26.05.2020 - 09:06 Uhr
AmbergOberpfalz

Luftangriff auf die Luitpoldhütte am 11. April 1945 hat sich tief eingeprägt

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Hans Meßmann war 1945 sieben Jahre alt. Aber an den Luftangriff am 11. April kann er sich noch genau erinnern. Die Bilder gehen ihm nicht aus dem Kopf. Es war der Tag, an dem der Bub seinen Vater verlor.

Eine Aufnahme der Luitpoldhütte aus dem Jahr 1928. Bilder der Luitpoldhütte aus der Zeit des "Dritten Reichs" sind Mangelware. Was womöglich auch mit der Angst vor Spionage zu tun hatte.
von Markus Müller Kontakt Profil

Inspiriert durch den Artikel „Vor 75 Jahren: Bomben fallen auf das Heereszeugamt“ von Dieter Dörner, der die Luftangriffe auf die Stadt kurz vor Kriegsende beschreibt, hat Hans Meßmann seine Eindrücke vom 11. April 1945 aufgezeichnet.

Der Artikel zum Kriegsende in Amberg, der Hans Meßmann dazu brachte, seine Erinnerungen zusammenzufassen

Amberg

Obwohl die Ereignisse schon 75 Jahre zurückliegen, kann er sich an den Fliegerangriff an diesem Tag, der den Luitpoldhütten-Bahnhof zum Ziel hatte, noch gut erinnern: „Ich weiß das deshalb so genau, weil an diesem Tag unser Vater durch den Fliegerangriff ums Leben kam.“

Laut Meßmann trug sich das Ganze so zu: „Die Flugzeuge kamen aus Richtung Süd-West über die sogenannte Platte und flogen sehr hoch, weil auf der Platte eine Flak-Stellung zur Fliegerabwehr vorhanden war. Aufgrund dieser enormen Höhe klinkten die Flugzeugbesatzungen ihre todbringenden Bomben zu früh aus. Die erste Bombe explodierte zwischen dem Zementwerk und dem Gasthaus Meßmann, und weitere Bomben in Richtung Bahnhof Luitpoldhütte. Unter der Flugschneise befand sich das Kriegsgefangenenlager. Dort wurden nach einem Fliegeralarm die Kriegsgefangenen eingesperrt. In unmittelbarer Nähe waren die sogenannten Wagnerhäuser. Wagnerhäuser deshalb, weil der Polier der Baufirma Wagner hieß. Auch diese Häuser wurden total zerbombt. Elf Bewohner dieser Häuser verloren ihr Leben.“

Als die US-Armee vorrückte

Weiden in der Oberpfalz
Dieses Bild zeigt das Zementwerk der Luitpoldhütte mit einem Zug davor. Laut Heimatpfleger Dieter Dörner galt der Luftangriff am 11. April nicht der Luitpoldhütte, sondern einem Munitionszug am Bahnhof Luitpoldhütte.

Nach Meßmanns Recherchen wurden Frau Lederer mit ihren drei Kindern, zwei Simon-Kinder, Anna Pletschacher, Marianne Farin und drei Soldaten getötet.

Meßmann weiter: „Die ebenfalls in den Wagnerhäusern lebende Frau Prem war damals noch ein Baby und blieb unter Bauschutt und einem Holzbalken im Babybett unverletzt am Leben.“

Im Gedächtnis geblieben ist Hans Meßmann auch der im Ersten Weltkrieg mit der Bayerischen Verdienstmedaille und dem Orden „Pour le Merite“ ausgezeichnete Metzgermeister Kalb. „Er betrieb in seinem eigenen Wagnerhaus eine Metzgerei. Kriegserfahren baute er sich noch während des Krieges in Eigenleistung im Abstand von circa 50 Metern zu seinem Haus einen Bunker in Leichtbauweise. Somit waren die Insassen – seine Kinder Gisela und Josef und seine Verkäuferin Resi Krieger – während des Fliegerangriffs zumindest gegen Bombensplitter geschützt. Alle drei blieben unverletzt. Josef Kalb schaffte es nicht mehr in den Bunker und verkroch sich in seiner Wurstküche unter einem Kutter. Auch er blieb unverletzt. Frau Kalb schaffte es ebenfalls nicht mehr in den rettenden Bunker und blieb wie durch ein Wunder im total zerstörten Wohnhaus ebenfalls am Leben.“

"Ganz schlimm traf es das Russenlager"

Auch vom Geschehen im Kriegsgefangenenlager kann Hans Meßmann berichten: „Ganz schlimm traf es das Russenlager; fehlgeleitete Bomben fielen auf die Baracken, in denen die Kriegsgefangenen eingesperrt waren. Nach der Entwarnung trugen die überlebenden Kriegsgefangenen ihre Toten und schwer verletzten Kameraden in das angrenzende Anwesen der damaligen Gastwirtschaft Meßmann.

Nach dem Aussortieren legte man die in Zementsäcken eingepackten circa 40 Toten auf die vorbeiführende Straße. Da sah ich zum ersten Mal – als Siebenjähriger – einen toten Russen ohne Kopf. Die Schwerverletzten wurden im Biergarten abgelegt. Dieser Anblick bot sich uns nach dem Fliegerangriff. Die toten Russen hat man dann in einem Bombentrichter beerdigt. Was mit den Schwerverletzten geschah, konnte nicht mehr ermittelt werden.“

Bombe fällt genau auf Bunker

In „eigener Sache“ schreibt Meßmann folgendes: „Mein Vater war als Maschinist in der Luitpoldhütte beschäftigt. Unter anderem arbeitete er auch mit Kriegsgefangenen zusammen. Im Laufe der Zeit entstand aus der Zwangsarbeit ein gutes menschliches Verhältnis, so dass mein Vater die ihm unterstellten Kriegsgefangenen nach Feierabend bis in das Barackenlager begleiten musste. Auf dem Weg von ihrem Arbeitsplatz zum Lager ertönte plötzlich Fliegeralarm. Fünf oder sechs Russen sowie mein Vater flüchteten sofort in einen in der Nähe befindlichen Leichtbaubunker. Und jetzt nahm das Schicksal seinen Lauf, denn ausgerechnet auf diesen Bunker fiel eine Bombe. Mit dem fürchterlichen Ergebnis, dass alle in den Bunker geflüchteten Personen bis zur Unkenntlichkeit zerfetzt wurden. Die Leichenteile wurden zusammengeschaufelt und zum Katharinenfriedhof nach Amberg gebracht und dort in einem Massengrab beerdigt.“

In dieser Angelegenheit hat sich Hans Meßmann nicht nur auf seine eigenen Erinnerungen verlassen, sondern sich diesen Sachverhalt „in mühseliger Kleinarbeit nach Telefonaten mit drei noch lebenden Zeitzeugen bestätigen lassen“.

Luftangriffe auf die Stadt Amberg

Amberg
Die Luitpoldhütte und ihr Umfeld im Jahr 1928 aus der Luft.
Hintergrund:

Bis zu 200 Todesopfer durch Luftangriff

Auch die jüngste wissenschaftliche Arbeit über Amberg in dieser Zeit (Laura Hanel, Amberg und der Nationalsozialismus, Amberg 2019, Seiten 326 bis 328) enthält einige Angaben zum Luftangriff auf die Luitpoldhütte am 11. April 1945. Demnach warfen die amerikanischen Bomber an diesem Nachmittag innerhalb weniger Minuten vom Erzberg bis zum werkseigenen Bahnhof rund 90 Bomben ab. Danach lag etwa ein Drittel des Werks in Trümmern. In den Erzgruben wurden die Stollen überflutet und die Arbeit im Bergwerk kam zum Erliegen. In Witzlhof „waren die Wohnhäuser entlang der Sulzbacher Straße regelrecht ausgelöscht worden“. Hier lagen auch die „Wagnerhäuser“. Laut Lara Hanel forderte dieser Luftangriff 100 bis 200 Tote. „Circa 70 Opfer waren Beschäftigte der Luitpoldhütte, darunter vor allem russische Kriegsgefangene, Zwangsarbeiter und deren Bewachungssoldaten. Die meisten davon waren während des Beschusses in die Deckungsgräben nahe der Baracken geflüchtet und dort verschüttet worden. Unter den Toten waren aber auch zahlreiche Bewohner der an die Luitpoldhütte angrenzenden Wohnhäuser.“

Laut Heimatpfleger Dieter Dörner galt der Luftangriff am 11. April nicht der Luitpoldhütte, sondern einem Munitionszug am Bahnhof Luitpoldhütte. "Doch Leidtragende war die Luitpoldhütte und hier primär das Zementwerk und durch Stromausfall der Bergbau." (ll)

Was aus dem Unternehmen Luitpoldhütte geworden ist

Amberg

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