19.11.2020 - 11:03 Uhr
AmbergOberpfalz

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Im Mittelalter wird der Nachttopf einfach durch das Fenster auf die Straße entleert - Amberg bildet da keine Ausnahme. In den Physikatsberichten steht viel über die Gepflogenheiten im 19. Jahrhundert. Besser gerochen hat es wohl in der Stadt immer noch nicht.

Die Zugänge zu den Außentoiletten am Wassertorbau des Amberger Schlosses. Am unteren sind noch die Kragsteine zu sehen.
von Externer BeitragProfil

Von Dieter Dörner

Über "Stille Örtchen mit Geschichte" war in der letzten OWZ vom 14./15. November zum Welttag der Toilette zu lesen - ein Thema, zu dem es viel zu berichten gibt - diesmal aus Amberg.

In den sogenannten Physikatsberichten, erstellt 1860 von den Amtsärzten auf Weisung des Königs, für die Stadt Amberg ist zu lesen: "Was die Lage der Aborte und Düngerstätten in den Wohnhäusern der Stadt Amberg betrifft, so muß hier gesagt werden, daß die Abtritte in der größeren Mehrzahl der Häuser schlecht angebracht sind und daß die Abflüsse der Ställe und Mistjauchen in den Strassen Ambergs ebenso zu finden sind wie auf jedem Dorfe. Die Anordnungen der kgl. Regierung ... (bezüglich; Anm. d. Red.) der Einrichtung der Düngerstätten, die Handhabung der Reinlichkeits- und Strassenpolizei betreffend, haben in Amberg noch keinen Vollzug gefunden. Wenn, wie dieß in Amberg der Fall, vom 1. ten Mai bis Ende October jeden Jahres circa eintausend Stück Hornvieh von den Oekonomie treibenden Bürgern täglich 2 Mal durch die Strassen der Stadt zur Weide getrieben, wenn täglich Fuhren Dünger auf schlecht construirten Wagen aus der Stadt geführt werden, so ist es nicht anders zu erwarten, als daß die Strassen der Stadt fast immer mit Kuhmist und verlorenem Dünger bedeckt sind ...

Schissgraben

Das war die gute alte Zeit! Gerichtsakten aus den 1950er Jahren belegen, dass damals, zumindest auf dem Land, der Nachttopf oft noch durch das Fenster entleert wurde. Im Mittelalter war dies, bei Gefährdung des Publikums auf der vorbeiführenden Straße, an der Tagesordnung. Nicht viel hygienischer war die Entleerung des Nachttopfes in den sogenannten Ehgraben, auch Schissgraben genannt, eine Lücke zwischen zwei Häusern, die wohl dem Feuerschutz diente, jedoch zur Entsorgung von Fäkalien zweckentfremdet wurde. Hatte der Unrat den Fenstersims erreicht, war die Beseitigung Aufgabe des Wasenmeisters und seiner Gesellen.

Während des Österreichischen Erbfolgekrieges vor gut 200 Jahren haben über 2000 in der Kaserne in der Kasernstraße in Amberg einquartierte Soldaten ihr Geschäft in den Stadtgraben (vor der ersten Stadtmauer) erledigt. Und ab ging's in die Vils. Das "Wasser" - oder besser die Jauche - im Stadtgraben diente jedoch auch dem Antrieb von Wasserrädern und dem Feuer löschen.

Fette Karpfen gefischt

Kanal war auch der Stadtgraben vor der zweiten Stadtmauer. Im 16. Jahrhundert war es Ehrensold der Bürgermeister, dass sie darin fischen durften. Und es waren fette Karpfen!

Um 1920 bekam Amberg, wie auch viele andere Städte, die erste Kläranlage. Kläranlagen waren bis weit über die Mitte des 20. Jahrhunderts auch Karpfenteiche, die einmal jährlich abgefischt wurden. Doch diente der Karpfen nicht nur als Nahrungsmittel, er war auch Indikator für die Verunreinigung des Abwassers mit Chemikalien. Doch Amberg war fortschrittlich, denn bereits im Mittelalter gab es hier ein Wasserklosett.

So heißt es um 1400 in den Archivalien: "Meine gnädige Frau hieß mich, einen neuen Gang über das Wasser machen (...)." Und so veranlasste König Ruprecht den Bau eines überdachten Abortes über die Vils, direkt neben dem Kapellenerker am Haus der Frau Pfalzgräfin (Klösterl). Auch die Hofdamen erhielten ein "heimlich Gemach". Man kann es nur nicht mehr lokalisieren.

1630 musste man aus Platzmangel im Wehrgang des Wassertorbaus (Stadtbrille) des kurfürstlichen Schlosses Dienstbotenwohnungen einrichten. Die notwendigen Aborte wurden, wie damals an repräsentativen Bauten üblich, an der Außenwand, direkt über der Vils, auf Kragsteine gestellt. Die Benützer mussten sich nur mit der Schifffahrt arrangieren.

"Modern" wurde es in Amberg Ende des 19. Jahrhunderts. Die Stadt wurde an die öffentliche Wasserversorgung angeschlossen. Den Kanalbauern vorauseilend - die Kanalisation wurde erst um 1920 verlegt - hatte das Hotel "Vier Jahreszeiten" in der heutigen Bahnhofstraße für die Gäste Spülklosetts eingerichtet. Doch wo die Exkremente entsorgen? Der Stadtgraben war 80 Meter unterhalb. Im offenen Gerinne dorthin konnte man morgens Zeitung lesen, Toilettenpapier war ja noch nicht erfunden worden.

Im Schritt offen

Die Generation unserer Urgroßeltern erinnert sich noch an die unten offenen Damen-Unterhosen. Es war sicher ein Zugeständnis an das weibliche Geschlecht, da die Männer es ja einfacher haben. Das Kleidungsstück war im Schritt offen. Ein paar Schritte zur Seite und schon plätscherte es unter dem Rock hervor.

Wir alle kennen das von Friedrich Schiller entliehene Sprichwort "Ich kenne meine Pappenheimer". So ist bei einem Reichstag in Regensburg angesichts der schwergewichtigen Diplomaten der Boden durchgebrochen. Die hohen Herren landeten, wie peinlich, in der darunter liegenden Abortgrube. Der Marschall von Pappenheim gab im Auftrag des Kaisers seinen Knechten die Order, die Grube künftig zu reinigen. Heute wird der Ausspruch meist schmunzelnd abwertend verwendet.

Natürlich gab es auch bei uns Abortgruben, die je nach Notwendigkeit vom Wasenmeister, oft unter Aufsicht eines städtischen Beamten, geleert werden mussten. Schließlich wurde in diesen Entsorgungseinrichtungen auch Diebesgut, oft sogar ein unerwünschter Säugling, beseitigt.

Den Medizinern waren die Gruben ein Dorn im Auge, schließlich trugen sie zur Verunreinigung des Grundwassers bei. Heute freuen sich die Archäologen über diese Fundgruben. (ddö)

Ein zugemauerter Schissgraben. Einst war er offen, nun hat er eine Tür.
„Man geht, man geht“ rief das Publikum, trotzdem wurde der Nachttopf auf die Straße entleert.

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