kontakt Profil

Einig sind sich Oberbürgermeister Michael Cerny und Landrat Richard Reisinger (beide CSU) in zwei Dingen: Sie befürworten die Elektrifizierung der Bahnstrecke von Nürnberg über Amberg nach Schwandorf. Was die dafür notwendige Stromversorgung angeht, stimmen sie aber auch überein, dass sie diese in der von der Bahn jetzt vorgelegten Form nicht unterstützen werden. "Wir wollen die Metropolbahn - aber nicht zu diesem Preis", machte Richard Reisinger am Donnerstag deutlich.

Oberbürgermeister Michael Cerny legte den Finger in eine entscheidende Wunde: Zwar ist für Dienstag, 23. Juni, um 18 Uhr eine sehr konkrete Online-Anhörung in Sachen Bahnstromversorgung für den Bereich Irrenlohe über Amberg bis Ottensoos in Mittelfranken angesetzt. Einen Planungsauftrag oder gar Realisierungszeitraum für die Elektrifizierung der Bahnstrecke aber gibt es nicht schriftlich. Nur eine mündliche Zusage liege hier vor. Das reiche aber nicht aus, sagte Cerny am Donnerstag.

Ich lasse hier keine Trasse ziehen, damit die Strecke zwischen Nürnberg und Marktredwitz mit Strom versorgt werden kann.


Für die Versorgungssicherheit

Diese Tatsache hatte auch die Deutsche Bahn in ihrer Stellungnahme eingeräumt. Die geplante Bahnstromversorgung diene bis zur Umsetzung der Maßnahme Nürnberg-Schwandorf übergangsweise als Versorgungssicherheit für andere Strecken. "Das ist für mich ein absolutes No-Go", erteilte Cerny dieser Vorgehensweise eine deutliche Abfuhr.

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Ohne schriftliche Garantie für die Amberger Bahnstrecke gebe es auch keine Stromversorgung. "Ich lasse hier keine Trasse ziehen, damit die Strecke zwischen Nürnberg und Marktredwitz mit Strom versorgt werden kann", äußerte Cerny einen Verdacht. Denn das ist dem Oberbürgermeister aufgefallen: Während die Bahnstromversorgung für unsere Region bereits in Planung ist, existiere eine solche für die Konkurrenzstrecke zwischen Nürnberg und Marktredwitz seltsamerweise nicht. Oder wie es Landrat Richard Reisinger sagte: "Wir werden nicht zulassen, dass man hier Stromtrassen auf Vorrat baut - und dann kommt nichts."

Sollte die Elektrifizierung der Amberger Linie tatsächlich Planungs-Realität werden, dann kann die Umsetzung der Bahnstromversorgung keinesfalls so laufen, wie es die von der Bahn vorgelegten Entwürfe vorsehen. Das machten die beiden Lokal-Politiker am Donnerstag ebenfalls unisono deutlich. Dem Amberger Oberbürgermeister wäre es am liebsten, die Bahn würde die Leitungsmasten gleich auf der eigenen Gleistrasse aufstellen. Entweder neben oder über den ohnehin notwendigen Oberleitungen. "Das müsste meiner Einschätzung nach zwischen Nürnberg und Schwandorf problemlos möglich sein", sagte er.

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Besonders problematisch ist die Vermittlung der Thematik laut Landrat Richard Reisinger in Gemeinden, die mit der Bahn keine direkte Verbindung haben, keine Schienen, keinen Bahnhof. Beispielsweise Illschwang oder Ammerthal im Landkreis. "Außerdem werden wir uns vehement für die Erdverkabelung einsetzen." Es ist laut OB Michael Cerny schon paradox: "Es kann doch nicht sein, dass wir versuchen, wo wir können die Masten unter die Erde zu bringen - und dann stellen wir einen zweiten Mast für die Bahn dazu."

Wir wollen die Metropolbahn – aber nicht zu diesem Preis.


Richard Reisinger und Michael Cerny wollen die Elektrifizierung der Metropolbahn von Nürnberg über Amberg nach Schwandorf und dann weiter in Richtung Prag - darin sind sie sich einig. Was sie nicht wollen, ist der Bau von Stromtrassen der Deutschen Bahn, die dann zur Versorgung anderer Strecken - im schlimmsten Fall der Konkurrenzroute über Marktredwitz - dienen. "Nicht, dass dann die Masten in der Landschaft stehen, und daneben fährt die Diesellok."

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Hintergrund:

Mit Andreas Scheuer über Elektrifizierung geredet

Ein bisschen ärgert sich der Amberger Oberbürgermeister schon, dass er die Gelegenheit nicht beim Schopf gepackt hat. Michael Cerny war nämlich neulich mit dem Bundesverkehrsminister beieinander. Und bei dem Treffen kam auch die Elektrifizierung der Bahnlinie Nürnberg–Schwandorf zur Sprache. Andreas Scheuer habe ihm gesagt, der schriftliche Planungsauftrag für die Maßnahme sei nur noch reine Formsache. Eigentlich müsste der Brief ja schon unterwegs sein. Ist er aber nicht, stellte Michael Cerny am Donnerstag ernüchtert fest und denkt sich insgeheim, er hätte den Scheuer Andy lieber gleich festnageln sollen auf sein Wort.

Tut sich der Oberbürgermeister schon schwer, trifft es den Landrat insofern härter, als einige der betroffenen Gemeinden tatsächlich noch nicht einmal direkten Kontakt mit der Bahn haben – egal, ob die elektrisch oder mit Dieselantrieb fährt. Hier zu vermitteln, warum sie mit den Masten für die Stromversorgung der Bahntrasse leben sollen – das dürfte auch dem bei den Bürgern beliebten Richard Reisinger schwerfallen. (ass)

Kommentar:

Misstrauen ist schon angebracht

Es schwingt eine große Portion Misstrauen gegenüber der Bahn mit in den Aussagen von Oberbürgermeister Michael Cerny und Landrat Richard Reisinger. Denn so ganz deutlich wird es ja nicht, wofür die Deutsche Bahn die neue Stromtrasse bauen wird, die sich quer durch den Landkreis und die Stadt Amberg ziehen wird. Es lässt sich zwar erahnen, dass hier tatsächlich die Stromversorgung für eine irgendwann zu schaffende Elektrifizierung des bisher noch nicht mit Strom versorgten Streckenabschnitts zwischen Nürnberg und Schwandorf geschaffen wird.
Tatsächlich hält sich aber auch der Bauherr selbst, die Bahn, mit konkreten Aussagen zurück. Da ist von einer vorübergehenden Sicherstellung der Versorgungssicherheit anderer Bahnstrecken die Rede, bis die eigentliche Maßnahme umgesetzt werden kann. Etwas kryptisch.
Denn sicher ist zunächst einmal, dass nicht nächste Woche schon die Arbeiter anrücken und die Strecke zwischen den Bahnhöfen Hartmannshof und Schwandorf elektrifizieren. Wir reden hier von Zeiträumen von Jahrzehnten, die noch ins Land gehen, bis man elektrisch von Nürnberg bis Prag durchrauschen kann. Zumindest über Amberg und Schwandorf. Denn tatsächlich ist die identische Maßnahme über Marktredwitz bereits beschlossene Sache. Eine sehr teures Vorhaben übrigens im Vergleich zur eher billigen Metropol-Bahn.
Da liegt der Verdacht irgendwie in der Luft, dass die Oberpfälzer am Ende wieder einmal die Dummen sein werden. Während zwischen Nürnberg und Marktredwitz hochmoderne ICE-Züge in Richtung Prag rauschen, wird der Abschnitt zwischen Nürnberg über Amberg nach Schwandorf zum vernachlässigten Friedhof für Diesellokomotiven. Und direkt daneben läuft die Stromtrasse, die anderswo die modernen Züge versorgt. Ein Verdacht nur, doch hat man schon einmal versucht, die Oberpfalz mit einem industriellen Großprojekt zu rollen. Ziemlich vergeblich übrigens, wie wir wissen.

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