12.11.2020 - 10:19 Uhr
Neustadt an der WaldnaabOberpfalz

"Stille Örtchen" mit Geschichte

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Am 19. November wird der Tag der Toilette gefeiert. Im alten Rom werden beim Geschäft Geschäfte gemacht, das Plumpsklo von Pharao Ramses III. ist heute noch zu bewundern. Und wer die Burgen der Oberpfalz genau betrachtet, wird so manchen Abort-Erker entdecken.

Deutlich sind die Halterungen für den Abort- oder Abtritterker an den Außenmauern der Burg Leuchtenberg noch zu sehen.
von Rainer ChristophProfil

Der Lehrer und Oberpfälzer Schriftsteller Anton Wurzer, Ehrenbürger von Weiden, schrieb viele Geschichten aus seinem Lehrerleben auf. Sie handeln zum Großteil an Dorfschulen im Altlandkreis Vohenstrauß. Eine Episode betrifft die Geschichte eines Erstklässler kurz nach der Einschulung: Eines Tages fiel ihm der kleine Hansl auf, der auf der Bank hin und her rutschte und ganz nervös blickte. Wurzer merkte, dass der Hansl dringend ein stilles Örtchen brauchte.

"Lauf Hansl, lass dich nicht aufhalten." Kaum gesagt, flitzte der Bub durch die Tür. Nach zwei Minuten kam er aufgeregt und von einem Bein aufs andere hüpfend ins Klassenzimmer gestürzt und rief verzweifelt: "Lehrer, wo habt's ihr den Mist?" Oh weh, schoss es ihm durch den Kopf, der Hansl, der von einem Einsiedlerhof stammte, erkannte das Aborthäuschen im Schulhof nicht und suchte, wie daheim, den Misthaufen, den es in einer Schule natürlich nicht gab. Wie die Geschichte ausging, bleibt in der Episode offen.

Bedürfnisanstalten

Und schon sind wir mitten drin im Thema: berühmte Klohäuschen, Plumpsklos, stille Örtchen, Latrinen oder feiner gesagt, Toiletten. Ein Thema, das ein Schattendasein führt, aber nie seine Bedeutung verloren hat. Weit geht die Geschichte dieser Bedürfnisanstalt zurück. Mein Freund Rudi P., ehemaliger Lehrer auf der einklassigen Schule der Altglashütte im Landkreis Tirschenreuth, sprach stets von "Befreiungshalle".

Pyramiden-Besucher erinnern sich vielleicht an das noch gut erhaltene Plumpsklo von Pharao Ramses III. Im ägyptischen Totentempel steht wohl die älteste jemals entdeckte Toilette. Der Pharao lebte im 12. Jahrhundert vor Christi Geburt. Auch im Zweistromland Mesopotamien wurden Toiletten gefunden. Griechen und Römer zeigten sich, was die Toilettenanlagen anbelangte, ungeniert. Da standen Dutzende öffentliche Kloschüsseln nebeneinander - ohne Abtrennung. Es war das Natürlichste der Welt bei einem Gespräch sein Geschäft zu verrichten. Sehenswert sind die teilweise noch sehr gut erhaltenen öffentlichen Latrinen aus dem Römischen Reich.

Fäkalien in den Straßen

Im Mittelalter wurde es deutlich unhygienischer als bei den alten Römern. In den Städten liefen die Fäkalien nicht selten durch die Straßen und verbreiteten besonderes im Sommer einen bestialischen Gestank. Toiletten waren selbst in höhergestellten Bevölkerungsschichten rar.

In den Burgen gab es Abort- oder Abtritt-Erker an den Außenmauern, da entledigte man sich seiner Notdurft über ein schlichtes Loch im Boden und alles fiel in den Burggraben. Gut sichtbar sind die Halterungen für den Abort an der Westseite der Burg Leuchtenberg. Weil es vielen Bewohnern zu mühsam erschien, die Abort-Erker im Freien aufzusuchen, kippten sie einfach den Inhalt ihrer Nachttöpfe aus den Fenstern.

In der Literatur findet sich vieles über den Gestank am Hof des Sonnenkönigs im Schloss Versailles. Angeblich soll es im Prachtbau bei allem Überfluss nur zwei Waschbecken und keine Toilette gegeben haben. Ludwig XIV. soll seine Notdurft vorwiegend hinter Vorhängen verrichtet haben, seine Gäste nutzen Blumenvasen und andere Töpfe. Im Spätbarock kam die Mode auf, mit Parfüm alle übelriechenden Düfte zu übertünchen.

Es gibt kein Geschichtsbuch, in dem nicht das Kapitel Hygiene in den mittelalterlichen Städten aufgegriffen wird. Die Beseitigung der Abfälle und Fäkalien ist stets eng mit den Stadtbächen verbunden. Am Ende lief die gesamte Unratbeseitigung mit Fäkalien über die Bäche, die durch die Ortschaften dahin plätscherten. Auch Weiden hatte seinen Stadtbach, noch heute ist er von der Kurt-Schumacher-Allee und dem Neuen Rathaus her zu erkennen. Der Stadtbach diente vorwiegend dem Feuerschutz. Aber er diente auch den Frauen als Waschplatz. Bei Seuchengefahr durfte unter Strafe keine Seife für die Wäsche am Stadtbach verwendet werden.

Sage um den Stadtbach

Aus Weiden gibt es sogar eine Sage zum Stadtbach. Es heißt: "Wenn während der Christmette die Glocken zur Wandlung geläutet haben, ist am Pfarrplatz bei der Michaelskirche eine Frau erschienen. Die hat im Stadtbach Windeln gewaschen, und das hat fürchterlich gestunken. Niemand hat die Frau gekannt. Es heißt, sie hätte einmal die Windeln gewaschen, statt den Gottesdienst zu besuchen. Zur Strafe müsse sie nun alljährlich diese Arbeit wiederholen."

Stadtbäche und Abwasserkanäle waren immer wieder Auslöser für die Cholera. Erst sehr spät wurde erkannt, dass die Hygiene verbessert werden muss. Hoffnungslos überfordert war die Medizin im Jahr 1836/37 als die Seuche erbarmungslos um sich griff. Kein Wunder, bis dahin leerten viele Menschen den Inhalt ihrer Nachttöpfe hemmungslos vor der Haustüre aus. Der Grund: Es war vielfach verboten in Städten Toiletten zu bauen.

Öffentliche Bedürfnisanstalten sind in Mitteleuropa nicht unbekannt. In der Stadt Köln soll sich in der Nähe des Doms bereits vor dem Jahr 1250 eine Einrichtung befunden haben. So richtig durchgesetzt haben sich die öffentlichen Klohäuschen in allen Größenordnungen erst im 19. Jahrhundert. Da das Betreiben derartiger öffentlicher Anstalten für die Gemeinden kostspielig war, wurden die "stillen Örtchen" im Laufe der Zeit stillgelegt.

Vor rund 425 Jahren wurde in England die erste Toilette mit Wasserspülung erfunden, sie konnte sich jedoch nicht durchsetzen. Offen für die Erfindung war jedoch Königin Elizabeth I.. Sie ließ sich ein solches WC in ihrem Schloss einbauen. Bekannt ist, dass im Schloss Ehrenburg in Coburg 1860 ein solches WC versteckt hinter einer fingierten Wand eingebaut und installiert wurde. Importiert wurde sie für Queen Victoria, die dort häufig zu Gast bei ihren Verwandten war, eigens aus England. Die einfachen Leute in der Stadt und auf dem Land hatten ihr Klohäuschen aus Holz hinter dem Haus. Die Herz-Verzierung ist ein eindeutiger Hinweis. Angeblich wurde es vom Nachtstuhl, der zwei Armlehnen und eine hohe Rückenlehne mit einer Herz-Verzierung hatte, auf die Aborthäuschen übertragen. Es sorgte nicht nur für etwas Helligkeit, sondern auch für die Belüftung.

Mobil im Geschäft

In Amerika erfand ein cleverer Geschäftsmann die ersten mobilen Toiletten und vermietete sie. Durch die Fließbandarbeit in den großen Autowerken und den Werften an der Ostküste waren in den 1940er-Jahren die Sanitäranlagen überfordert. In Deutschland wurde das Nachfolgemodell des hölzernen Klohäuschens von Fred Edwards entwickelt. Er war US-Soldat und gründete 1973 nach seinem Ruhestand das Unternehmen "Dixi-Klo". Der große Durchbruch kam beim Papstbesuch Johannes Paul II. 1980 in München. Die Firma bekam einen Großauftrag. Heute sind mobile Toiletten auf Baustellen oder bei Großveranstaltungen nicht mehr wegzudenken.

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