05.05.2020 - 16:43 Uhr
AmbergOberpfalz

Lockdown: Wirtschaft in der Region Amberg stößt bald an ihre Grenzen

10,1 Millionen Kurzarbeiter und 308.000 zusätzliche Arbeitslose – die Wirtschaft in Deutschland stöhnt unter dem Corona-Lockdown. "Lange werden wir uns das nicht mehr leisten können", sagen auch einheimische Mittelständler.

Die neue Firmenzentrale der Grammer AG in Ursensollen wächst stetig weiter. Doch der Umsatz des Automobilzulieferers und Sitzherstellers bleibt in der Corona-Krise hinter den Erwartungen zurück.
von Andreas Ascherl Kontakt Profil

Die Zahlen der Grammer AG (siehe Info-Kasten) sind bereits für das erste Quartal 2020 einigermaßen erschreckend. Ein deutliches Minus bei Umsatz und Erlös spricht eine deutliche Sprache bezüglich des Corona-Lockdowns, der Grammer bereits im Januar in China und ab März in Europa ereilt hat. Kombiniert mit einer allgemeinen Absatzschwäche im Automobilmarkt trifft das das Noch-Amberger Unternehmen hart. "Die Covid-19-Pandemie hat die weltweite Fahrzeugindustrie und damit auch deren Zulieferer massiv getroffen. Als internationaler Partner der großen Premiumhersteller ist das Unternehmen Grammer eng in die globalen Lieferketten eingebunden und spürt den Nachfragerückgang unmittelbar", erläutert der Vorstandsvorsitzende der Grammer AG, Thorsten Seehars, in einer Pressemeldung die Situation.

Lockdown wird ein Problem

"Für den Mittelstand wird der Lockdown ein Riesenproblem", sagt Frank Käfer, Geschäftsführer des Sitzmöbelherstellers Käfer und Hummel in Ursensollen. "Das wird gewaltig unterschätzt." Sein Unternehmen gehöre zu denen, die im Zuge der Corona-Krise Kurzarbeit anmelden mussten. "Weil unsere Kunden zu haben." Aber auch nach den derzeitigen Öffnungen bleiben für Käfer erhebliche Zweifel, wann und ob sich der Mittelstand überhaupt erholen wird. "Wer soll sich denn bitte mit 60 Prozent Kurzarbeitergeld etwas kaufen?", sagt er - allerdings noch vor dem Beschluss der Bundesregierung, das Kurzarbeitergeld anzuheben.

Für den Mittelstand wird der Lockdown ein Riesenproblem.

Frank Käfer, Geschäftsführer des Sitzmöbelherstellers Käfer und Hummel

Frank Käfer, Geschäftsführer des Sitzmöbelherstellers Käfer und Hummel

"Der Mittelstand kämpft, die Gewinner sind die Großen", sagt Frank Käfer. Er hält persönlich auch nichts von den Hilfskrediten für Unternehmen, die von LfA und KfW ausgegeben werden sollen. "Die sind zwar inzwischen zu 100 Prozent haftungsfrei", so kritisiert er. "Werden aber statt wie bisher mit einem jetzt mit drei Prozent verzinst." Und sie müssten innerhalb von zehn Jahren zurückbezahlt werden. "Wer will sich denn in der jetzigen Situation dann noch einmal zusätzlich verschulden?"

Kredite können gefährlich sein

Ähnlich sieht es auch Klaus Herdegen, Geschäftsführer des Kupplungsherstellers Lüdecke. Kurzarbeit hält er persönlich für ein sehr probates Mittel in der jetzigen Situation. "Dann kannst du alle behalten, du musst niemand entlassen." Hier habe Deutschland einen enormen Vorteil gegenüber anderen Ländern - auch im Euroraum. "Alles andere aber ist gefährlich." Hilfskredite oder die Stundung von Steuern und Sozialabgaben zum jetzigen Zeitpunkt hätten einen entscheidenden Nachteil. "Denn wenn es wieder losgeht mit der Wirtschaft, dann muss man als Unternehmen erst einmal in die Vorfinanzierung gehen", rechnet er vor. "Dann ist das dafür dringend benötigte Geld aber nicht da." Dann müsse man Hilfs-Kredite zurückzahlen und neues Geld zusätzlich aufnehmen sowie die Stundungen nachzahlen. "Dann kommt der Effekt doppelt."

Weder Klaus Herdegen noch Frank Käfer gehen leichtfertig mit der Corona-Krise um, das betonen sie immer wieder. Es sei richtig und wichtig gewesen, das Leben in Deutschland und insbesondere Bayern so konsequent herunterzufahren. Doch beide befürchten, dass die lange Dauer des Lockdowns am Ende einen großen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Schaden anrichten könnte. "Wir müssen uns selbst schützen und auch andere", sagt beispielsweise Frank Käfer, der gleichzeitig dafür plädiert, die Wirtschaft jetzt wieder zu starten, weil er sonst den völligen Stillstand und zahlreiche Pleiten fürchtet. "Und wer soll das überhaupt zahlen? Woher kommt das viele Geld, das plötzlich da ist?"

Wie kann es sein, dass eine Facharztpraxis in Amberg Kurzarbeit anmelden muss?

Klaus Herdegen, Geschäftsführer der Lüdecke GmbH, sieht Folgen auch über die Wirtschaft hinaus

Klaus Herdegen, Geschäftsführer der Lüdecke GmbH, sieht Folgen auch über die Wirtschaft hinaus

Klaus Herdegen, der bekannt dafür ist, Dinge sehr genau zu hinterfragen und weit über seinen Horizont als Unternehmer hinauszuschauen, befürchtet neben diesen greifbaren Folgen auch noch viel weiter reichende Folgen des jetzigen Lockdowns. In Krankenhäusern würde wichtige Operationen nicht mehr gemacht, Vorsorgeuntersuchungen bei Ärzten einfach nicht mehr wahrgenommen. "Wie kann es sein, dass eine Facharztpraxis in Amberg Kurzarbeit anmelden muss?", fragt er sich. Was passiere mit der Gastronomie, der Kultur, dem Kontakt mit anderen oder den Grundrechten der Menschen? "Wir haben diese freiwillig abgegeben. Aber wir müssen aufpassen, dass wir am Ende nicht einen chinesischen Überwachungsstaat haben."

Kosten für Versand steigen

Klaus Herdegen jammert nicht, Lüdecke geht es noch einigermaßen gut, die Produkte des Unternehmens werden unter anderem in Beatmungsgeräten eingesetzt. "Im Ausland wird es zum Teil auch schon wieder besser", hat er mit Blick auf den asiatischen und europäischen Markt festgestellt. "Auch der Versand funktioniert, aber es wird teuer." Ein Problem hat Lüdecke trotzdem: Die Schließung der Behindertenwerkstätten. Rund 800 Menschen arbeiten in solchen Einrichtungen für das Amberger Unternehmen. "Die sind uns von heute auf morgen weggefallen", sagt Klaus Herdegen. "Jetzt sitzen meine Frau und ich am Abend daheim und stecken O-Ringe auf Kupplungen."

Auch für Klaus Herdegen gibt es zu den baldigen Lockerungen keine Alternativen. "Wir können doch nicht sagen, wir treffen uns überhaupt nicht mehr", unterstreicht er den gesellschaftlichen neben dem wirtschaftlichen Aspekt der Corona-Quarantäne. Ausreichend Schutz ja, übervorsichtiges Handeln nein, so lautet seine Devise. Und er hat festgestellt, dass die gesellschaftlichen Beschränkungen im Gegensatz zu Bayern anderswo ohne drastische Strafen und Drohungen funktionieren. "Ich war in Baden-Württemberg, da ist die Lage viel entspannter und die Leute halten sich trotzdem dran."

Negative Entwicklung bei der Grammer AG:

Erlös und Umsatz gehen zurück

Auch wenn der Lockdown, das schnelle Herunterfahren der Gesellschaft, in Deutschland erst Mitte März stattgefunden hat, die Grammer AG merkt die Corona-Krise schon jetzt in ihrer Bilanz für das erste Quartal 2020. Das liegt unter anderem daran, dass diese Maßnahmen in China, wo das Unternehmen ebenfalls Werke besitzt, bereits Mitte Januar über die Bühne ging. Zudem schwächelt die Automobilindustrie, der Hauptkunde von Grammer, zum Teil ganz erheblich. Der Konzernumsatz im ersten Quartal 2020 belief sich auf 454,9 Millionen Euro und lag damit um 79,2 Millionen Euro oder 14,8 Prozent unter dem Vergleichsquartal des Vorjahres. "Der durch die Auswirkungen der Covid-19-Pandemie ausgelöste Nachfrageeinbruch traf dabei auf bereits seit dem zweiten Halbjahr 2019 schwächere Absatzmärkte", heißt es dazu in einer Pressemeldung aus dem Hause Grammer. Die temporären Werksschließungen begannen Ende Januar 2020 wegen staatlicher Anordnungen in China. Dort konnte die Produktion ab Anfang März jedoch wieder sukzessive aufgenommen werden. Mitte März folgten dann Schließungen in den europäischen und amerikanischen Standorten aufgrund von Produktionsstopps der Kunden in diesen Regionen. Bedingt durch die eigenen Werksschließungen und Sonderbelastungen aus Währungskursen sank das EBIT (Gewinn vor Zinsen und Steuern) im ersten Quartal auf -2,1 Millionen Euro. Ein Jahr zuvor waren es noch plus 24 Millionen Euro gewesen. Bereinigt um Währungseinflüsse von rund 2,5 Millionen Euro blieb am Ende ein Plus von 0,4 Millionen Euro. "Trotz unserer sofortigen Maßnahmen und der konsequenten weiteren Umsetzung des Performance-Programms sowie der Einführung von Kurzarbeit an allen Standorten, war es nicht möglich, die Auswirkungen dieses starken Umsatzrückganges auf das Ergebnis der Gruppe zu kompensieren", so der neue Vorstandsvorsitzende der AG, Thorsten Seehars. (ass)

Zur Lage der Wirtschaft in der Region Ende 2019

Amberg
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