27.05.2021 - 17:58 Uhr
AmbergOberpfalz

Lüge rettet Amberger im Zweiten Weltkrieg das Leben

Sein damaliger Schuldirektor nahm Georg Küspert Anfang 1945 seinen Einberufungsbescheid weg. Höchstwahrscheinlich ist das der Grund dafür, warum der ehemalige Leiter des Amberger Jugendamts jetzt seinen 92. Geburtstag feiern kann.

Zwischen diesen beiden Bildern liegen annähernd 77 Jahre. Georg Küspert mit seinem jüngeren Ich im noch hervorragend erhaltenen Flugbuch aus dem Jahr 1944.
von Andreas Ascherl Kontakt Profil

Amberg, 11. April 1945, gegen 14.30 Uhr. Von seinem Elternhaus am Westhang des Mariahilfbergs aus hat der fast 16-jährige Georg Küspert einen freien Blick hinüber zur Luitpoldhütte. Die Großeltern laufen nach dem Bombenalarm mit fliegenden Rockschößen und unter dem Verlust ihrer Schuhe zum Erdbunker, den der Vater im nahen Wald gebaut hat. Doch Georg sieht fasziniert zu, wie die amerikanischen Flugzeuge die Bomben über den Reichswerken Hermann Göring ausklinken, wie das Werk zu dem Zeitpunkt heißt. "Die Druckwellen waren bis hier oben zu spüren", erinnert sich Küspert noch heute.

Einer der ältesten noch lebenden Volkssturmmänner

Amberg, 14. Mai 2021, gegen 15.30 Uhr. Der fast 92 Jahre alte Georg Küspert wohnt immer noch in seinem Elternhaus am Aschacherweg. Der Blick zur Luitpoldhütte ist noch immer frei und unverbaut. Und so kann der "beinahe älteste noch lebende Volkssturmmann Ambergs" die Geschichte vom Bombenangriff noch einmal in seiner Erzählung erleben. Die Schrecken des Zweiten Weltkriegs, die Wirren des Kriegsendes, das Amberg am 23. April 1945 ereilte, sind lange vorbei – doch für Georg Küspert und viele seiner Altersgenossen, die noch leben, sind sie nicht vergessen.

Georg Küspert kennen viele Amberger noch als Leiter des städtischen Jugendamts. Er war sehr streng, bei manchen jungen Leuten auch gefürchtet. Doch das ist Jahrzehnte vorbei und längst vergessen. Die Geschichte, die Georg Küspert zu erzählen hat, spielt lange vor der Zeit, in der er Sozialpädagogik studiert hat und seine Karriere bei der Stadt Amberg begann. Damals, 1944 und 1945, war Georg Küspert noch ein Hitlerjunge. Einer, der es nicht leicht hatte in der Jugendorganisation des Nationalsozialismus, weil er aus einem sozialdemokratischen Elternhaus stammte und dessen Mutter wegen Wehrkraftzersetzung im Gefängnis saß. "Weil sie halt immer ihren Mund nicht halten konnte."

Den Letzten droht die Einberufung zur Waffen-SS

Bei Küsperts daheim nahm man es verständlicherweise nicht sonderlich ernst mit der nationalsozialistischen Dienstpflicht. Der 15-jährige Georg kam so selten in die Gruppenstunden der HJ, dass er als Strafe keine Winterkleidung bekam. Georg besuchte damals die Oberrealschule (heute Gregor-Mendel-Gymnasium), für ihn stand bereits 1944 fest, dass er einmal Flieger bei der Luftwaffe werden würde. "Wer sich nicht rechtzeitig freiwillig gemeldet hatte, der musste am Ende zur Waffen-SS", begründet Küspert die frühe Entscheidung. Und so absolvierte er im Jahr 1944 zwei Lehrgänge in der Segelflugschule am Sessenreuther Berg im oberfränkischen Wirsberg. Eine Tatsache, die Georg Küspert vielleicht das Leben gerettet hat.

Anfang 1945 zeichnete sich das Ende des Dritten Reichs schon sehr deutlich ab. Die Wehrmacht musste an allen Fronten zurück, Russen und Amerikaner drangen auf Reichsgebiet vor. In der Heimat sollte es nun der Volkssturm richten, das letzte Aufgebot der Alten und ganz Jungen. "Wir haben zu diesem Zeitpunkt immer noch an den Sieg geglaubt, an die von Hitler versprochenen Wunderwaffen", schildert Georg Küspert die Stimmung in Amberg. Die Ausbildung im Volkssturm war "straff und konsequent", erinnert er sich. Theorie gab es im Marienheim, dazu kam eine praktische Ausbildung an Schusswaffen wie Pistolen, mit Landminen und der Panzerfaust.

Von Julian Keppner militärisch ausgebildet

Militärischer Ausbilder des Volkssturms war Oberfeldwebel Julian Keppner, ein Mann, der seine Aufgabe sehr ernst zu nehmen schien – und im Hintergrund mit einer Gruppe von Verschwörern bereits an Plänen für eine kampflose Übergabe der Stadt an die Amerikaner arbeitete. Georg Küspert wusste von all dem nichts, er erlebte die ganze Härte der Volkssturmausbildung. Unter anderem erinnert er sich an einen Vorfall bei einem Übungsschießen auf dem Stand am Kugelfang. "Wir sollten dort auf einer Pritsche liegend drei Schuss aus der Pistole abgeben", erzählt Küspert. "Da war ein gewisser Brunner, der musste als so genannter Versager die Ausbildung noch einmal machen." Das Problem des jungen Burschen: Er wollte nicht schießen. "Am Ende haben ihn zwei Mann auf die Holzpritsche gezerrt und er musste Rotz und Wasser heulend seine drei Schuss abgeben", erinnert sich Küspert.

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Kurz vor dem Einmarsch der Amerikaner erhielten die jungen Volkssturmmänner den Befehl, sie sollten sich in kleinen Gruppen nach Waldmünchen durchschlagen und dort eine neue Front aufbauen. "Die sind aber nur bis Engelsdorf gegangen und haben sich dann über die Pfaffenleite wieder zurück nach Amberg geschlichen und sich dort versteckt", sagt Georg Küspert. "Damals waren plötzlich alle Gartenhäuser um Amberg herum bewohnt", scherzt er. Die jungen Burschen versteckten sich lieber, als sich in sinnlosen Kämpfen abschlachten zu lassen. Georg Küspert selbst war da nicht mehr dabei, er hatte seine Einberufung zur Luftwaffe in Pocking schon in der Tasche. Er selbst glaubt heute, dass er auch hingefahren wäre. Dass er dort in eine der Einwegraketen Bachem Ba 349 "Natter" gestiegen und gegen amerikanische Flugzeuge gekämpft hätte – den sicheren Tod vor Augen. "Die Amerikaner, das waren doch unsere Feinde", sagt er. "Die haben doch auf alles geschossen."

Direktor nimmt ihm den Einberufungsbescheid weg

Doch Küspert ist nie los gefahren. Oberstudiendirektor Nonnenmacher, der Chef der Oberrealschule, nahm ihm kurzerhand den Einberufungsbescheid weg. Er habe mit seiner Segelflug-Ausbildung genug Unterricht versäumt, sei die offizielle Begründung seines Direktors für diesen Schritt gewesen. "Er hat mir gesagt, er hat den Einberufungsbescheid zurückgegeben", sagt Georg Küspert – und wusste wohl schon damals, dass das eine glatte Lüge war. Sein Direktor wollte einfach verhindern, dass der noch nicht einmal 16 Jahre alte Bursche einen sinnlosen Tod stirbt. "Wir hätten deswegen beide Schwierigkeiten bekommen können." Stattdessen verbrachte Küspert aber die letzten Kriegstage daheim in seinem Elternhaus.

Ganz deutlich erinnert er sich an die Nacht vor dem Einmarsch der Amerikaner, an den 22. April 1945. Sein Vater war Teil der Volkssturmtruppe, die in der damaligen Schreinerei Frauendorfer untergebracht war und unter anderem den Auftrag hatte, die nahe Bahnbrücke zu sprengen. Das taten die Volkssturmmänner auch, ansonsten achteten sie penibel darauf, dass dem Feind die Schnapsvorräte der Truppe nicht in die Hände fielen. Zweimal kam Vater Küspert in dieser Nacht hoch in sein Haus, jedes Mal beladen mit Lebensmitteln, die er abgezweigt hatte. Und schwer betrunken, wie sich Georg Küspert bis heute erinnert. Als er nach seiner letzten Tour wieder in den Keller der Schreinerei gehen wollte, explodierte die Bahnbrücke nur wenige Meter neben ihm. "Da war er auf einen Schlag wieder nüchtern." Aber er blieb unverletzt.

Mit ihren Panzern besetzten die Amerikaner im April 1945 die Stadt Amberg - hier eines der ersten Exemplare vor dem Vilstor, neugierig beäugt von deutschen Kindern. Sie wären nicht davor zurückgeschreckt, die Stadt bei Beschuss völlig zu zerstören.

Volkssturm ist einfach heim gegangen

So sehr die alten Volkssturmleute auch getrunken hatten, sie erinnerten sich noch lebhaft an die Schrecken des Ersten Weltkriegs, die sie zum großen Teil miterlebt hatten. "Die haben sich einfach geweigert zu schießen", schildert Küspert die späteren Erzählungen seines Vaters. "Und dann haben sie dem Wiedemann, dem Anführer des Volkssturms, gesagt, sie gehen jetzt heim. "Dann erschießt mich doch gleich", habe der noch gerufen. "Aber dem wollte doch niemand was tun." Für Georg Küspert sind diese Volkssturmmänner die eigentlichen Helden bei der Übergabe von Amberg an die Amerikaner. Hätten sie geschossen, der Stadt wäre es wohl gegangen wie Neumarkt, das nach deutschem Beschuss von den Amerikanern fast völlig zerstört worden ist.

Dann war der Krieg plötzlich vorbei und Amberg besetzt. Ob dabei die weiße Fahne eine Rolle gespielt hat, die von der Dreifaltigkeitskirche geweht hat, kann Georg Küspert nicht beurteilen. "Von der Bayreuther Straße aus, von wo die Amerikaner einmarschiert sind, haben sie diese jedenfalls nicht gesehen." Möglicherweise gab es aber eine Mitteilung von der Army-Einheit, die sich bereits in Raigering befand. Er selbst kann sich noch erinnern, wie amerikanische Soldaten die Wolfsschlucht mit Gebrüll hinauf in Richtung seines Elternhauses gestürmt sind. Ungefähr 250 Meter vom Haus entfernt kehrten sie aber wieder um. "Schließlich haben wir weiße Tücher rausgehängt."

Einer der letzten Zeitzeugen

Amberg, 14. Mai 2021, 16.30 Uhr. Georg Küspert ist am Ende seiner Geschichte angekommen. Die natürlich noch viel umfangreicher war, als hier dargestellt. Aber ihm war es wichtig, diese Erinnerungen noch an die Öffentlichkeit bringen, heute, zwei Tage vor seinem 92. Geburtstag. Weil er einfach einer der letzten Zeitzeugen ist, der noch erzählen kann, wie das war 1944/1945, als ein vorgeblich 1000-jähriges Reich in nur wenigen Monaten aus der Geschichte verschwand.

Bis zu dieser Heckenreihe stürmte eine amerikanische Einheit am 23. April 1945 den Mariahilfberg hoch. Georg Küspert erinnert sich noch sehr genau an diesen Augenblick.

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